DiePresse.com

DiePresse.com | Spectrum | Literatur | Artikel DruckenArtikel drucken


Das Geräusch des Bleistifts

29.03.2013 | 18:34 | Von Rüdiger Görner (Die Presse)

Dem „Berührungsgestalter“ einen „Ginkgogruß“: Peter Handkes und Siegfried Unselds mittellange Briefe nach vielen kurzen Abschieden.

Manche Schriftsteller halten sich für ihre besten Verleger. Gelegentlich werden Verleger zu Autoren. Man denke an das leuchtende Beispiel Michael Krügers oder an die Autorschaft Jochen Jungs oder Klaus Wagenbachs.

Siegfried Unseld steht gleichfalls in dieser Reihe, in vieler Hinsicht aber über ihr, und das nicht nur aufgrund seines Buches „Goethe und seine Verleger“ – ein Meilenstein in Studien dieser Art. Denn Unseld war der Autor von Beziehungen vermittels einer Korrespondenztätigkeit, die jene eines Samuel Fischer, Paul Zsolnay, Gottfried Bermann-Fischer oder Kurt Wolff, selbst jene Anton Kippenbergs weit hinter sich lassen. Damit ist nicht allein der Umfang gemeint, sondern die schiere Intensität von Unselds Autorschaft von Beziehungen zu Schriftstellern. Führt man sich vor Augen, zu welchen Autoren Unseld gleichzeitig solche Beziehungen unterhalten hat, Max Frisch, Uwe Johnson, Martin Walser und Thomas Bernhard, dann übersteigt die Arbeits-und Lebensleistung dieses Verlegers das gemeinhin Vorstellbare. Der fünfte in diesem Bund der Schwierigen hieß Peter Handke.

Wie schon im Falle des Briefwechsels zwischen Unseld und Bernhard stellt sich einem bei der Lektüre dieses vorzüglich edierten Briefbandes die Frage, ob man innerlich Partei ergreifen soll für einen von ihnen. Zuweilen findet man sich auf Handkes Seite; er ist es ja, dessen sprachkünstlerisches Können den Anlass geschaffen hatte für diese Korrespondenz. Man teilt seine Freuden und Leiden, den Hintergrund für die „Kindergeschichte“, den Willen zum großen Werk, die Grenzerfahrung namens „Sinn für das wahnhaft Große“ im künstlerischen Schaffen, und muss vor allem dafür dankbar sein, dass Handke überhaupt die Erlaubnis für die Veröffentlichung seiner Briefe erteilt hat.


Erster Eklat bei der Gruppe 47

Der Briefwechsel setzt am 10. August 1965 ein, als Unseld dem 23-jährigen Peter Handke mitteilt, sein Romanmanuskript „Die Hornissen“ sei vom Suhrkamp Verlag angenommen. Kaum ein Jahr später gelingt Handke auf der Jahrestagung der Gruppe 47 in Princeton ein Eklat, als er seinen literarischen Mitstreitern kollektiv und schlagzeilenfähig „Beschreibungsimpotenz“ vorwirft. Bereits mit seinem zweiten Roman, aus dem er in Princeton vorliest, „Der Hausierer“, will er das manifestieren, worum es ihm geht: zu schreiben aus alleinigem Interesse an der Sprache. Seinem Verleger schreibt er im Nachklang zu Princeton, es dürfe keinen „Rückschlag in einen trivialen Realismus“ geben. Mehr noch, und das an der Schwelle zur Revolte von 1968: „Die Zeit der engagierten Literatur ist vorbei, es kommt eine Zeit der Reflexion, hoffe ich, eine Zeit des Nachdenkens über Denkschablonen, vielleicht ein sprachlicher Realismus statt eines beschreibenden.“ Zu dieser Zeit hatte ihm Unseld bereits bedeutet: „Werden Sie bloß nicht zu übermütig, seien Sie fleißig, arbeiten Sie, schreiben Sie.“

Im vierten Jahr des Briefwechsels sieht sich Handke veranlasst, seinen Verleger an einen besonderen Maßstab in Sachen „Korrespondenz mit Autoren“ zu erinnern: „Ich lese jetzt jeden Abend in dem Briefband Hermann Hesse – Peter Suhrkamp. Ich bin immer erstaunt über die Genauigkeit der Information, die Suhrkamp Hesse gegenüber bewies.“ Der Wink mit dem Zaunpfahl war für Unseld schwerlich zu übersehen. Inzwischen war man zum Du übergegangen, und zwar an Handkes 25. Geburtstag (1967).

