E s ist ein ziemlich großes Fass, das Klaus Zeyringer mit seinem Lang-essay „Ehrenrunden im Salon“ aufmacht: eine soziologische Untersuchung des heutigen Literaturbetriebs und seiner fortdauernd feudalistischen Strukturen, eine kulturkritische Polemik gegen Geschmacksrichter und Gremien, die ihre Vorstellung von „guter“ Literatur der Öffentlichkeit und dem Markt aufdrängen, eine Zwischenbilanz der Technik- (also vor allem der Internet-) Folgen für das literarische Feld, und schließlich ein Plädoyer für literarische Formen, wie sie, Zeyringer zufolge, von den Hierarchen des Betriebs planmäßig vernachlässigt werden.
An diesen Themen allein kann es jedoch nicht liegen, wenn Zeyringers Buch schon vor seinem Erscheinen im österreichischen Literaturbetrieb ummunkelt wurde. Eher schon daran, dass Zeyringer in einer kleinen Gleichniserzählung einen der Protagonisten des österreichischen Betriebs aufs Korn nimmt und die vielfältigen Machenschaften jenes angeblichen Salonfürsten geißelt. Aber davon später, zunächst zu den „Standpunkten“, die Zeyringer dankenswerterweise seinem Buch vorangestellt hat.
„Das Geistesleben und seine Institutionen“, schreibt er hier, „der Kultur- sowie der Wissenschaftsbetrieb verfahren (?) großbürgerlich und feudal, wie eine Mischung von Salon- und Tafelrunde, Fürstenhof und auch Funktionärsbüro“. Den Befund erhärtet Zeyringer mit einer gut belegten Einschätzung des französischen Kulturbetriebs, bei dem er sich auf einschlägige Untersuchungen Pierre Bourdieus stützen kann. In Frankreich dominiere der Salonauftritt, „in Deutschland ein feudal-bürgerliches Festritual, in Österreich die Funktionärsfeier. Die dazugehörigen Veranstaltungs- und Versammlungsformen sind in Frankreich die literarische TV-Talkshow ebenso wie das geheimnisumwitterte und hochgradig ritualisierte Jurywesen, etwa für den „Prix Goncourt“, in Deutschland die literarische Lesung und der Festakt vom Typ „Paulskirche“ (aber grassieren nicht allerorts die populären Literaturfestivals?), in Österreich – das Hinterzimmer, in dem die Mächtigen beim Bier zusammenhocken, um über Preise, Stipendien und andere Vergünstigungen zu entscheiden. Das ist eine prägnante, aber nur bedingt zutreffende Beschreibung der Lage.
Es mag ja zutreffen, dass in Frankreich manche Funktionsweisen des Salons bis heute Bestand haben. Aber Zeyringer versäumt es, darauf hinzuweisen, dass der Salon, in Paris, Berlin und anderswo, zunächst ein Ort der freien Rede und nicht ihrer Verhinderung gewesen ist, ein Ort, an dem idealerweise der Esprit über den sozialen Rang triumphieren sollte. Wenn heute Salonformen im Fernsehen und in Literaturhäusern ein Comeback feiern, wenn das öffentliche geistreiche Reden so viel Publikum findet wie selten zuvor, dann spricht das weniger für spätfeudale Verhaltensformen im Literaturbetrieb als für die Faszination eines Modells egalitärer, kompetitiver und amüsanter Rede, wie sie sich vom Salon in die „Poetry Slams“ von heute fortgepflanzt hat.
Hang zu Hierarchie teuer bezahlt
Entwarnung, möchte man auf Zeyringers Hauptthese antworten, ganz so schlimm, so exklusiv und so hierarchisch ist der Literaturbetrieb von heute nun doch nicht, und wäre er's, dann hätten neben ihm gewiss noch zwei, drei Schatten-Literaturbetriebe Platz, die sich um den sogenannten Fürstenhof nicht weiter scheren dürfen.
