Bei meiner toten Mutter
Meine tote Mutter liegt vor mir. Farblose Stille, kein Ton, keine Geräusche, kein Lärm. Nichts bewegt sich. Kälte breitet sich aus. Wo ist das bunte Treiben des Lebens? Leere. Nichts. Was ist das Nichts?
Ich sitze am Bett meiner toten Mutter. Sie liegt vor mir. Aber das ist nicht meine Mutter! Dieser Körper sieht aus wie der meiner Mutter, aber sie ist es nicht! Doch. Hier liegt meine – tote – Mutter. Als wäre Plus gleich Minus. Das Ja gleich Nein.
Mein Leben begann im Körper meiner Mutter, ich bin ein Teil von ihr. Aber sie spricht und bewegt sich nicht. Ihr Gesicht ist blass. Ihre angeschwollenen Hände sind kalt, auch ihre Stirn, die Wangen, die Ohren. IhrMund ist offen. Sie liegt auf der rechten Seite. Das Köpfchen an der Schulter. Die Sonde führt durch die Nase in den Mund, dann in den Magen. Durch das Folterwerkzeug, das zu verhindern ich nicht imstande war, fließt kein Sekret mehr. Ich lege meinen Kopf neben den meiner Mutter und küsse das geliebte Antlitz. Ich halte die Hand meiner Mutter. Der Händedruck wird nicht erwidert. Ich hebe die fremde Hand meiner Mutter und lasse sie los. Sie fällt auf den toten Körper. – Kein Lächeln, kein liebes Wort. Der Brustkorb, der noch vor Kurzem mit deutlicher Auf-und-ab-Bewegung die Luft aufnahm und wieder aus der Lunge stieß, liegt schwer auf dem Bett. Wie Holz. Wie Stein.
Ich zeichne meiner Mutter totes Gesicht. Meine Hand führt den Bleistift. Mein Hirn rebelliert, es streikt und versagt. Der Stift fällt zu Boden. Mit meiner Mutter stirbt auch ein Teil von mir.
Ein Pfleger und eine Krankenschwester kommen ins Zimmer. Sie rücken den toten Körper zurecht, decken ihn zu. Sichtbar bleiben die Füße. Die Schwester hängt auf die große Zehe das Identifikationskärtchen mit demNamen meiner Mutter. – Das kenne ich vom Fernsehen. Wo bin ich? Ist das ein Film? Ein Krimi? Nein. Ich bin im Krankenhaus, im Sterbezimmer meiner Mutter. – Flinke Arme schieben das Bett mit der Toten auf den Gang hinaus. – Eingeschnürt in ein seelisches Ganzkörperkorsett, komme ich, wennich mich bewege, nur mühsam voran. MeineFüße gehen, ich bleibe zurück und starre fortwährend den Film in meinem Kopf an, der stecken geblieben ist und immer wieder das gleiche Bild zeigt: meine tote Mutter. In der pathologischen Abteilung des Krankenhauses lege ich auf den Tisch ein Plastiksäckchen– darin die Bluse, der Rock und die Wäsche der Toten. „Wer wird ihrem betagten, von mir jahrelang gepflegten, nun leblosen Körper die Kleider anlegen?“, fragen meine Lippen. „Hier im Kühlraum liegen 45 Leichen. Frauen und Männer, Freunde und Feinde nebeneinander. Angekleidet werden sie von Spitalshelfern. Das sind Männer mit guten Nerven. Frauen halten das nicht aus“, hören meine Ohren ein schmächtiges Männlein sagen, das eben dabei ist, die Kleidungsstücke, die ich gebracht habe, einzeln in ein Formular einzutragen. „Stimmt nicht“, widerspricht trotz seines Leerlaufs mein Hirn: „Nachdem der Großvater gestorben und das Haus meiner Großmutter abgebrannt war, wusch und kleidete sie alle Toten im Dorf – gegen Bezahlung, um zu überleben.“ Mein Mund spricht den Gedanken nicht aus. Es ist ohnehin längst vorbei.
