Leben in Literatur abstoßen

18.01.2013 | 18:33 |  Von Thomas Rothschild (Die Presse)

Der Roman „Das grüne Zelt“ von Ljudmila Ulitzkaja erzählt in parallelen Lebensläufen von drei seit Schulzeiten verbundenen Freunden in den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion. Von Widerstand und von Verrat.

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Der erste Satz beginnt so: „Tamara saß vor einem Teller mitglibberigem Spiegelei.“ Der dritte Absatz hebt an: „Das Radio spie feierliche Musik.“ Der Rezensent zuckt zusammen. Hat das die russische Autorin wirklich so formuliert? Ein Blickins Original ergibt: Tamara saß vor einem Teller mit flüssigem Rührei (oder von mir aus mit flüssiger Eierspeis). Und das Prädikat, das Ljudmila Ulitzkaja für das Radio wählt, lässt sich zwar mit „speien“ (oder besser mit „kotzen“) übersetzen, aber eben auchmit „auswerfen“, „ausstoßen“. Klingt der Halbsatz nicht gleich ganz anders, wenn er so lautet: „Das Radio stieß feierliche Musik aus“? Zumal er dann mit den Worten „aber nicht sehr laut“ (im Original eigentlich „aber keine allzu laute“) fortgesetzt wird.

Zu Recht beklagen sich literarische Übersetzer, dass ihre Arbeit (in Rezensionen) zu wenig gewürdigt wird. Wenn Literatur zentral aus Sprache besteht, dann haben sie einen entscheidenden Anteil an dem Werk, das dem Leser einer Übersetzung vorliegt. Streng genommen liest er, wenn er Shakespeare in deutscher Sprache liest, Schlegel oder Tieck oder Schaller oder Fried, nicht Shakespeare, wie er im Kino den „Tod in Venedig“ von Visconti, nicht von Thomas Mann sieht. Wenn aber den Verdiensten guter Übersetzer Anerkennung gebührt, dann muss man auch darauf hinweisen dürfen, dass schwache Übersetzungen ein Werk beschädigen, einen falschen Eindruck vom Original vermitteln können.

Ulitzkajas Tonfall ist am Anfang ihres Romans durchaus ironisch, ihre Wortwahl ungewöhnlich, aber auch bei ihr speit das Radio keine Musik. Dass die Schreibweise russischer Namen in der Danksagung kunterbunt durcheinanderwirbelt – einmal Elena, dann Eléna, einmal Jelena oder Liuba, dann aber Ljussja, französisierend Kostioukovitch, Freidine, Okoun, Serguei, anglogermanisierend Shnitke-Meyerson –, mag auf das Konto der Dankenden gehen, aber wozu hat man Übersetzer und Lektoren?

Der fast 600 Seiten umfassende Roman „Das grüne Zelt“, 2010 in Moskau erschienen, handelt von Ilja, Sanja und Micha, die seit Schultagen miteinander befreundet sind. Die Autorin, geboren 1943 in Baschkirien, wohin ihre Eltern während des Kriegs umgesiedelt worden sind, erzählt ausführlich, in anekdotischen Episoden vom Heranwachsen der Altersgenossen, von ihrem Lehrer Viktor Juljewitsch, der die Literatur, nicht aber den Krieg liebt, am Rande auch von Pasternaks „Doktor Schiwago“ und von Chruschtschows Rede über Stalins „Personenkult“. Das weitere Leben, Beruf und Familie lassen die Freunde verschiedene Wege gehen. Sie werden vor die Entscheidung gestellt, sich wie die Dekabristen, Solschenizyn oder Daniel und Sinjawski als Dissidenten oder als Verräter zu verhalten. Die Konstruktion des Romans mit drei Parallellebensläufen erlaubt der Autorin, die Möglichkeiten einander gegenüberzustellen.

