Die Herrin und ihr Hündchen

22.02.2013 | 18:43 |  Von Susanne Schaber (Die Presse)

Etwas mutlos: Astrid Rosenfelds Coming-of-Age-Roman über die Liebe eines dicklichen Buben zu einer „Bohnenstange“.

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Das zweite Buch ist ein Hund. Gerade auch, wenn das erste erfolgreich war, unerwartet erfolgreich vielleicht auch noch. So wie's bei Astrid Rosenfeld gewesen ist: Ihr Erstling, „Adams Erbe“, startete bei Diogenes, kraxelte die Bestsellerlisten hinauf und landete schließlich auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Das war im Herbst 2011. Wer so schnell losgesprintet ist, gerät unter Druck. Von allen Seiten kommen die Erwartungen. Von der eigenen Latte, die höher liegt als je zuvor, gar nicht zu reden.

„Elsa ungeheuer“, wie Astrid Rosenfelds neuer Roman heißt, ist jedenfalls zügig unterwegs und nur knappe anderthalb Jahre nach dem Erscheinen seines Vorgängers
auf dem Markt: Ein ganz anderer Stoff und Erzählduktus, nichts, was sich direkt an seinem Vorgänger messen muss. Und doch steckt in diesem Band auch die Angst, das spürt man. Würde die Geschichte einer verqueren Liebe tragfähig sein? Karl ist acht, als die elfjährige Elsa im Dorf auftaucht und mit ihr ein Stück fremde Welt. Dünne Arme und Beine, langes glanzloses Haar, nicht der kleinste Ansatz eines Busens: eine Bohnenstange, die Karl vom ersten Blick an fasziniert. Ein paar Jahre lang sind die beiden unzertrennlich, die Herrin und ihr Hündchen. Ihr Fetti, wie sie ihn nennt. Denn Karl ist dick. Er hofft trotzdem, irgendwann erhört zu werden. Doch das passiert nicht. Stattdessen erlebt er, wie sein älterer Bruder Lorenz zum Zug kommt. Oder auch der Onkel Elsas, zwangsweise.

„Elsa ungeheuer“ ist ein Buch über Leidenschaften und Obsessionen, über kindliche Verletzungen die sich weit ins Erwachsenenleben hineinstrecken, über Projektionen und Enttäuschungen. „Man kann über diese Liebe eines kleinen, dicken Jungen lachen. Aber man sollte nicht“, heißt es am Ende des ersten Abschnitt des zweiteiligen Romans. Er beginnt etwas schleppend, auch betulich und läuft dann doch zu ordentlicher Form auf, ist leichtfüßig in seinem Witz und hintersinnig in den Andeutungen.

Der zweite Teil des Bandes schlägt dann die Brücke in die Gegenwart. Und eben da verlässt die 1977 in Köln geborene Astrid Rosenfeld der Mut. Nun muss auch noch eine zweite Ebene her, eine Satire auf den Kunstbetrieb von heute, auf Künstler, Preise und einen Markt, in dem der Maler zur Marionette gieriger Galeristen und Sammler wird. Nicht neu, was die Autorin da alles auffährt. Mit viel Mühe werden auch die Brüder Karl und Lorenz in der Szenerie verankert – während Elsa, die eigentliche Hauptfigur des Buches, längst über den Großen Teich verschwunden ist. Um dann in einem furiosen Finale nochmals aufzutauchen.

Mit dieser „Elsa ungeheuer“ hätte man gut zu tun, die Figur springt weit genug. Das würde reichen für einen schmalen Roman. Aber eben: Zweitlinge haben ihre Tücken, die Angst ist ein Hund, der Druck lässt die Stimme lauter werden, die Gesten größer, die Geschichten auffälliger. Wäre gar nicht nötig gewesen. Und anders wohl auch ein ganzes Stück besser. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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