Große Reise ins Nirgendwo

18.01.2013 | 18:33 |  Von Friederike Gösweiner (Die Presse)

Kluger Witz: Hanno Millesis etwas anderes Roadmovie. Hanno Millesis neuer Roman heißt „Granturismo“, frei übersetzt für „die große Reise“, für aufregende Abenteuer auf offener Straße, irgendwohin, ins Nirgendwo.

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Hanno Millesis neuer Roman heißt „Granturismo“, frei übersetzt für „die große Reise“, für aufregende Abenteuer auf offener Straße, irgendwohin, ins Nirgendwo. Wer Millesi kennt, weiß, dass der Titel nicht ganz ernst zu nehmen ist. Ironie ist bei ihm Programm. Es verwundert also kaum, dass die „große Reise“ weder groß noch allzu aufregend ist. Der Held wagt sie auch nicht freiwillig, sondern unternimmt sie aufgrund „der Krise“. Er wird entlassen. Wobei ihm der Vorgesetzte den Rausschmiss, mit dem der Roman eröffnet, als Belohnung verkauft. Schließlich trete der Angestellte über in eine „Phase der Eigenverantwortung“ und das sei ein „unbezahlbares Investment“, weshalb es eben auch nicht bezahlt wird.

Unerhört ist das, was da aus dem Mund des Vorgesetzten kommt, und zugleich auch unerhört komisch – auch wenn man fast nicht zu lachen wagt. Aber genau das ist Millesis Stärke: etwas Ernstes mittels Originalität und Fantasie derartig ins Grotesk-Komische zu ziehen, dass es einem schwerfällt, die tragische Dimension überhaupt noch zu sehen.

Die „große Sinnsuche“, die Millesis Held im Folgenden im Umland von Wien unternimmt, mutiert so zur heiteren Persiflage von etwas, was man gemeinhin eine schwere Lebenskrise nennt. Millesis Held aber scheint trotz Entlassung frohen Mutes. Sein vages Ziel ist, über die Grenze zu gelangen. Allzu wichtig ist ihm das aber nicht, bereitwillig lässt er sich von jedem, der ihm begegnet, ablenken, zum Beispiel von Dichter Teddy, der Ähnlichkeiten mit Theodor Kramer aufweist, dessen Gedichte er auch zitiert, oder Sci, dem Vertreter einer Firma, die ihren Kunden hilft, „ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen“. Immer enden diese Begegnungen für den Helden mit einer großen Konfusion, sodass er, anstatt dieGrenze zu passieren, wieder in die S-Bahn steigt – Richtung Heimat.

 

Was man beim Schreiben erlebt

Er scheitert also. Und auch wenn Millesis Helden das selbst nicht zu stören scheint, so stört das doch den Autor. So sehr, dass er sich zwischen diesen Episoden kommentierend einmischt. Selbstironisch berichtet Millesi auf dieser Meta-Ebene des Romans seinerseits von einer „großen Reise“, nämlich der, die er beim Schreiben erlebt, wo natürlich auch nichts nach Plan verläuft.

Zusammen ergibt das ein durchaus amüsantes Zwiegespräch zwischen Autor und Romanfigur, das zwischen klugem Witz und purem Klamauk oszilliert. Natürlich kann man sich am Ende fragen, worauf das Buch hinauswill. Klüger ist man nicht geworden. Aber darum geht's gar nicht. Millesi will nicht belehren, er will unterhalten: „Schließlich soll das ja irgendwer lesen, und der will unterhalten werden“, sagt er im Roman. Und das gelingt ihm allemal.

Wenn man so will, ist „Granturismo“ das etwas andere Buch zur Krise. Eines, das nicht ernsthafte Ursachenerforschungbetreibt, sondern der Krise mit Galgenhumor und Selbstironie begegnet. Man könnte auch sagen, das österreichische Buch zur Krise. Denn „Granturismo“funktioniert frei nach dem kakanischen Motto: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Wer diese Haltung mag, wird „Granturismo“ lieben. ■





Hanno Millesi
Granturismo

Roman. 232S., geb., €21,90 (Luftschacht Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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