Und noch etwas: Das französische Geistesleben, in dem Zeyringer sich besonders gut auskennt, hat für seinen Hang zu Hierarchie und Exklusivität teuer bezahlt. Wenn heute zu konstatieren ist, dass die Weltgeltung des Pariser literarischen und intellektuellen Milieus der Vergangenheit angehört, dann hat das wohl auch mit dem selbstverliebten und lernunwilligen Habitus dieses Milieus zu tun. Wer interessiert sich außerhalb Frankreichs noch wirklich für den „Prix Goncourt“ und, schlimmer, für die neueste französische Literatur? Die Selbstprovinzialisierung der französischen Kultur erinnert ein wenig an das Schicksal des französischen Weins: Zu lang hat man sich am Nimbus der Einmaligkeit festgehalten, an den großartigen hierarchischen Klassifikationen, die auf ewig ein System von Wert und Preis zementiert zu haben schienen. Inzwischen aber wird anderswo ein ebenso guter Bordeaux viel billiger produziert. Und inzwischen findet auch das ehemalige Pariser Denken und Schreiben an anderen Orten sozusagen preiswerter und jedenfalls weniger pompös statt. Der republikanische Kulturfeudalismus französischer Prägung, den Zeyringer treffend beschreibt, ist kein Vorbild mehr, sondern Ausdruck einer Krise.
Es gibt, so ist auf Zeyringers Befund zu antworten, zumindest in Deutschland keine literarischen Zirkel (Salons, Kungeleien, Seilschaften), deren Deutungs- und Handlungsmacht ausreichte, um über den Erfolg und Misserfolg von Autoren, Büchern oder gar literarischen Schulen allein zu entscheiden. Anders muss der Fall in Österreich liegen, wo nach Zeyringer immer noch eine literarische Tafelrunde um einen König Artus versammelt scheint und zur Not allein befindet, was gute und vor allem förderungswürdige Literatur ist. Wobei hier vielleicht einzuwerfen wäre, dass die einflussreichste Tafelrunde der Welt, die Schwedische Akademie, ihre Entscheidungen so selbstherrlich und manchmal auch traumverloren trifft, dass Forderungen nach mehr „Transparenz“ nur als Scherz zu verstehen wären.
Warum soll eigentlich im literarischen Leben mehr Demokratie herrschen als in jedem anständigen Postenschacher, beispielsweise um eine Universitätsprofessur oder um ein Ministeramt? Wie auch immer, in Österreich gibt es den „Großen Österreichischen Staatspreis“, und wer ihn erhält, rückt in den Kunstsenat auf, freilich nur, wenn dort Platz ist, was ein Ableben eines der Mitglieder voraussetzt. Ein „Olymp“, hat Friedrich Achleitner einmal konstatiert und die dadurch gegebene Verstetigung eines konservativen Kunstideals beklagt. Aber so ist es nun einmal mit Akademien wie der Schwedischen Akademie oder der „Académie Française“, und ist der Senat nicht schon von der Wortbedeutung her ein Ältestenrat? Auch die wissenschaftlichen Akademien oder die „Royal Societies“ dieser Erde sind keine demokratisch gewählten oder legitimierten Institutionen. Vielmehr handelt es sich um ständische oder zünftige Ordnungen, in denen Verdienst, Prestige und gute Kontakte den Ausschlag geben.
In Österreich – und damit kommen wir endlich auf das Skandalon dieses Buches zu sprechen – gibt es einen Oberfürsten im Literaturbetrieb, und damit die Sache nicht gar zu durchsichtig wird, hat Zeyringer den Schauplatz nach Lissabon verlegt. Stellen wir uns also vor: ein eher kleines Land mit einer eher großen Hauptstadt, in dem sich das kulturelle Leben ballt. Dort lebt ein Großordinarius, der seit Jahrzehnten nicht nur, nun ja, Lusitanistik lehrt, sondern als „Literaturpapst“ die Szene beherrscht.
