Der kleine Wurf

Politik zur Reduzierung und Überwindung von Armut darf die Armen nicht als Objekte von Wohlfahrt betrachten. Die Frage ist nicht, warum diese Menschen kein gutes Leben haben, sondern warum sie ihre Lage nicht verbessern können. „Kampf gegen die Armut“ – Esther Duflos Forschungsschwerpunkt am MIT.

Es muss doch den Kindern in armen Ländern nützen, wenn man ihnen Schulbücher zur Verfügung stellt. Untersuchungen in Kenia haben aber gezeigt, dass der Erfolg solcher Aktionen bescheiden ist. Wieso? In Indien wurde beobachtet, dass arme Eltern sehr zögerlich sind, für Impfungen ihrer Kinder Ressourcen aufzuwenden, dass sie aber bei Ausbruch einer Krankheit durchaus große Ausgaben für Behandlungen auf sich nehmen. Ist das nicht absurd? Wenn man längere Zeit hindurch zu wenig Kalorien zu sich nimmt, sinken Arbeitsfähigkeit und damit Einkommen. Dennoch sind sehr arme Menschen durchaus bereit, sogenannte teure Kalorien, etwa Süßigkeiten, zu kaufen, auch wenn sie davon nur selten wirklich satt werden.

Esther Duflo, Ökonomin am MIT (Massachusetts Institute of Technology), beschäftigt sich mit solchen und ähnlichen Fragen. Es geht um das Alltagsleben der Armen in armen Ländern. Diese Forschung ist an zwei Überzeugungen gebunden, eine ethische und eine ökonomische. Die ethische besagt, dass die Überwindung der extremen Armut vorrangiges Ziel der Entwicklungspolitik sein soll. Die im engeren Sinn ökonomische weiß um die Grenzen traditioneller Politik, nämlich zentral organisierter Programme für Ausbildung, Infrastruktur und Investitionen nach einheitlichen, oft ideologisch bestimmten Schemata. Die Wirksamkeit von Programmen hängt vielmehr von Details und Feinheiten institutioneller Gegebenheiten ab, von spezifischen Strukturen der Regionen und lokalen Kulturen. Das ist mittlerweile weitgehend akzeptiertes Wissen in der Ökonomie.

Eine von Duflo gezogene Konsequenz: Politik zur Reduzierung und Überwindung von Armut darf die Armen nicht als Objekte von Wohlfahrt oder politisch induzierter Förderung betrachten. Sie leiden unter der Armut, aber sie sind nicht willenlose Opfer. Sie sind Akteure in ökonomischen Abläufen und im politischen Geschehen, genauso wie Unternehmer, Fachkräfte oder Rentiers. Ihre Möglichkeiten sind allerdings wesentlich geringer. Das ist das grundlegende Forschungsprinzip Esther Duflos. Ihre Frage ist nicht, warum diese Menschen kein gutes Leben haben, sondern warum sie ihre Lage nicht verbessern können.
Sie stützt sich dabei auf das traditionelle Modell der Ökonomie: Menschen handeln, um sich zu nützen. Wenn die tatsächlichen Aktionen den Beobachtern unvernünftig erscheinen, weil die Akteure sich durch ihr Handeln oder auch durch Nichthandeln zu schaden scheinen, so darf man das nicht als falsches Handeln sehen. Man muss vielmehr fragen, warum Menschen, die sich selbst nützen wollen, es nicht besser tun. Es geht um Möglichkeiten und Anreize zum Handeln, die auch bei Armut vorhanden sind oder zumindest existieren sollten.

Eltern etwa unterlassen Impfungen für ihre Kinder unter anderem auch, weil dies auf Kosten anderer momentan sehr dringender Bedürfnisse ginge. Auffallend ist jedoch, dass bei Erkrankung eines Kindes die dann wesentlich größeren Ausgaben durch Verzicht oder durch Verschuldung ermöglicht werden. Ein ähnliches Problem armer Personen wie dasjenige, sich nichts ersparen zu können, obwohl Schulden meist zurückgezahlt werden. Für eine bessere Zukunft jetzt auf etwas zu verzichten, also sich impfen zu lassen, um nicht krank zu werden, ist sehr schwer, wenn man jetzt das Geld für mehr Nahrung benötigt.

Das ist drin:

  • 0 Minuten
  • 0 Wörter

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2013)

Meistgelesen