Kurz zuvor hatte Handke in Berlin mit einem zweiten Eklat aufgewartet, seiner Dankesrede zum Gerhart-Hauptmann-Preis,in der er den Freispruch von Heinz Kurras begrüßte, jenes Polizeibeamten, der sich wegen fahrlässiger Tötung des Studenten Benno Ohnesorg vor Gericht zu verantworten hatte. Ein letzter Zweifel zeuge immer für den Angeklagten, meinte Handke. Daher regte er an, in Zukunft nur noch „Freisprüche“ zu fällen und die Gefängnisse abzuschaffen. Unseld dazu: „Zwar hätte ich die Schlussfolgerung nicht so krass hingestellt, aber die Tendenz ist richtig.“ Der Verleger sollte in Zukunft noch des Öfteren Gelegenheit haben, gewisse („einseitig politischen“) Ansichten seines anstrengenden Lieblingsautors – auch in der Öffentlichkeit – kommentieren zu müssen.

In der Folgezeit kümmert sich Unseld einfach um alles: das Wohlergehen der jungen Familie Handke, Wohnungsfragen, Darlehen für eine Immobilie und in zunehmendem Maße um die Werbetexte für Handkes Werke. Diese Texte, die auch Handke zu würdigen weiß, zusammen mit Unselds Aufzeichnungen über die Begegnungen mit demSchriftsteller, Auszüge aus seiner legendären „Chronik“, zeugen von einem Scharfblick und einem Urteilsvermögen in ästhetischen wie charakterlichen Fragen, die weit über bloßen verlegerischen Sachverstand hinausgehen. Man liest diese Einlassungen Unselds mit demselben Gewinn wie die Briefe selbst. Gelegentlich zitiert Unseld in seinen Briefen Stellen aus Handkes Werk, etwa aus den „Phantasien der Wiederholung“, gleichsam um ihm mit seinen eigenen Waffen zu begegnen: „Die Schrift muss sein wie ein schwieriges Schachspiel; jedes Wort ein Zug.“ Unselds Zusatz: „So muss es auch um die Verlagsarbeit bestellt sein.“

Als in ihrem Verhältnis ein Tiefpunkt erreicht ist und Handke ihm briefliche Zumutungen unterbreitet, kontert Unseld im Juli 1993 aus seiner Kurklinik am Bodensee: „Lieber Peter, ab und an hätte ich nicht übel Lust, dem einen oder anderen Autor einen Brief zu schreiben, derart, wie Du ihn mir geschrieben hast. Aber im Autor/Verleger-Stück braucht es ja wohl unbedingt das umgekehrte Rollenspiel, in dem fett gedrucktes Gesetz ist, ausschließlich nach Verletzung und Wahrheit des einen Protagonisten zu fragen.“ Auch das vermerkt Unseld, das Liebenswerte, Einnehmende, Hilfsbereite Peter Handkes (man denke allein an dessen selbstlosen Einsatz für Hermann Lenz, den er neben anderen Autoren bei Suhrkamp unterbringen konnte!) sowie dessen schiere Lebensleistung als lange Alleinerziehender seiner Tochter und dabei das Staunenswerte seiner unaufhörlichen Produktivität.

Im Mittelpunkt stehen in dieser Hinsicht Unselds detaillierte Würdigungen von Handkes Werk. Im Vorschautext für „Die Abwesenheit“ (1987) zum Beispiel erklärt Unseld treffsicher wie stets: „Handkes Prozess des Schreibens, des Entzifferns und Lesens ist ein Weg zu einer immer klareren Sprache, die in der Welt der Wüste und Verwüstungen, der Welt unserer Bedrohungen und Gefahren zum Rettungsweg wird.“

Der absolute Tiefpunkt im Verhältnis Handkes zu Unseld war erreicht, als dieser auf dem Schreibtisch des Verlegers eine handschriftliche Widmung Marcel Reich-Ranickis an Unseld entdeckte. Zu Handkes Reaktion äußert sich Unseld in seiner „Chronik“: „Er ,hasste‘ unsere, und er meinte damit meine, ,verbrüdernde, zersetzende, krebserregende‘ Umarmung mit den Medienpäpsten. Es war ja klar, wer gemeint war, obschon er den Namen nicht aussprechen kann.“ Handke erwog den Bruch mit dem Suhrkamp Verlag, was er ernsthaft wohlzweimal tat.

