In der Versandhalle ging jetzt das Licht aus. Am Fenster des Korrespondenzbüros stand Frau Irnfritz und wartete auf die Post, die der Hallenschreiber gleich bringen würde. Versandmeldungen, Ballenlisten, Zollfakturen - hauptsächlich Einschreib- und Expressbriefe, noch heute Abend abzufertigen. Es war zwanzig Uhr. Um diese Zeit hatte in der Kleinstadt nur noch das Bahnpostamt offen. Es lag vierzig Gehminuten vom Werkwohnhaus entfernt - das Radfahren hatte Frau Irnfritz schon lange aufgegeben -, und draußen herrschte Sauwetter.
Um zwanzig Uhr fünfzehn würde die Stadler vorbeischauen, die nach den anderen Arbeiterinnen zusammenkehrte und aus Gefälligkeit auf ihrem weiten Heimweg die Post mitnahm,s wenn Frau Irnfritz um diese Zeit schon fertig war. Es war Nacht für Nacht das gleiche Wettrennen. Die Minuten, die ders Schreiber vertrödelte, die Minuten, um die Frau Stadler sich vielleicht verspätete oder verfrühte, und dazwischen das ganze Postmachen mit einem Hirn voll Hindernissen.
Na, tummel dich schon!, begann Frau Irnfritz das innere Gespräch. sFindest nicht in den Ärmel von deinem Wettermantel. Und ich kann noch gar nichts vorbereiten. Das heißt, den Schwamm habe ich schon nass gemacht und ausgedrückt, dass die Marken dann nicht vom Kuvert davonschwimmen, die Briefwaage hab ich auf null justiert, den roten und den schwarzen Kugelschreiber enthülst und parallel gelegt und das Portobuch aufgeschlagen. sGut, dass es keine Löschblätter mehr gibt, da hat sich alles immer darunter verschlüpft. Und, Stadlerin, kehr recht langsam und fang dann noch einmal von vorne an, unter dem Packtisch liegt noch ein Haufen Dreck, in dreizehn Minuten werd ich doch niemals fertig.
Schritte? Ach, die Stiefel vom Nachtwächter, von diesem überflüssigen Menschen. Guten Abend zu wünschen! Guten Abend, Herr Rohraus. Sauwetter, was? Ach, Herr Rohraus, und ich kann mit der Post gehen: vierzig Minuten hin, vierzig zurück. Na, wird schon nicht so schlimm sein, gut Nacht, Frau Irnfritz. Ach, keiner weiß, was das heißt. Elfeinhalb Minuten. Na, endlich: Grüß Sie, Frau Irnfritz! Guten Abend, Herr Stadtberger; wo Sie nur immer so lang stecken; mir geht jede Viertelminute ab. Ich muss auch nach der Arbeit die Hände waschen, nach der vorsintflutlichen Kopiertinte und den Kohleblättern, und reden Sie nicht so viel, Frau Irnfritz, Sie hätten schon den Lloyd Triestino zupicken können und abwiegen, die Frau Stadler übrigens juckt's heut unterm Sitzfleisch, sie gibt noch eine Party. Was, um halb zehn, wenn sie heimkommt? Ihre Schwester hat schon angefangen, und der Momblut ist da, auf den sie ohnehin so steht, ich schätze, sie wird heut um fünf Minuten rascher kehren. Liebe macht erfinderisch.
Mein Gott, da hätt ich nur fünf statt zehn! Kleben Sie schon, kleben Sie; da ist ein Haufen besonders ekelhafter Versandanzeigen: s-6;0Original ist mitgegangen, erster Durchschlags ans Kartell, zweiter an den Treuhänder, dritter ans Magazin, vierter an den Vertreter, aber es steht alles drauf, nur verwechseln Sie die Farben nicht: Bei dem blauen Packen ist die Reihenfolge umgekehrt; s12;0und die Zollfreizone hat eine Beiladung, die als Inlandsgeschäft zu behandeln ist; zwei Flugpostbriefe sind heut ausnahmsweise dabei, einer Tel-Aviv, der andere Soerabaya; aber jetzt kein Wort mehr, jetzt lass ich Sie bei Ihrer Arbeit, toitoi, Frau Irnfritz, gut Nacht. Ach, gute Nacht!
Mein Gott, diese Unmenschen wissen alle nicht, was d.h., in vier Minuten Post machen. Original, wo bist du? wenn man die einzige Lichtquelle in einer finstern Fabrik einer verstreuten Kleinstadt im Sauwetter ist. Zugeschleckt. Hat mich das Papier jetzt in die Zunge geschnitten oder nicht?