Viele Figuren ergänzen das Trio. Authentizität ist gewährleistet: Die Genetikerin wurde in den 1970er-Jahren von ihrer Forschungsstelle an der Akademie der Wissenschaften wegen Abschrift und Verbreitung von Samisdat-Literatur entlassen. Erst danach wurde sie Schriftstellerin. In den vergangenen 20 Jahren hat sie ein Dutzend Bücher veröffentlicht. Sie sagt von sich selbst: „Ich gehöre zur Gattung der Schriftsteller, die sich hauptsächlich vom Leben abstoßen. Ich bin kein konstruierender, sondern ein lebender Schriftsteller.“ (Ja, sie benützt die männliche Form, obwohl es im Russischen auch ein Wort für „Schriftstellerin“ gibt.) Bis heute, sagt sie, erleide sie die „Empfindung des Dilettantismus“. Das ist bewundernswert ehrlich. Aber es bewahrt den Leser nicht vor der gleichen Empfindung – trotz Prix Médicis und Booker-Preis.

„Das grüne Zelt“ ist der Tradition des realistischen Romans uneingeschränkt verpflichtet. Es ist vollgestopft mit Realien, manchmal nähert es sich dem historischen Sachbuch, und wo viele Details zumindest älteren Lesern bekannt sind, ist das auch ein wenig dröge. Immerhin gewährt Ulitzkaja eine Innensicht der Verhältnisse in der Sowjetunion, macht erkennbar, dass, wo Unrecht herrschte, auch Empörung war. Zu den besten Passagen gehört das Kapitel über Iljas Verhör durch den KGB.

Im letzten Drittel gewinnt der Roman an Tempo. Micha bekommt drei Jahre Freiheitsentzug wegen eines Artikels über die Umsiedlung der Krimtataren während des Zweiten Weltkriegs. Als ihm, als Gegenleistung für eine erhoffte Denunziation, die Ausreise angeboten wird, springt er aus dem Fenster. Der letzte Satz des Romans lautet: „Es war kurz nach ein Uhr nachts, am 28.Januar 1996. In dieser Nacht starb der Dichter.“Der Dichter ist Joseph Brodsky. Auch die Dissidenten haben ihre Heiligen.

Das Paradox dieses Romans besteht darin, dass er ein Gegenbild zur schönfärberischen Darstellung der sowjetischen Realität liefern will, das aber in einer Form tut, die sich von jener der seit den 1930er-Jahren verfassten sowjetischen Romane nicht unterscheidet. Zu den Kontinua russischer Literatur gehört der durch keine Zweifel erschütterte Glaube an die moralische Macht der Künste, besonders der Literatur. „Die Literatur ist das Einzige, was dem Menschen hilft, zu überleben, sich mit seiner Zeit zu versöhnen“, belehrt Viktor Juljewitsch. Über Stockhausens Musik sagt Sanja: „Vielleicht ist das mehr als ein neuer Stil, vielleicht ist es eine ganz andere Denkweise.“

„Das grüne Zelt“ verfügt weder über einen neuen Stil noch über eine ganz andere Denkweise. Zwischen enzyklopädischer Pedanterie dringt immer wieder jener belehrende Tonfall durch, der auch die sowjetische Literatur kennzeichnet. Manchmal kann es sich die Autorin nicht verkneifen, Lebensweisheiten einzubringen, die offenkundig zu ihrem Repertoire gehören. „Er wusste, wie dumm und unsinnig alle Versuche waren, den Inhalt von Musik in einer speziell dafür entwickelten pseudopoetischen Sprache nachzuerzählen – das wirkte immer schwülstig und verlogen.“ Diese Einsicht ist wohl richtig. Originell ist sie nicht. Für einen Essay zu wenig, für einen Roman zu viel. „Er hasste die grauenvollen Kommentare in Programmheften – wie Chopin zu verstehen sei oder was Tschaikowski gemeint habe.“ Und wenn jemand die Gewohnheit hasste, eine keineswegs banale Romanfigur durch Banalitäten zu charakterisieren?

Wer Romane mag, die „sich hauptsächlich vom Leben abstoßen“, wird wohl auch am „Grünen Zelt“ seine Freude haben. Wer eine „ganz andere Denkweise“ vorzieht, wird hier nicht fündig. Das Leben ist eben, für sich genommen, nicht literarisch. ■



Ljudmila Ulitzkaja
Das grüne Zelt

Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. 592S., geb., €25,60 (Hanser Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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