Er würde sie anrufen, alle drei; und sie tauchten fein säuberlich in seinen Gedanken auf, untergebracht in drei hübschen Kämmerchen ohne Verbindung miteinander. Die fehlende Verbindung fiel ihm auf, und er hatte das Gefühl, dass wohl er es war, der sie hätte herstellen sollen; aber das war nun einmal nicht geschehen, sie existierten jeder für sich, er konnte ihnen die Tür öffnen und sie beinah genüsslich als Einzelexemplare betrachten – Kit, die er gern hatte, deren Mann er nicht leiden konnte, sie, von der er am meisten enttäuscht war, weil sie sich nicht entwickelt hatte; Rudolf – und
er machte die Tür gleich wieder zu; Brigit, die ihn irritierte, die ihn immer irritiert hatte, schon von klein auf, die ihn umso mehr irritierte, wie er versuchte, seine Irritation zu bekämpfen, der er deshalb besondere Freundlichkeit erwies, bis er weder sie noch seine Freundlichkeit noch seine Irritation länger aushalten konnte.“
Ein Vater denkt an die drei erwachsenen Kinder, während seine kranke Frau im Sterben liegt, nein: sich das Leben nimmt. Peer Hultberg erzählt im Roman „Eines Nachts“ von einer ganz normalen Familie mit ganz normalen Abgründen, die da sind: Missverständnis und Missgunst, Schuld und Scheitern, Fremdheit, Hass und sehr viel Einsamkeit. Die Liste ließe sich fortsetzen – wer nun denkt, Hultberg hätte allzu viel Elend in einer Familie angehäuft, sieht wohl auch der Realität ungern ins Auge. So manches Familienband ist ein dünner Faden, so manche Geschwisterliebe ihr Gegenteil, so mancher Rosengarten ein Grab.
Großartig schon der Beginn: Rudolf, der Trinker, traut sich kaum mehr aus dem Haus, muss es aber, um zu seinen Flaschen zu kommen. Der Gang in die Welt wird zu einem Spießrutenlauf durch die eigenen Zwangsvorstellungen. Jedes Gespräch, jedes Polizeiauto, jede unvorhergesehene Begebenheit wird ihm Gefahr. Dann im Blick: Schwester Brigit, die ledige Musiklehrerin, seit einem halben Jahr von ihrem Partner Curt getrennt, der sie am Abend mit seiner neuen Flamme besuchen wird. Grund genug, sich in Schale zu werfen und allerlei Ränke zu schmieden – er soll sehen, was er verpasst, er soll bereuen.
Dann der Vater: Er verabschiedet sich von seiner Frau. Sie ist Ärztin und hat beschlossen, ihrem Leiden noch in dieser Nacht selbst ein Ende zu setzen. Einsame Stunden beginnen: Hat ihn seine Frau mit ihrer Entscheidung mit ins Totenreich gezogen oder im Gegenteil zum Leben befreit? Beeindruckend, wie Hultberg das Hin und Her der nächtlichen Gedanken des Ehemanns beschreibt, der das Zimmer seiner Frau nicht mehr betritt und am Morgen nicht einmal mehr die Fragen weiß – und „beinah mit Frieden“ beim Gebet landet: „De profundis clamavi ad te.“ Dann ist da noch Kit, die trotz Eigenheim, Gatten, Kindern und Rosengarten aus inneren Zwängen, die sie sich selbst nicht erklären kann, in dieser Nacht eigenes Geld verdienen geht: als Prostituierte.
Wie in einem klassischen Drama braucht der Däne Peer Hultberg für seinen Roman nicht den Gang durch ein ganzes Jahrhundert oder die Anhäufung von Geschichtsdaten, um das Psychodrama einer Familie auf die Bühne zu bringen. Er richtet seinen Blick auf das Heute, jene „kleine, zitternde Metallsaite“, die zwischen Vergangenheit und Zukunft, den gleichgewichtigen Waagschalen des Lebens, „um einen Nullpunkt vibriert“. Es ist bloß ein Tag und vor allem eine Nacht, in der viel Leid geschieht, aber auch einiges an Erkenntnis gewonnen wird, bis am Morgen die Mutter (vermutlich) gestorben ist, die Vögel zwitschern und zwei Geschwister einander fest umarmen.
Der Autor und Psychoanalytiker Hultberg ist, wie er hier beweist, ein Meister der literarischen Psychologie. Klar wird das vor allem in der Abendszene, in der Brigit sich mit psychologischer Raffinesse an Curt zu rächen sucht, aber am Ende nicht mehr weiß, ob es ihr gelungen ist oder sie sich nicht vielmehr selbst in ihrem Netz gefangen hat. Als die Gäste gegangen sind, sitzt sie in ihrer eigenen Eiseskälte und kann nicht einmal mehr weinen. Besonders gelungen ist Hultberg jene von Mythen und Bibel gespeiste Szene, in der Rudolf aus Ton den Palast des Königs baut und das Grab des alten Königs zu zerstören sucht, sich dabei aber selbst verletzt, weil er volltrunken mit bloßer Hand den Ton aus dem Ofen holt.
In dieser Familiengeschichte, die in ihrer Unerlöstheit so alltäglich wie grauenhaft ist, wechselt mit den Personen und ihren psychischen Zuständen auch der Ton. Manchmal ist die Sprache geradezu verstörend banal, man meint stilistische Schwächen auszumachen, dann wieder sehr musikalisch; manchmal tönen die Sätze wie knappe Stakkati, dann folgt wie ein Crescendo ein langer anschwellender Satz. Der Aufbau ist stringent und erzählt für sich schon viel: Zu Beginn wechselt die Perspektive zwischen Bruder Rudolf und Schwester Brigit, ein Wechsel, der mit einer unfreundlichen Begegnung und dem Zerbrechen einer Flasche endet: „Zur Versöhnung an Mutters Grab!“, heißt es hier schon anspielungsträchtig. Und am Ende kommt es zur Begegnung von Schwester Kit und Bruder Rudolf, die einander wie Elektra und Orest am Grab des Vaters in Aischylos' „Choephoren“ erkennen.
Warum Aischylos? Weil es um Schuld, Unrecht, Verbrechen und Rache im eigenen Haus geht, um Leid und Verstrickung. Dazu passt auch Schuberts beziehungsweise Goethes Lied des Harfenspielers, dessen Worte Brigit völlig unverständlich bleiben: „Ihr führt ins Leben uns hinein, / Ihr lasst den Armen schuldig werden, / Dann überlasst ihr ihn der Pein; / Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“ Mit der Morgensonne endet der Roman, blutunterlaufene Augen treffen auf geschwollene Lider, das „schöne Bild der ganzen Welt“, wie es bei Goethe heißt, bricht zusammen: aber vielleicht sogar zum Wohl der beiden Geschwister, die einander gerade in ihrem Elend wieder erkennen – und verstehen. Geht es nicht genau darum?
Bachs Musik wird als Beispiel dafür vorgeführt, dass es in einem Kunstwerk eine innere Struktur gibt, von der man ahnt, dass es sie gibt, die sich aber der genauen Analyse entzieht. Dieser Roman erklärt nicht, er beantwortet die Fragen nicht, die er aufwirft – auch das trägt zu seinem Gelingen bei. Statt dessen greift der Autor auf mythische und biblische Bilder zurück: die Opfergabe, das Schaffen aus Ton, der Wunsch, den Vater zu töten, die Tötung des eingeborenen Sohns. Hultberg hat „Eines Nachts“ nicht psychoanalytisch ausgedeutelt, sondern im wahrsten Sinn des Wortes komponiert. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2007)
















