Das nackte Gelenk der Hand

Raja Alems Roman „Das Halsband der Tauben“ bietet eine radikale Verwerfung der patriarchalischen Zwangsordnung und zudem eine Studie über die weibliche Körperlichkeit in der islamisch geprägten Gesellschaft. Überwältigend gut erzählt, atmosphärisch dicht, sinnlich und gescheit.

Was wir über das Königreich Saudi-Arabien, einen der verlässlichsten Partner des Westens, aus den Nachrichten wissen: dass nach dem Freitagsgebet in den größeren Städten des Landes gerne Homosexuelle aufgehängt und Ehebrecherinnen gesteinigt werden, auf dass der Bevölkerung auch etwas zur frommen Belustigung geboten werde; dass Millionen von pakistanischen, jemenitischen, sudanesischen, indonesischen Arbeitern erledigen, wofür sich Saudis zu schade sind; dass eine Kafala genannte Zwangsordnung die ausländischen Arbeiter schutzlos ihren Dienstherren ausliefert, ohne deren Genehmigung sie weder die Stellung wechseln noch das Land verlassen dürfen – aus dem sie aber jederzeit gegen ihren Willen deportiert werden können; dass die eine Hälfte der Bevölkerung von jeder Teilhabe am öffentlichen Leben ausgeschlossen und selbst Frauen aus der Oberschicht das Lenken von Autos untersagt ist, unter anderem, weil ihre Gebärmutter dabei Schaden nehmen könnten und Fehlgeburten zu gewärtigen wären. (Saudi-Arabien ist weit weg und doch sehr nahe, immerhin steht das vom König Abdullah patronierte Institut für einen religiösen Dialog, der in Saudi-Arabien selbst verfolgt, ja mit dem Tode bedroht wird, an nobler Adresse in Wien herum; und die saudischen Frauenschützer behaupten auch nichts anderes als der kernige Schweizer Präsident des Internationalen Skiverbands Gianfranco Kasper. Als gelernter Skilehrer ein Fachmann für Fragen des weiblichen Körpers, hat Kasper jahrelang wütend zu verhindern gewusst, dass das Skispringen für Frauen eine reguläre Disziplin der Skiverbände werde, weil er meinte, dass Skispringerinnen nie und nimmer zu Gebärerinnen taugten.)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2013)

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