Im Büro der Städtischen Bestattung wird mir ein Katalog mit Bildern von Särgen vorgelegt. Die Vorzüge der einzelnen Modelle, die sich im Preis niederschlagen, werden beworben. Auch die Bestattungszeremonie, dieMusik, die Beleuchtung. Alles auf Bestellung,je nach Preislage. „Nimm das Billigste“, erinnere ich mich an die vertraute Stimme, „es verfault ohnehin alles in der Erde.“ Ich bestelle ein Begräbnis ohne Priester, ohne Redner, ohne Musik. Mein Gegenüber rechnet den Endbetrag aus. Habe ich genug Geld bei mir?
Das metallene Tor der Aufbahrungshalle ist weit offen. Ich komme in einen kleinen Raum. In der Mitte ist ein Sarg aus Holz aufgebahrt. Darauf ein Blumengesteck, davor ein Kranz, Leuchter, leere Stühle, keine Trauergäste. Es ist die letzte Begegnung mit meiner Mutter. Wir wollen allein sein. – Schwach hörbare Stimmen dringen in die Halle, durchbrechen die Stille. Sie kommen von der Straße. Es ist ein Lachen, ein Stakkato. Dann wieder Stille. Ich stehe ganz nah am Sarg meiner Mutter, höre mein Blut im Kopf rauschen. – Ob er den Sarg öffnen solle, spricht mich ein Sargträger an. Ich habe von der Toten bereits Abschied genommen. Halte ich es nochmals aus? Ich zögere, will zum Ausgang hinaus, die Angst drückt mich nieder. Angst wovor? Vor meinem eigenen Tod? Letztlich siegt eine mir unbegreifliche Neugier, für die ich mich fast schäme. „Ja, bitte öffnen Sie den Sarg.“ Ich sehe das Bildnis meiner Mutter aus Stein. Die auf der Brust übereinanderliegenden Hände sind kalt, auch das Gesicht. Stein.
Ich gebe ein Zeichen, der Sarg wird auf einerollende Bahre gelegt, mit schwarzem Tuch bedeckt. Vier Männer in Uniform, zwei links,zwei rechts, rollen ihn langsam zum Grab. Ichgehe hinterher. Das Läuten der Sterbeglocke schneidet die Zeit in kleine Stücke. Der Weg zum Grab wird immer kürzer. Meine Knie knicken ein. Nicht stürzen! Aufrecht gehen! Wolken ziehen am Himmel. Laub liegt auf dem Weg. Ein schöner Tag. Die Sargträger werfen einander amüsierte Blicke zu. Heimlich und dezent. Niemand soll merken, dass sie sich während der Arbeit unterhalten.
Neben dem Grab, in dem meine Großmutter, mein Vater und andere nahe Verwandte liegen, ist eine Plattform mit frisch ausgehobener Erde. Ein kleiner Hügel. Die Sargträger, denen ich ein Trinkgeld gebe, werden von Männern in Zivil abgelöst. Es sind Strafgefangene. Ich erkenne es an dem Aufseher, der sie bewacht. Sie nehmen das schwarze Tuch vom Sarg, lagern ihn um. Er liegt auf Gurten über dem offenen Grab. Ob man beginnen dürfe, werde ich gefragt. „Ja.“ Einer der Männer dreht an einer Kurbel. Der Sarg mit dem toten Körper meiner Mutter sinkt hinab. Liegt unten. „Jetzt wird das Grab zugeschaufelt, wollen Sie nicht gehen?“, fragt mich der Aufseher. „Nein, ich bleibe noch bei meiner Mutter.“ Meine Antwort bringt ihn sichtlich in Verlegenheit. Warum? – Die Gurte werden vom Sarg entfernt, grobe, ungehobelte Bretter weggetragen. Welchem Zweck sie gedient haben ist mir entgangen. Einer der Männer rutscht auf nassem Efeu aus, liegt am Boden. Ich höre die anderen lachen. Man beginnt die Erde von der nun schräg nach oben ausgerichteten Plattform ins Grab zu schaufeln, teilweise rieselt sie von allein hinab. Der Mann mit der auffallenden Narbe im Gesicht hebt einen großen Brocken auf. Auf den ersten Blick