Massenmord in der Hitze des Sommers

Rumäniens Vernichtungskrieg im Osten: der „primitive“ Holocaust in Bessarabien und der Bukowina.

Rumänische Polizei in Belzy und Umgebung geht scharf gegen Juden vor. Zahl der Erschießungen nicht genau festzustellen“, meldete die rumänische Gendarmerie am 29. Juli 1941 lapidar. Die rumänischen Truppen und das ihnen nachfolgende Sonderkommando 10 a der Einsatzgruppe D zählten die Juden nicht, die sie bei der Einnahme von Belzy, dem heutigen B?l?i in der Republik Moldau, ermordeten. Es waren mehr als 450. In der Darstellung der Nazis waren die Juden sowjetische Kollaborateure; in Wirklichkeit wurden wahllos Männer, Frauen, Kinder ermordet – ein Holocaust „von unten“, erledigt in „primitiver“ Handarbeit, wie Simon Geissbühler in „Blutiger Juli“ schreibt.
Der Schweizer Historiker und Diplomat betrachtet in seiner knappen Darstellung den Vernichtungskrieg des Nazi-Verbündeten Rumänien in „seinen“ Ostgebieten, also in Bessarabien und der Bukowina: ein wenig beachtetes Kapitel der Shoah. „Blutiger Juli“ will diese Forschungslücke schließen.
Rumänien gehörte zu den Gewinnern des Ersten Weltkriegs. Mit dem Vertrag von Trianon erhielt es Siebenbürgen; schon 1918 durfte es seine Landesfläche auf Bessarabien (das Gebiet zwischen Pruth und Dnjestr, die heutige Republik Moldau) und die Bukowina (heute zwischen Rumänien und der Ukraine geteilt) erweitern. Die territoriale Ausdehnung stellte den jungen Staat aber auch vor Schwierigkeiten: Fast ein Drittel seiner Bürger waren Minderheiten. Die offizielle Reaktion Großrumäniens war eine „Rumänisierungspolitik“. In der Zwischenkriegszeit zeigte sich auch ein radikaler Antisemitismus immer unverhohlener, Übergriffe auf Juden nahmen zu.
Geissbühler sieht in dem „breit verankerten und starken, zunehmend eliminatorische Züge annehmenden Antisemitismus“ die „wesentliche“ Grundlage für die massenhaft begangenen Verbrechen an Juden in jenen Gebieten, die Rumänien im Juni 1940 zunächst an die Sowjetunion abtreten musste und schließlich im Juli 1941 – nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion – zurückeroberte. „All jene, die damals von den Sowjets verschont wurden, brachten die Nazis und die Rumänen um“, schreibt der in Czernowitz geborene Poet Boris Chersonskij.
Als Vorbild für seine Untersuchung gilt Geissbühler Jan T. Gross' Fallstudie über das Massaker an den Juden im polnischen Jedwabne. Gross argumentierte, dass sich die lokale Bevölkerung aktiv am Holocaust beteiligte und es nicht unbedingt eines Befehls „von oben“ bedurfte. Geissbühler will Ähnliches in Bessarabien und der Bukowina feststellen: „Es war jedem rumänischen Soldaten klar, dass es sein Recht und seine Pflicht war, Juden zu ,eliminieren‘.“ Leider streift der Autor die einzelnen Schauplätze nur kursorisch. Doch der mörderische „Flächenbrand“ des Juli 1941 bestätigt die These, dass es nicht vorrangig die Vernichtungslager waren, in denen die Shoa in den osteuropäischen „Bloodlands“ (Timothy Snyder) verübt wurde. Erschießungen und Totschlagen waren hier „ein genauso integraler Teil des Holocausts“; die Spuren – anders als im Lagermord – schnell verwischt.
Besonders beklemmend ist daher das Abschlusskapitel, in dem Geissbühler die Orte des Massenmordes, bei dem seinen Schätzungen zufolge 43.500 Juden umgebracht wurden, aufsucht. In den moldauischen und ukrainischen Dörfern erinnert heute kaum ein Stein an die einstige Existenz jüdischer Gemeinden. Schade, dass Geissbühler eine getrennte Erzählweise – zunächst wissenschaftliche Darstellung, danach aktueller Lokalaugenschein – gewählt hat. Eine Zusammenschau hätte dem Leser die totale Auslöschung jüdischen Lebens noch eindrücklicher vor Augen geführt. ■

Das ist drin:

  • 0 Minuten
  • 0 Wörter

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2013)

Meistgelesen