Huhn mit Vivaldi

18.01.2013 | 18:34 |  Von Rainer Moritz (Die Presse)

Anita Augustins Debütroman „Der Zwerg reinigt den Kittel“ ist eine sehr komische, manch-mal etwas ausufernde Satire auf die zweifelhaften Schönheiten des Altersheimalltags.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Nein, elegant ist dieses auffällige Cover nicht. In fluoreszierendem Pink sticht es dem Leser unangenehm ins Auge, und weder die Kritzelschrift, die den eigentümlichen Titel wiedergibt, noch das Motiv eines schwarzen Müllsacks widerlegt die unschöne Anmutung. Doch wie man Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen soll, so ertragen wir den Willen zur gestalterischen Schrillheit, die um jeden Preis signalisieren soll, dass wir es mit einem schrillen Buch zu tun haben. Und in der Tat: Die 1970 in Klagenfurt geborene und heute in Berlin als Dramaturgin lebende Anita Augustin legt einen Romanerstling vor, der nicht auf leisen Sohlen daherkommt und mit der weit verbreiteten tristen Kurzatmigkeit vieler Debüttexte nichts zu tun hat.

Renitente alte Damen besetzen das Zentrum des Romans – eine Reaktion auf den demografischen Wandel der westlichen Gesellschaften, der inzwischen Endfünfziger zu „Best-Agern“ macht und in der Gegenwartsliteratur zu einer Fülle von oft deprimierender Seniorenheimprosa führt. Anita Augustin setzt auf eine andere, immer wieder aufgegriffene Traditionslinie, die an die Seite gedrängte Alte zur Selbsthilfe greifen lässt – wie etwa schon 1974 in Bernhard Sinkels Film „Lina Braake“. Rächte sich dort ein Paar jenseits der achtzig durch Kreditbetrug an seiner Bank, so lässt Anita Augustin vier Rentnerinnen aufmarschieren, die sich anfangs im Gefängnis wiederfinden und mit ihrer „Erinnerungsarbeit“ beginnen. Merkwürdige Dinge scheinen sich zuvor zugetragen zu haben, denn ursprünglich wollten die entschlusskräftigen Pensionistinnen ihren Lebensabend im Seniorenstift Residenz verbringen – einer Stätte, die ihren Bedürfnissen ideal entsprach: „Wir gehen ins Altenheim. Das ist der einzige Ort, an dem sie uns in Ruhe lassen werden. Altenheim, Irrenanstalt, Hochsicherheitstrakt für Schwerstverbrecher – alles dasselbe Prinzip. Prinzip: lebenslänglich Ruhe haben.“

Almut Block heißt die Ich-Erzählerin, die, ehe der quälende Ruhestand sie ereilt, als Ankleiderin in einem Theater tätig war. Ein freundlicher Zufall will es, dass sie mit drei vor dem gleichen Altersdilemma stehenden Jugendfreundinnen zusammenkommt: Sportlehrerin Karlotta, Witwe Marlen und Krankenschwester Suzanna. Alle vier haben sich, um ins Heim zu gelangen, altersgemäße Frauenleiden zugelegt und simulieren, was das Zeug hält.

Anita Augustins Roman ist so eine zum Teil sehr komische, manchmal etwas ausufernde Satire auf die zweifelhaften Schönheiten des Altersheimalltags. Nichts, was von einer solchen Farce zu erwarten wäre, fehlt in dieser temporeichen Prosa: gemeine Oberschwestern, noch gemeinere Heimleiterinnen, penible, um die Rasenpflege besorgte Hausmeister und überforderte Jungpfleger, die die Waffen strecken, wenn sie Hautpartien zu säubern haben, die brüchiger als welkes Herbstlaub sind. Natürlich müssen die vier vom Heim Mitbewohner ertragen, die recht besehen nicht zu ertragen sind. Wie den rüstigen, vorhersehbare Witze zum Besten gebenden Kurt Schwochow, der darauf hofft, durch sportliche Übungen dem Zahn der Zeit zu trotzen, natürlich vergebens: „Liegestütze gegen den körperlichen Verfall, das ist in etwa so sinnvoll wie ein Fruchtbarkeitstanz unter Eunuchen.“

Wo selbst der Fernseher keine Rettung mehr darstellt, sind die Mahlzeiten, zu denen die Bewohner mit „An der schönen blauen Donau“-Klängen gerufen werden, von immenser Wichtigkeit. Was den wehrlosen Greisen im Speisesaal geboten wird, spottet jedoch fast jeder Beschreibung: „Zu Mittag gibt es in der Residenz immer Huhn und Vivaldi. Das Huhn ist geschnetzelt, der Vivaldi auch, es gibt da diese Version von diesem berühmten venezianischen Orchester. Sie wissen schon, das mit den elektronisch verstärkten Streichinstrumenten und dem Synthesizer.“

Zum deprimierenden Einerlei zählen ödeGesellschaftsspiele, die verraten, warum – wiederum auf äußerst gewitzte Weise – dieser Roman heißt, wie er heißt. Und man hätte den auch gern gelesen, wenn es Anita Augustin bei einer an Skurrilitäten reichen Komödie belassen hätte. Doch dabei bleibt es nicht: „Der Zwerg reinigt den Kittel“ spielt im Jahr 2023 – was eine gute Gelegenheit gibt, überzeugende Lösungen für alle Überalterungsprobleme zu liefern. Aus Langeweile schließt sich die Erzählerin einem Professor an, der sich weigert, das TV-Einheitsprogramm zu konsumieren, und stattdessen darüber forscht, wie frühere Gesellschaften mit alten Menschen umgingen. „Gerontozid“ lautet der bitterböse Schlachtruf, und in der Zukunftsperspektive des Romans scheint es mit einem Mal gar nicht so abwegig, sich an rituelle Altentötungen zu erinnern. Zumal sich am Ende des Romans eine leibhaftige Ministerin ansagt, die – dankder freundlichen Unterstützung eines Pharmakonzerns – aus dem Altersheim eine Versuchsstation machen möchte. Mit dem gängigen Überzeugungslächeln propagiert die Politikerin das Motto dieser Großtat: „Barrierefrei forschen: Heute testen, was wir morgen brauchen“. Gut bekommen, so viel sei verraten, wird das der Ministerin nicht.

Ob sich das alles freilich auf diese Weise ereignet hat, ist mehr als fraglich. Denn vielleicht entspringt die Vision nur einem Trauma der Ich-Erzählerin, die 40 Jahre zuvor ein Schockerlebnis hatte, dem sie mithilfe des Gefängnispsychiaters auf die Spur kommt. Vielleicht war alles nur Einbildung, vielleicht gab es niemals Freundinnen, die Almut Block zur Seite standen und zur Eroberung der Residenz aufriefen. Der Zweck heiligt die Mittel, oder? ■





Anita Augustin
Der Zwerg reinigt den Kittel

Roman. 334S., brosch., €15,50 (Ullstein Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

AnmeldenAnmelden