erkenne ich nicht, dass es ein Schädel ist. Der Schaufler wendet mir den Rücken zu, versucht den Totenkopf meinem Blick zu entziehen, gibt etwas Erde darauf, drückt sie an und wirft das Ganze ins Grab. Er wischt sich die Hände an der Hose ab. Schaufelt weiter. Den Sarg sieht man nicht mehr. Die Plattform wird weiter angehoben, die Erde rutscht schneller hinab. Darunter Röhrenknochen und zwei verbeulte Gefäße, vollgefüllt mit Erde. Ein Deckel rollt nach. Der Schaufler stellt die Urnen in die oberen Grabecken. Das Grab ist fast voll. Es wird ganz zugeschaufelt, die Einfassung mit einem Besen gekehrt. Ich gebe den Männern ein Trinkgeld. Sie stecken es ein, bedanken sich nicht. „Warum legen Sie den Grabdeckel nicht auf?“, frage ich noch. „Das dürfen wir nicht, das macht der Steinmetz.“
Der rechte Fuss
Für meine Mutter, Agnes
Dem amputierten rechten Fuß, der in der Prosektur des Krankenhauses in einem Kunststoffbehälter lag, gelang es, der Entsorgung zu entkommen. Verängstigt irrte er in einem abgedunkelten Raum herum, und erstals er sich mit Hilfe des schwachen, durch die Oberlichte eines Fensters hereinfallenden Lichtstrahls orientieren konnte, hüpfte er über einen Heizkörper auf das Fensterbrett, stieß mit den Zehen einen mit schwarzer Folie abgedeckten Fensterflügel auf und sprang auf den Gang. Er hüpfte an der gerade nicht besetzten Portiersloge vorbei und schlüpfte durch die Drehtür auf die Straße. Die Ferse dicht an die Mauer des Krankenhauses gepresst, sah er ratlos vor sich hin. Als er einen herannahenden Rettungswagen bemerkte, hüpfte er entlang der Spitalsmauer vorsichtig weiter. Er wollte nach Hause.
Nach der gewaltsamen Trennung vom linken Fuß, mit dem er seit seiner Geburt gemeinsam zu gehen gewohnt war, fiel ihm der Alleingang schwer. Schob er sich mühsam vorwärts, kam er kaum von der Stelle. Hüpfteer weit und hoch, fiel er seitwärts und verletzte sich den Knöchel. Er sah, dass er ohne denlinken Fuß nicht gehen könne, haderte mit dem Schicksal, wollte sterben. – Er hüpfte weiter. Über Straßen, Gehsteige und Gassen.
„Schau, dort geht ein Fuß ganz allein über die Straße“, rief ein Kind seiner Mutter zu. „Das ist kein echter Fuß, das ist ein ferngesteuertes elektronisches Spielzeug“, antwortete die Frau, als der rechte Fuß über die Zebrastreifen des geregelten Straßenübergangs hüpfte. Auch andere Leute hatten ihn bemerkt, sie staunten, lachten und gingen ihm nach. Der Fuß fühlte sich verfolgt. Er holte weit aus, sprang hoch, fiel hin, überschlug sich mehrmals und purzelte über eine abschüssige Einfahrt in eine Garage. Die Leute, die ihm nachliefen, wollten das hinabrollende Spielzeug einfangen und sehen, wie es funktioniere. Die schwere, automatisch schließende Garagentür hinderte sie daran. Sie schob sich zwischen den Verfolgten und seine Verfolger.
„Haben Sie ein elektronisches Spielzeug in die Garage rollen sehen?“, fragte jemand den Portier, der gerade hinter dem Glasfenster seiner Kabine erschien. – „Was? Ein Spielzeug? Nein, habe ich nicht. Wie soll es aussehen?“ – „Na, wie ein Fuß. Ein echter Fuß kann es doch nicht gewesen sein.“
„Nicht dass ich wüsste, aber wir können nachsehen.“ Er drückte eine der vielen Tasten an der Wand, die Garagentür ging langsam wieder auf. Alle suchten das Spielzeug. Es war nicht zu finden.
