Überleben in Berlin-Mitte

22.02.2013 | 18:44 |  Von Norbert Mayer (Die Presse)

Flotte Stoffe: Johanna Adorjáns „Meine 500 besten Freunde“.

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Auf den ersten Blick fällt die Eleganz des Buches auf: Die Stories von „Meine 500 besten Freunde“sind in blaues Leinen gebunden,sie haben ein Lesezeichen-Bändchen, und auch die Schrift ist so mitternachtsblau wie der Zeitungskopf der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, für deren Redaktion die in Berlin lebende Schriftstellerin Johanna Adorján seit 2001 arbeitet. Sie gehört dort zu den „Edelfedern“, möchte man schreiben, doch schon beim Lesen der dritten von 13 Geschichten muss man diesen Begriff beschämt zurücknehmen. In „Die Besten der Besten“ ist ein eitler Journalist für einen Preis nominiert, der sich „Goldene Edelfeder“ nennt.

War auch die Autorin bereits für solch eine Auszeichnung nominiert? Hat sie vergeblich gehofft – oder doch triumphiert? Möglich wäre es, denn Adorján, die in München Theater- und Opernregie studierte, ist eine ausgezeichnete Autorin. Mit scharfem Blick beobachtet sie das Milieu, stellt es neckisch bloß. Zum Beispiel den Film-Aspiranten in „You remind me of a friend I never had“, der einen fast vergessenen Star aus der Nazizeit für sein Regiedebüt gewinnen will und beim Besuch des Greises in eine absurde Situation gerät. Oder „Die Praktikantin“, die ihre Karriere körperlich berechnend plant, dabei aber vergisst, dass auch alte Redakteure zur Berechnung neigen können. Männer sind vor Niederlagengenauso wenig gefeit, wie „Jelena“ vorführt, eine komische Dreiecksgeschichte mit der Neuen und der Ex.

Adorjáns Feld ist die wieder erstandene deutsche Hauptstadt, genauer gesagt Berlin-Mitte, wo sich ihre Protagonisten herumtreiben. Sie träumen vom Aufstieg, kommen meist aus dem Biotop der Medien, aus dem Umfeld von Film und Theater, bevölkern Szene-Lokale wie das Borchardt oder Prestige-Hotels wie das Adlon. Um Oberflächlichkeiten zu charakterisieren, reicht der Autorin oft ein Nebensatz – das ganze falsche Theater wird sichtbar. Wenn man aber einen drogenabhängigen Schauspieler zur Therapeutin begleitet, gibt es bei „Frau Weber“ statt Einsicht nur neue Lebenslügen. Den Betroffenen geht es oft um Status, sie fürchten seinen Verlust. Ihre Befindlichkeiten wirken authentisch.


Ein Nachruf aufs Feuilleton

Der Stil der Erzählungen, die in eine gehobene Sonntagszeitung passen würden, ist unaufdringlich, doch pointiert. Und dann und wann gnadenlos: In „Feuilleton-Depression“, einer Elegie aufs Vergängliche, wird erklärt, was heute das Wesen dieses Zeitungsteils ausmacht, „in dem es um Kultur gehen sollte, wenngleich dort meistens lediglich das Assoziationsvermögen der jeweiligen Redakteure vorgeführt wurde, die – je nach Studium – in allem, was auf der Welt geschah, genau das erkannten, was sie eben kannten, eine Herangehensweise, die schon damals nicht mehr in die Zeit passte...“ Es folgt eine Fußnote: „*Zeitung war ein täglich oder wöchentlich öffentlich erscheinendes Druckerzeugnis, das die nationalen und internationalen Ereignisse des gestrigen, oft vorgestrigen Tages noch einmal zusammenfasste.“ So gemein können Feuilletonistinnen sein, die durch ein Medium, das man früher Buch nannte, nach Ruhm streben. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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