In einem Gespräch mit der „New York Times“ antwortete Philip Roth auf die Feststellung einer Journalistin, wonach Nathan Zuckerman bekanntlich sein Alter Ego sei, es handle sich dabei vielmehr um sein „alter brain“. Das war im Jahr 2000, kurz nach Erscheinen des großen Romans „The Human Stain“, der Geschichte Coleman Silks, eines Altphilologen, der wegen Verfehlungen gegen die „Ethikette“ der politischen Korrektheit in den Ruhestand geschickt worden war. Silk hatte, und das machte die Geschichte für den zurückgezogen lebenden Schriftsteller Zuckerman so interessant, sein Leben als Jude verbracht, obwohl er – wenn auch hellhäutig – als Afroamerikaner geboren worden war. Der jüdische Boxtrainer hatte den jungen Coleman als Juden kämpfen lassen, von da an katapultierte der sich in ein anderes Leben, in eine alternative Biografie.
Das „alter brain“ von Philip Roth kehrt nun in seinem, wie der Titel insinuiert, letzten Buch, „Exit Ghost“, nach New York zurück; der erste Zuckerman-Roman, erschienen 1979, hatte „The Ghost Writer“ geheißen. Das andere Gehirn ist alt geworden, der Körper zerbrechlich, der Geist geht. Wie alles bei Roth ist auch der Titel zweideutig: Der Geist geht, und zwar auseinander, aus den Fugen, der altersbedingten Auflösung entgegen; und der Geist, der am Theater auf der Bühne steht, verlässt die Bühne.
Nathan Zuckerman, der vor elf Jahren wegen antisemitischer Drohbriefe New York Hals über Kopf gegen ein Haus am Land, gegen die Einöde und die Konzentration aufs Werk, eingetauscht hatte, kehrt in die Stadt seines Lebens zurück, um einen weiteren, diesmal hoffentlich die Inkontinenz erleichternden Eingriff an der Prostata vornehmen zu lassen. Die Welt, die er vorfindet, nach 9/11, in der Amtszeit George W. Bushs, ist ihm abhanden gekommen. Dort, am Land, schreibt Zuckerman noch immer auf der Schreibmaschine, er besitzt keinen Videorecorder, keinen DVD-Player, er hat nicht einmal ein Mobiltelefon. Und daher ist es weder al-Qaida noch die Angst vor einer zweiten Präsidentschaft des Texaners mit dem starken Akzent, was ihm Unbehagen bereitet, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen auf den Straßen laut in ihre Mobiltelefone sprechen. Das sind die neuen Zeiten; Zuckerman kommt aus einer anderen Zeit, er will die neuen Zeiten auch nicht mehr kennenlernen – nicht als Teilnehmer und nicht als Kommentator. Er liest keine Zeitungen mehr, er kümmert sich nicht ums Tagesgeschehen, er wählt auch nicht mehr. Ein Leben im Anachronismus, wie der alte Hans Mayer seine späte Existenz bezeichnete.
Das Ticket „Außenseiter“, das Hans Mayers großes Buch über die Grenzen der Aufklärung und der Toleranz durchbuchstabierte als Grenzen gegen die, die einer gesellschaftlich verbindlichen und mit der Herrschaft verbindenden Norm nicht genügen, ließe sich auch den meisten der Rothschen Figuren ausstellen – in einem gewissen Sinne, abseits der Preise und Ehrungen, wohl auch dem Schriftsteller Philip Roth selbst. Denn das Unbehagen an der Gesellschaft, wie sie ist, wird an den schillerndsten Protagonisten seiner Bücher spürbar.
Zu viel Begabung, zu viel Libido
Das sind die großen Brocken im Werk des Philip Roth, an denen sich schon der Debütant in „Goodbye, Columbus“ abarbeitete: die Herkunft aus dem ärmlichen jüdischen Viertel von New Jersey, neben Italienern, Iren und Polen; der Drang und die Hoffnung der Eltern, etwas aus seinem Leben zu machen, gegen die Widerstände der Gesellschaft, durch doppelte und dreifache Anstrengungen; entweder das Vergessen der jiddisch sprechenden Großeltern oder aber die Wut über Drohbriefe und die mit ihnen verbundene Paranoia; ein Zuviel an Begabung; ein Zuviel (für die anderen) an Libido; eine tief sitzende Abneigung gegen das Mittelmaß.
