„Schwarz“ auf der Welt sein

22.02.2013 | 18:43 |  Von Brigitte Schwens-Harrant (Die Presse)

Literaturnobelpreisträger Mo Yan übt in seinem Roman „Frösche“ Kritik an den Auswüchsen der Ein-Kind-Politik Chinas. Im Zentrum steht eine Hebamme, die Kindern nicht nur zur Welt verhilft – sondern sie auch beseitigt.

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Anfang Februar ging der Fall durch internationale Medien: In Ostchina soll ein staatlicher Familienplaner einen 13 Monate alten Buben mit seinem Auto überfahren haben. Die Beamten hatten die Familie aufgesucht, da der Bub bereits das dritte Kind war – also verboten. Im gegenwärtigen China – in dem Zwangsabtreibungen und -sterilisationen offiziell nicht erlaubt sind – gilt noch die Ein-Kind-Politik (Ausnahmen gibt es auf dem Land, wenn das erste Kind ein Mädchen ist). Wer dagegen verstößt, muss ein – für Arme kaum leistbares – Bußgeld zahlen. Auch der Zwang scheint nicht vorbei zu sein. Im Vorjahr hatte ein Mann das Bild seiner Frau veröffentlicht, die neben ihrem toten Fötus liegt: Man habe sie hochschwanger zur Abtreibung gezwungen. Vorgänge wie diese – durch das Internet leicht zu verbreiten – bringen die Bevölkerung auf, längst brodelt es im Volk.

Gegen die lokalen Behörden wird nun im Fall des überfahrenen Buben angeblich ermittelt. Eine Vertreterin solcher Behörden wählte sich Literaturnobelpreisträger Mo Yan als Protagonistin seines jüngsten Romans, „Frösche“. Der Ich-Erzähler Wan Fuß, Theaterschriftsteller mit dem Pseudonym „Kaulquappe“, schreibt an einen japanischen Freund in Form von ausufernden Briefen die Geschichte seiner Tante, über die er ein Theaterstück verfassen will und wird. Die geschätzte Gynäkologin mit heilenden Händen pervertiert ihren Beruf, als die Einkindpolitik ausgerufen wird, mit einem dem Gehorsam weit vorauseilenden Pflichtbewusstsein. Voll Phrasen und besessen verfolgt sie schwangere Frauen, die die Abtreibung verweigern und sich verstecken (denn ist das Kind erst geboren, steht es unter dem Schutz des Gesetzes), und setzt sogar Kopfgeld aus.

Mo Yan schreckt wie in seinen bisherigen Romanen, die alles andere als ein heiles China schildern, auch hier nicht davor zurück, Gewalt gründlich zu beschreiben. Die Brutalität der Zwangsabtreibungen und -sterilisationen, des Einsetzens von Spiralen gleich nach der Geburt – ohne Wissen der Frauen – macht er an Einzelschicksalen im ländlichen Raum deutlich. Da springt etwa eine Hochschwangere, die man abführt, um gegen ihren Willen eine Abtreibung vorzunehmen, ins Wasser und versucht, sich und das Ungeborene schwimmend in Sicherheit zu bringen, wird aber von der Tante und ihrer Helferin mit dem Schiff verfolgt. Die Perspektive des Romans ist zusätzlich verstörend. Besondere Brutalität erhält die Szene dadurch, dass der Ich-Erzähler sie im Rahmen einer Liebesgeschichte schildert. Während die Schwangere um ihr Leben und das ihres Kindes schwimmt (und verlieren wird), beobachtet er den in die Helferin verliebten Freund. Selbst das Leben von Chen Nase (er war das erste Baby, dem sie auf die Welt half) zerstört die Tante in ihrem unermesslichen Pflichtbewusstsein, indem sie dessen Frau unerbittlich suchen lässt. Kein Mittel bleibt ungenützt, die Vertreter der Behörden lassen die Häuser jener zerstören, die sich weigern, ihre schwangeren Frauen auszuliefern – bei den Häusern der Nachbarn beginnt man, um so auch den sozialen Druck ins Unermessliche zu steigern.

