Kinder und Bücher machen

18.01.2013 | 18:33 |  Von Reinhard Urbach (Die Presse)

Der heiterste aller Klassiker: Vor 200 Jahren starb Wieland. Von Christoph Martin Wieland lässt sich schwärmen. Über ihn könnte man in Superlativen sprechen.

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Von Christoph Martin Wieland lässt sich schwärmen. Über ihn könnte man in Superlativen sprechen. Er ist der unbekannteste des Viergespanns der Weimarer Klassik. Neben Goethe, Schiller und Herder ist er kaum mehr im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dabei ist er der heiterste Autor, den die Deutschen je hatten. Heiterkeit bedeutet das, wofür man im 18. Jahrhundert das Wort „Witz“ hatte. Damit war kein Ulk oder Scherz gemeint, sondern aufgeklärte Geistigkeit, die sich nicht durch die Schrecknisse der „besten aller Welten“ verfinstern ließ. Wieland war kein Spaßvogel, aber sein Porträt zeigt Lachfalten.

Mit 16 Nachkömmlingen war er der kinderreichste Autor seiner Zeit. Kinder und Bücher machen – beides tat er gern, beides fiel ihm leicht. Er war der gebildetste Autor seiner Zeit. Das zeigt sich nicht nur an seiner Belesenheit, die er in seinem „Teutschen Merkur“ ausbreitete, einer Zeitschrift, in der er den Geist seiner Zeit verwaltete – das zeigt sich auch an seiner umfangreichen Übersetzertätigkeit. Von ihm stammt ein deutscher Lukian, ein eingedeutschter Cicero. Von ihm stammen die ersten, erstaunlich sicheren Übersetzungen Shakespeares – zu einer Zeit, als den die Stürmer und Dränger noch nicht für sich und ihren neuen Stil entdeckt hatten.

Wieland hatte seine Vorlieben, aber er führte ein offenes Haus, in dem Outsider Zuflucht fanden. Keiner hat Kleist so verstanden und ermuntert wie er. Keiner außer ihm hat Lenz akzeptiert, der von allen verstoßen wurde. Keiner hat den jungen Brentano so gefördert. Wenn er Feindbilder hatte, dann die verstockten Fundamentalisten. In seinen späten Jahren war er der verkannteste Autor. Sein „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“ (1801) war eben nicht romantisch, sondern aufgeklärt – und deshalb als unmodern verfemt.

 

Zu „ergetzen“ war seine Absicht

Dass er in ein Eck der Literaturgeschichte gestellt wurde, in dem sein Bild verstauben musste, hat kaum jemanden gestört. Auch die Bemühung Jan Philipp Reemtsmas, der mit viel Geld die Wieland-Büste poliert, hat nicht viel geändert. Wahrscheinlich liegt das an der Verbindung von Philosophie und Erotik, Gesellschaftsethik und politischer Satire – die Mischung stieß die Leser eher ab. Wieland konnte furchtbar umständlich sein, war dabei aber oft genug so graziös und charmant, dass er seine Leser entzückte. Zu „ergetzen“ war seine Absicht.

Arno Schmidt beantwortete die selbst gestellte Preisfrage, was einen deutschen Intellektuellen ausmache: Er muss Wieland kennen. Womöglich gilt das auch für die österreichischen. Denn kein deutscher Autor hatte größeren Einfluss auf die Wiener Komödie („Die Zauberflöte“, Raimunds Feenmärchen) als Wieland mit seinen leichten, lockeren, gut gebauten Verserzählungen, etwa „Musarion“ (1768) und „Oberon“ (1780). Wie keiner verstand er sich auf die Erotik der Andeutung, die so fern von Pornografie ist wie der Himmel von der Hölle.

Für Anfänger sei ein Büchlein empfohlen: „Wieland zum Vergnügen“ (Reclam). Weniger eine Sammlung von Scherzen als eine komprimierte Anthologie seiner Themen und Ideen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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