Wer waren denn die Protagonisten der vorangegangenen Zuckerman-Romane, die Menschen, die Zuckerman so fesselten, dass er sich ihrer Geschichten annahm? Swede Levov, der große, helle, sportliche Jude, den der junge Nathan in der Highschool so bewundert hatte, der Star der Basketballmannschaft, der Mädchenschwarm, der reich wurde und angepasst und ein guter Amerikaner wie andere auch. Nur schlug sich dann seine Tochter auf die Seite der radikalen Linken und sprengte gegen den Kapita-
Philip Roth
Exit Ghost
A Novel. 304S., brosch., ca. $17,16 (Houghton Mifflin Books, Boston)
lismus und gegen die Familie ein Postamt in die Luft. Ira Ringold in „I Married A Communist“, die Radioberühmtheit, der jüdische Schauspieler, den alle zu lieben schienen, trotz oder wegen seiner Herkunft, der in der McCarthy-Zeit ins Kesseltreiben gegen alles gerät, was als kommunistisch gebrandmarkt wird, und des Schutzes derer, die ihn einst zu schützen vorgaben, verlustig geht. Zuletzt Coleman Silk, der helle schwarze Professor, dem Rassismus vorgeworfen wird, weil er zwei Studenten, von denen er nicht wissen kann, dass sie schwarz sind, „spooks“ genannt hat, dem man ein Verhältnis mit einer illiteraten Putzfrau ankreidet, was sie aber gar nicht ist, und der auf einmal die Solidarität der ihn so schätzenden Kollegenschaft verwirkt hat.
In „Exit Ghost“ findet sich der jahrelang mit diesen Geschichten beschäftigte Nathan Zuckerman, weil er auf eine Annonce reagierte, in der ein schreibendes Pärchen den Tausch seines New Yorker Appartements gegen ein Haus am Land anbietet, auf einmal mitten in seinen Geschichten wieder. Da ist die schöne, kluge, junge Autorin Jamie, natürlich aus reicher texanischer Familie, die sich so vor der zweiten Amtszeit Bushs, vor den Bekannten ihres Vaters fürchtet, dass sie nicht von ihrem jüdischen Mann Billie schwanger werden, sondern nur noch aufs Land ziehen will. Nathan würde sie so gerne verführen, aber er ist 71, und auch Viagra hilft nicht mehr, seit ihn der Prostatakrebs impotent werden ließ.
Was für ein Schicksal für Zuckerman, dem Eros und Apollo immer zwei Seiten einer Münze waren! All das, was Nathan Jamie gegenüber nur denkt, was nicht gesagt wird, versucht er sofort in Dialogform zu fassen, sobald er zurück ins Hilton kommt. Der Schreibende transformiert die sogenannte Wirklichkeit durch die ihr inhärenten Möglichkeiten in eine andere Wirklichkeit. In diesen Szenen einer unmöglichen Beziehung geht es nicht darum, die junge Frau ins Bett zu locken, sondern ihr seine Ausgeliefertheit, sein Nie-Wieder, seine von ihr so grundverschiedene Existenz zu offenbaren – und sie damit, mit der Kapitulation des Ruhmes vor der Gesundheit einzunehmen.
„Exit Ghost“ liest sich wie ein Abschiedsbuch, voller Resignation und voller Aufbäumen dagegen. Die großen, bitteren Witze, mit denen Zuckerman und Roth Ängste bannen und Lächerlichkeiten benennen wollten, und über die man so befreit auflachen konnte, werden nicht mehr erzählt. Nathan ist noch immer gewitzt, noch immer sarkastisch, aber es hat sich eine Schwere, eine böse Ahnung in sein Bewusstsein gegraben. Der Geist, der für Zuckerman mit der Libido seit je eins war, verlässt ihn. Das Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr; Nathan füllt Notizhefte, in denen er vermerkt, mit wem er worüber gesprochen, mit wem er wann warum telefoniert hat. Ohne diese Hefte wäre er verloren. Das aber, was ihn wirklich umtreibt, wovor er panische Angst hat, rührt an die Grundfesten der Existenz: nicht mehr arbeiten, also nicht mehr schreiben zu können. Der Tod des Autors wäre für Zuckerman der Tod selbst.