Ein großes Thema, das sich durch den Briefwechsel zieht, heißt erwartungsgemäß „Österreich“. Es reicht von der „Bereinigung“ gewisser Austriazismen in Handkes frühen Manuskripten bis zu dessen vernichtenden Urteilen über Thomas Bernhards „schamlose Schein-Literatur“. Unseld musste eingreifen und schrieb seinem zweiten Starautor aus Österreich im November 1986: „Lieber Thomas, die Äußerungen des ,Mönchs auf dem Berge‘ [ein geflügeltes Wort Sigrid Löfflers] sind, wenn sie so gefallen sind, töricht, dumm, unverzeihlich, geschmacklos.“


Unversöhnlich gegenüber Bernhard

An Handke schrieb er: „Du ahnst meine Bedrückungen. Im Hause Fischer schwelte der Dauerstreit zwischen Thomas Mann und Döblin. S. Fischer konnte ihn nicht schlichten, und Freundschaften zerbrachen. Thomas Bernhard hat es schwer genug, mit sich, mit der Umwelt. Ich möchte nicht, dass Freundschaften brechen.“ Doch selbst Unseld konnte zwischen den beiden Koryphäen nicht vermitteln, dabei waren sich die beiden in ihrer Kritik an den Verhältnissen in Österreich in den Achtzigerjahren durchaus nahe. Im Falle Handkes ging dies so weit, dass er bei Residenz in Salzburg auch aus kulturpolitischen Gründen publizieren wollte, was wiederholt zu Spannungen mit Unseld führte. Am 4.November 1986 schrieb er nach Frankfurt, er wolle in seinem Land ein Zeichen setzen, „wo ein Waldheim als Präsidentenschemen und ein Jörg Haider als Stumpfkopfparteivorsitzender das Bild bestimmen und verzerren“. Er wolle einen „anderen österreichischen Weg“ erproben.

Zwar notiert Unseld einerseits, man habeHandke gegenüber nichts gegen Österreich sagen dürfen („jede auch nur leiseste Kritik an Österreichischem wies Handke zurück“, 1980), andererseits antwortete ihm dieser auf den Vorschlag, eine Österreichische Bibliothek im Suhrkamp Verlag zu begründen (1969): „Es ist ein gutes Unternehmen, nur sollte man es nicht zu groß machen, denn zu sehr österreichisch, das geht einem (mir) leicht auf die Nerven, zumal man ja gute Literatur nicht mehr als österreichisch bezeichnen kann, das wäre schon eine kulturelle Einschränkung.“

In einem Interview mit der „Welt“ vom 9. Oktober 1987 sprach Handke von der „Zartheit und Tiefe“ sowie der „Raffiniertheit bei der Behandlung von Raum und Zeit“, wogegen ihm Shakespeare wie „Überschwang ohne Begeisterung“ vorkomme. Mit seinem Stück „Über die Dörfer“, von dem auch Unseld sagte, es gehöre zu einem „Theater der Zukunft“, hat Handke versucht, dieses Subtile bühnenfähig zu machen. Man kann es mit Handke ein „In-Gang-Bringen und Anstimmen der Bilder“ nennen, auf das sich der „Berührungsgestalter“ (Handke über Handke) so meisterhaft versteht.

Dem Verleger und Freund Unseld, von dem er in guten Zeiten so machen „Ginkgogruß“ erhielt, bescheinigte Handke in einem Gratulationsbrief zu dessen 75. Geburtstag (1999) eine einzigartige „Leser-Stimme“ zu haben. Angesichts der gegenwärtigen, von außen undurchschaubaren Verhältnisse im Hause Suhrkamp versagt einem selbst diese „Leser-Stimme“, und man liest mit Wehmut in Unselds Rundbrief an die Autoren des Verlages vom Dezember 2000: „Ich weiß, ich muss mein Haus bestellen“, um dann eine Auflistung von Anteilen und Kompetenzen zu erläutern, eine interne Strukturreform, vonder er glaubte, sie werde zukunftsträchtig sein. Es hätte ihn berührt zu wissen, dass sein widerspenstiger, aber anhänglicher Ziehsohn unter den Dichtern, Peter Handke, in einem fulminanten Text über den „Unerzählbaren Alptraum“ („Die Zeit“, 19. Dezember 2012) bei Suhrkamp Farbe bekannt und die Kultur dieses Verlages als das bezeichnet hat,was sie ist (und hoffentlich bleiben kann): ein Instrument poetisch-kritischen Bewusstseins. Oder mit Handke gesagt: Hören wir auf das sprechende Geräusch des Bleistifts. ■


© DiePresse.com