Er hält „amüsante Vorlesungen“ und redet überhaupt gerne, tritt im Radio und Fernsehen auf, schreibt Kritiken, sitzt in Jurys, hat unzählige Schriftsteller zum Doktortitel geführt und ist ihrem Schaffen weiterhin gewogen, er setzt sich für die sogenannte Avantgarde ein und sieht zu, dass für sie auch der eine oder andere Preis abfällt, er steht zudem der staatlichen Literatursammlung vor und kauft für sie Vorlässe von Dichtern ein, die fortan vor allem fürs Archiv arbeiten und den Nachruhm schon jetzt ihrem Gönner danken. Seinen Assistenten verhilft der Professor zu guten Stellungen im In- und Ausland, während Fachkollegen von außerhalb seines Wirkungskreises und namentlich solche, die einen anderen Literaturbegriff pflegen, von vornherein schlechte Chancen hätten. „Den Ämtern und Institutionen“, so Zeyringer betrübt, „würde der Professor nicht nur als der profundeste Kenner gelten, sondern auch als Medienstar, der die portugiesische Literatur ebenso gut wissenschaftlich zu analysieren wie einem breiten Publikum – der Professor spreche oft vom ,interessierten Zahnarzt‘ – zu vermitteln verstünde.“
Bewerbung um den Literaturpapst
Ja, dieser Professor, nennen wir ihn versuchsweise doch einmal Wendelin Schmidt-Dengler, hat Macht. Zu viel Macht, wie Zeyringer findet. Dieser Professor hat sich ein Deutungs-, Darstellungs- und Verwaltungsmonopol für die österreichische Literatur erobert, und mit seinen Günstlingen bildet er ein Kartell, das andere Sichtweisen auf und Lesarten von österreichische(r) Literatur planvoll unterbindet. Wie immer man die Anklage beurteilen will: Wer je an der Wiener Universität Germanistik studiert hat, hat es wohl als eine Wohltat erlebt, dass es immerhin den einen oder anderen Germanisten gab, der nicht mit dem Rücken zum Publikum und zur Gegenwart auftrat. Ein bisschen drängt sich der Verdacht auf, Zeyringer wolle hier ein Bewerbungsschreiben um die Position des „Literaturpapstes“ in Österreich abgeben. Jedenfalls liefert er gleich auch noch ein Plädoyer für eine bessere Literatur mit.
Schmidt-Dengler und die Seinen, so sein wiederholter Vorwurf, favorisierten die Alt-Avantgarde samt ihren heutigen Ausläufern von Franzobel bis Czernin, während sie der erzählenden, realistischen Prosa generell misstrauten. Das mag stimmen, aber die Beispiele, die Zeyringer dann zum Lob eines neuen, formal bewussten und inhaltlich belastbaren Erzählens aufbietet, machen einen dann doch stutzig: Kehlmann, Glavinic, Gauß, Gstrein, Schlag, Dinev. Täuschen wir uns sehr, wenn wir glauben, dass alle diese Autorinnen und Autoren in Österreich und anderswo Preise und Stipendien erhalten haben, dass ihr literarischer Rang (wenn diese Kategorie heute noch viel bedeutet) außer Frage steht und sie ganz bestimmt von keinem Avantgarde-Kartell am Verfolg ihrer literarischen Ziele gehindert werden?
Das ist ja das Schöne an unserer Situation: dass, Kanon hin oder her, im Innern unseres kulturellen Netzes keine Oberspinne den Zugang zu Ruhm und Geld verwaltet, sondern dass vieles möglich ist, mehr jedenfalls, als sich Zeyringer in seinem etwas zu kleinmütig geratenen Essay träumen lässt. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2007)
Ja, dieser Professor
20.04.2007 | 13:22 | Von Christoph Bartmann (Die Presse)
Der österreichische Literaturbetrieb, so Klaus Zeyringer in „Ehrenrunden im Salon“, passiert im Hinterzimmer, in dem die Mächtigen beim Bier sitzen und über Preise und Stipendien entscheiden. Ein etwas kleinmütiger Langessay.
2 Kommentare
wohltat
Ja, es ist eine Wohltat, bei Schmidt-Dengler zu studieren, und ja, auch er hat seine "Schattenseiten". Andererseits hat - diese gewagte Hypothese sei erlaubt - jedes Land seine Germanisten verdient, und da kommt Österreich mit Schmidt-Dengler nicht gar so schlecht weg.Und dass der Herr Hartmann ein Schüler WSDs sei, halte ich für unwahrscheinlich, Hartmann ist 1955 geboren, WSD 1942.
Und man kann Kehlmann auch parfümiert und allzu bildungsschwer finden. Aber das nur am Rande.
eh lieb
nett, wenn sich wer so schützend vor seinen professor stellt, aber wsd wird das schon so aushalten. zeyringer dürfte nicht unrecht haben, und wsd hat kehlmann beispielsweise sehr lang ignoriert, der letzte absatz dieses artikels ist meiner ansicht nach sehr naiv-unwissend gehalten.was mich aber am meisten interessiert: wo außerhalb frankreichs wird denn bordeaux hergestellt, hm?