Zum Glück bin ich kein Literaturwissenschaftler, sonst müsste ich zum tausendsten Mal erklären, dass man ja nicht den Autor mit seiner Figur verwechseln dürfe. Dass ein „alter brain“ ein anderes Gehirn und nicht die Ersetzung eines Namens durch einen anderen sei. Dass ein Maskenspiel ein Maskenspiel sei. Das alles aber weiß und reflektiert gerade dieser Autor wie kein anderer in seinen Romanen. Philip Roth sieht melancholisch aus auf dem riesigen Foto am Buchrücken; todkrank sieht er nicht aus. Und auch wenn er nicht impotent sein sollte, auch wenn er sich nicht wie sein „alter brain“ Einlagen in die Unterhose stopfen muss, auch wenn sein Geist und sein Gedächtnis noch scharf sind, spürt man doch, was nach diesem großen Werk, nahe an seinem Ende, die Ängste des alt gewordenen Schriftstellers sind.
Und genau darum dreht sich dieser Roman in erster Linie: Was wird aus dem Autor nach seinem Tod? Zuckerman sieht, als er vom Arzt kommt, Amy Bellette, die ehemalige Geliebte des von Zuckerman verehrten (und von Roth erfundenen) Schriftstellers E.I. Lonoff, dem er in „The Ghost Writer“ einen Besuch abstattete, um von ihm zu lernen. Sich schließende Kreise auch hier. Die einmal so einnehmend war, so klug und schön und begehrenswert, erschreckt Zuckerman dermaßen, dass er sie nicht einmal anspricht. Aber da ist auf einmal ein junger Mann, Richard Kliman, selbstbewusst, athletisch, gesund, jüdisch, der eine Biografie Lonoffs schreiben, dessen düsteres Geheimnis entdecken will – den Inzest mit der Halbschwester. (Peter Weiss hat in „Abschied von den Eltern“ den ihn peinigenden Inzest mit der Schwester unmaskiert beschrieben. Wie billig wäre es, sein Werk von daher zu erklären.) Von da an schwört Zuckerman sich und Kliman, dass er alles, was in seiner Macht steht, tun werde, um die Publikation dieser Biografie zu hintertreiben – auch wenn Amy, die er dann doch aufsucht und die an einem Gehirntumor leidet, den Inzest zu bestätigen scheint.
„Autobiografie ist's immer“
Wie wichtig ist also die Biografie des Schreibenden für sein Werk? Lonoff schien es, wie von Zuckerman dargestellt, mit Nietzsche zu halten: „Das eine bin ich, das andere sind meine Schriften.“ In Zuckermans Fall, der vor seinem Rückzug ein sehr öffentliches Leben geführt hatte, voller Skandale und Auseinandersetzungen, scheinen die Dinge etwas anders zu liegen. Auf Philip Roth dürfte am ehesten die Bemerkung Goethes in Thomas Manns „Lotte in Weimar“ zutreffen: „Autobiografie ist's immer.“ Roth focht ja einen Rosenkrieg mit einer Exfrau literarisch aus.
In „Leaving A Doll's House“ skizzierte Claire Bloom ihr vertracktes Leben mit dem Schriftsteller. Die Claire, die Roth in „Operation Shylock“ noch als Retterin und Stimme der zügelnden Vernunft gezeichnet hatte, taucht danach als eine sehr andere Frauenfigur auf. Wollte man in Strategien denken, könnte man sagen, dass Roth durch die Arbeitsweise Zuckermans, die er jetzt in diesem Roman transparent werden lässt, selbst Einfluss auf die Erforschung seiner Schreibwelt nehmen wolle. Aber es könnte, wie immer bei Roth, auch ganz ganz anders sein.
Anscheinend ist der Geist, den Philip Roth rief, nun gegangen. Zum Glück gibt es in seinem Spiegelkabinett, in dem alle Masken tragen, die den Gesichtern darunter zum Verwechseln ähneln, noch viele Geister. ■
Die deutsche Ausgabe erscheint
am 4. Februar bei Hanser, München.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2008)
