Der Fremde
Gestern am frühen Morgen läutete es, obwohl ich niemanden erwartete, an meiner Tür. Als ich öffnete, stand draußen ein fremder Mann, der mir ein Hundehalsband samt Leine in die Hand drückte. Ohne ein Wort zusagen, deutete er, dass ich es ihm anlegen solle. Ein Verrückter, dachte ich, wich instinktiv zurück, und schon befand ich mich in seiner festen Umarmung, aus der es, wenn ich nicht grob werden wollte, kein Entkommen gab. „Das ist eine Verwechslung, ichkenne Sie nicht“, redete ich auf ihn ein und wehrte mich mit ganzer Kraft. Nach und nach ließ er mich frei, und ich drängte den grimassierenden und gestikulierenden, aber immer noch schweigenden Fremden Schritt für Schritt zurück zur Tür. Knapp vor der Türschwelle nahm er das Halsband, das ich immer noch in der Hand hielt, wieder an sich, legte es um seinen Hals und deutete, dass ich es schließen solle. Er faltete die Hände und sah mich mit traurigen Augen an. EinTaubstummer, wurde mir klar. Nun brachte ich es nicht mehr übers Herz, ihn vor die Tür zu setzen, und obwohl mir sein Wunsch unverständlich, ja widerwärtig war, zog ich die Riemchen des mit Nieten verzierten Bandes durch die kleinen Schnallen.
Nachdem ich den taubstummen Fremden, ihn an der Hundeleine haltend, wieder in meine Wohnung geführt hatte, bereute ichbald meinen Leichtsinn. Er zog den Mantel aus, warf ihn über eine Sessellehne, lief hechelnd im Vorraum herum, hastete in die Küche und wäre, denn so viel Vertraulichkeitwollte ich ihm nicht gewähren, auch in alle anderen Räume gelaufen, wenn ich nicht die Leine kürzer gehalten hätte. Dann setzte er sich zu meinen Füßen auf den Boden, so dicht, dass ich seine Körperwärme und seinen Herzschlag spürte, sprang wieder auf, nahm aus seiner Hosentasche ein Stück Kreide und schrieb an die Zimmertür einen Satz,dessen Sinn ich nicht verstehen konnte. Das war mir zu viel. Ein mulmiges Gefühl zwang mich, ihn, der nun meine Hände küssen wollte, wieder auf die Straße zu führen.
Mit der Absicht, den taubstummen Fremden trotz seiner mitleiderregenden Behinderung bald seinem Schicksal zu überlassen, ging ich mit ihm hinaus und schlug den Wegstadtauswärts ein. Die Wahrscheinlichkeit, jemandem zu begegnen, war dort geringer als auf dem Weg in die entgegengesetzte Richtung, was ich nun sehr zu schätzen wusste. Schweigend gingen wir an großen Reklametafeln vorbei, an aufgelassenen, einsam stehenden Fabriksgebäuden und Gärtnereien, deren Plankenzäune wohlbewässerte Pflanzen von der menschenleeren Umgebung trennten. Die Augen unverwandt auf mich gerichtet, lief der Fremde bereitwillig neben mir her, und es schien, als wolle er mir etwas Wichtiges sagen. Dann hechtete erweit vor. Die sich plötzlich spannende Leine,an der ich ihn geführt hatte, riss mich zu Boden. Ich ließ sie los, woraufhin er, schnell zurückgekehrt, diese wieder um mein Handgelenk wickelte. Als er sich das zweite Mal weit von mir entfernte, nahm ich, um nicht nochmals zu stürzen und um das merkwürdige Spiel zu beenden, ein Taschenmesser, das ich immer bei mir trage, durchtrennte die Leine und ging nach Hause. Unterwegssah ich mich immer wieder um, aus Angst, er würde mir folgen. Er tat es nicht.
Erschöpft, aber erleichtert, den lästigen Fremden losgeworden zu sein, und ihn bald vergessen wollend, ließ ich mich zu Hause auf einen Sessel nieder. Auf der Rückenlehne lag sein Mantel. Ich wollte erfahren, wem ich das morgendliche Abenteuer zu verdanken hatte, und zog aus der Manteltasche einen Ausweis. Darin stand der Name meines im Krieg verschollenen Vaters. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2007)