Mo Yan erzählt eine grauenhafte Tötungsgeschichte, im Namen der Bevölkerungspolitik durchgeführt – Argumente für diese Politik werden auch zahlreich eingeflochten. Er landet schließlich in der Gegenwart des kapitalistischen China – und in ausbeuterischen Plüschtierfabriken und bei Babymilchskandalen. Nun kann es sich der richten, der Geld hat: Die Wohlhabenden kaufen sich mit Bußgeldern frei oder leisten sich Leihmütter, dann steht ihrem Kindersegen nichts im Weg. Der „Staatssäckel“ wird damit gut gefüllt. Das Nachsehen haben wieder einmal die Armen, die gerade zu ihrer Versorgung die Kinder brauchten. Sie bringen ihre Kinder „schwarz“ auf die Welt.

Die Tante, die von der Geburtshelferin zur vielfachen Mörderin wurde, sucht nun das Schuldgefühl heim. Das Quaken von Fröschen erscheint wie das „Weinen von Tausenden und Abertausenden Neugeborenen. Als wären es die Neugeborenen, an denen sie sich versündigt hatte, und deren Totengeister nun Anklage erheben würden.“

Dass dieser Roman, der Strafversetzungen und Folter ebenso thematisiert wie die Ideologisierungskampagnen der Regierung, kritisch ist, werden selbst jene zugeben müssen, die Mo Yan wegen seiner Funktionärstätigkeit im chinesischen Autorenverband kritisieren und vermissen, dass er öffentlich Kritik am Regime äußert. Mo Yan hat sich gegen die Vorwürfe, er nehme politisch keine Stellung, immer mit dem Hinweis darauf gewehrt, dass er eben literarische Werke schreibe. In seinem Nachwort, verfasst 2009, geht er sehr konkret auf die Aktualität des Themas ein: „Es ist immer mein Ziel, mit meiner Literatur heikle Themen anzusprechen, denn ich finde, dass die Literatur und der menschliche Geist sich mit den Problemen der Menschen, ihren Leiden und ihrem Schicksal befassen sollen... Aber wenn der Autor sich heiklen Fragen widmet, ist er der Kritik ausgesetzt, und man rügt ihn der Liebedienerei gegenüber dem Westen.“

Wie kann ein solcher Roman in einem Land erscheinen, aus dem ein Menschenrechtler wie der blinde Chen Guangcheng fliehen musste, der Beschwerden über erzwungene Abtreibungen gesammelt hat? Mo Yans Trick, an der Zensur vorbeizukommen, waren immer schon die Fiktion und ihre Mittel, etwa die Groteske und die Figurenrede. Das bäuerliche Volk ist durchaus aufmüpfig, die Kampagnen wollen nicht greifen: Frauen, die gezwungen werden, Antibabypillen zu nehmen, spucken diese wieder aus, lassensich Spiralen entfernen. Vorführungen in denDörfern erreichen das Gegenteil: „So eine Propaganda für Verhütungsmethoden war das reinste Fertilitätsprogramm, besser als jedes Aphrodisiakum.“ Eine „Massenkritikversammlung“, bei der Beschuldigte öffentlich vorgeführt werden, lässt Mo Yan überhaupt im Eis einbrechen.

Die zuhauf direkt geäußerte Kritik an den Behörden findet auch diesmal in direkter Figurenrede ihren Platz. Vor allem Frauen sagen, was sie denken. „Diese Sache mit der Geburtenregelung, Schwägerin, hast du dir die selbst ausgedacht, oder haben die da oben dir das aufs Auge gedrückt?“, fragt die Mutter des Ich-Erzählers, viel hellsichtiger als dieser selbst, der seine eigene Frau opfert, weil er bei ihrem zweiten Kind seine Parteimitgliedschaft und seinen Arbeitsplatz verloren hätte. Und auch die Alkoholisierten sprechen ungebremst: „Ihr bestimmt schon über Himmel und Erde, und nun meint ihr, ihr könnt noch bestimmen, wann und wie das Volk seine Kinder bekommt?“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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