Wenn ja, krieg ich Rotlauf, das werde ich merken, wenn nein, brauch ich's nicht in Evidenz zu halten. Zweite Kopie oder dritte? sIch hab sie zwar schon ins Kuvert gesteckt, aber ich bin jetzt nicht sicher. Ich werde sie noch einmal - Dreck, jetzt liegt alles am Boden. Um Gotteswillen, jetzt sind drei Marken mit hinuntergeflattert. Als Kind habe ich Galoschen getragen, aber die Mädchen haben mich ausgelacht, seither trag ich auch bei Sauwetter unzweckmäßige Schuhe. Es waren doch drei Marken, nicht zwei. War die dritte ein Schilling oder drei Schilling? Wenn mir die Portokasse nicht stimmt, aber das kann ich morgen, ich muss mir's aber aufschreiben, sonst passiert mir morgen der entgegengesetzte Fehler und gleicht sich mit dem heutigen aus, und der ganze Fall geht mir durch die Lappen.
Stadlerin, Stadlerin, lass dich zurückschalten, krieg ein paar Minuten lang ein winziges Stück von meiner Zwangsneurose, kontrollier dreimal deinen Besen, du Hex, bevor du durch die Firma Blocksberg in Graz, durch Eilboten, Einschreibgebühr - ist die Einschreibgebühr jetzt auch erhöht worden? Ich hab doch täglich Einschreibsendungen, und ich merk mir's nicht, o ja, ich merk mir's, aber doppelt, das ist schädlicher als gar nicht. Jetzt ist ein Wind hereingekommen wie auf dem Grammethügel, als ich fünf Jahre alt war, es gibt absolut kein Gotteswillen, gestern hab ich beim gleichen nur vierfünfzig daraufgepickt, im Buch muss es noch stehen, äh, jetzt hab ich geblättert, und ich hab mir so streng vorgenommen, nicht zu blättern: Blättern ist eine zusätzliche Affäre; dadurch kommt der ganze gestrige Tag wieder ins Wanken. Zwei Minuten! Durfte ich blättern? Durfte ich nicht blättern? Setzen wir uns erst einmal: setzen, die Schaumkrone absitzen lassen, eine gesetzte Frau sein, die Vorteile, eine gesetzte Frau zu sein, seine Strafe absitzen, ich büße wirklich, aber hat Freud recht wegen meines Vaters oder Adler, weil mich die Schulkameradinnen ausgelacht haben, Trine, ich verfluche dich feierlich, du hast die Gundl gegen mich aufgehetzt, sie wäre meine Freundin fürs Leben geworden, liegt Soerabaya südlich von Honolulu? Ich verwechsle - früher war ich eine Perle in Geografie - heute schon Khartoum mit Karachi, und gibt es eigentlich noch Ciudad Trujillo? Warenprobe ins Ausland, vierzwanzig? vierneunzig? ich muss mir die Marken merken, einbrennen, Brandmarken, ich brandmarke mich für mein minderwertiges Gedächtnis, also hat doch Adler recht, oder Frankl, weil ich für niemanden einen Sinn habe, und wenn ich draufkomme, schnappe ich über, und damit ich nicht draufkommen kann, füll ich mir das Gehirn mit zehntausendzweihundert Millionen überflüssiger Hindernisse.
Zehn Komma zwei Gramm ist ein Pech bei Flugpost, Ehrlichkeit gebietet nächsthöhere Gewichtsklasse, Firmentreue gebietet zehn Gramm. Für Firmentreue, wird auf meinem Diplom stehen, da werde ich gefirmt werden, gut, dass ich nicht gefilmt werde, mein Leben läuft ab wie ein Film. Saufilm, Sauwetter.
Die Stadlerin ist überfällig, ich bin überglücklich, ich habe nur noch drei Poststücke, aber ich muss dann zu Hause über eine Menge nachdenken, im Bett, ich nehm einen Mokka, dass ich nicht vorzeitig einschlafe, heute muss ich denken, wart einmal: was die Marke auf dem Boden kostet und ob es Ciudad Trujillo gibt und ob ich blättern durfte und ob ich gestern die falsche oder die richtige oder am Ende gar keine Gebühr aufgeklebt habe, das wird ja immer mehr, und alle Gedanken von vorgestern und gestern, die ich mir, Gott sei Dank!, noch aufschreiben konnte, aber wie wird das morgen und übermorgen werden, wenn die unfertigen Gedanken imme mehr werden und ich sie nicht mehr aufschreiben kann - ob ich das halbe Jahr bis zur Pension noch durchhalte, ist es überhaupt ein halbes Jahr, wart einmal: Das Jahr hat zwölf Monate, das halbe Jahr - Mein Gott, es klopft.
Herein. Guten Abend, Frau Irnfritz. Guten Abend, Frau Stadler: Sie würden mir einen großen Gefallen tun. Ja, ich weiß, die Post wieder mitnehmen. Ich hab aber noch zwei, die sind, wenn Sie einen Moment warten, auch schon frankiert - Sie brauchen sich gar nicht beeilen, Frau Irnfritz, ich wollt Ihnen sagen, ich kann heute nicht, ich werd dringend zu Haus gebraucht: Ich habe eine Party.















