04.07.2009 00:24 | Meine Presse Merkliste0

Alles braucht sein Gegenteil

11.01.2008 | 18:30 |  Von Gerwalt Brandl (Die Presse)

Intensiv: Friedrich Hahn über die postmoderne Liebe.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Friedrich Hahn hat einige Bücher über die Liebe geschrieben. Dies ist sein erster Roman. Die Liebe ist inkommensurabel, deshalb können Tina, aus einer achtjährigen Haft entlassen, und Harald, ihr vormaliger Bewährungshelfer, nichts über die Liebe sagen. Das, was Harald Kreill als „erfahrung jenseits der erfahrung“ bezeichnet, das getrauen sich die Liebenden nicht beim Namen zu nennen.

Die Krise entsteht, weil im Gegensatz zur Unermesslichkeit des Gefühls plötzlich der Anspruch da ist, dass sich etwas Überschaubares, Einsehbares entwickeln möge. Zunächst aber fassen die Protagonisten die Liebe als eine Art Naturgeschehen auf. Harald: „ich will nichts fordern. mit jeder forderung nehme ich mir selbst etwas. alles muss von allein passieren.“ Später heißt es jedoch: „ich küsste sie, als sei ich in not. ich fühlte, dass sich da etwas breitmachte, was noch am reifen war. als lebten wir eine zeit, tina und ich, die erst eine fortsetzung suchte, die sich uns bisher immer nur in ersten ansätzen dargestellt hatte.“ Tina reagiert mit Panik. „hilfe, ich bekomm keine luft mehr“. Sie macht sich die Sentenz ihres Vaters zu eigen, dass alles sein Gegenteil brauche, um wahr zu sein.

Wenn man das weiter spinnt, braucht also das Große das Kleine, das Gute das Schlechte, und die Liebe benötigt ihr Ende. Und Tina spitzt das noch zu: „alles, was machbar ist“, sagt sie, „ist auch zerstörbar.“ Ihrem Freund verschlägt es die Rede. Sie verlässt ihn kommentarlos. So „natürlich“, wenn auch abrupt, endet dieser Roman, der uns mit Verhältnissen vertraut macht, in denen eigentlich nichts egal ist, denn es geht darum, etwas vom Leben zu haben. Posthistoire! Das Ende der Lebensentwürfe!


Gleichgültig oder gleich gültig?

Gibt es Gründe, die Liebe weiterzuentwickeln? Oder sollen wir uns an etwas halten, das man eher als heidnisch bezeichnen könnte. Dann heißt Wahrheit Aufbauen und Zerstören, Werden und Vergehen, dann ist entweder alles gleichgültig, oder – ist dann alles gleich gültig?

Der Roman, aus verschiedenen Perspektiven erzählt, fokussiert den Blick auf die Realität gerade in diesem Punkt des Zweifels. So manche Lebensäußerung wirkt gespielt, der Autor zeigt uns ein Als-ob. Und die vielen Witze und Kalauer im Buch gehören zum Thema. Man wird an Frédéric Beigbeder erinnert, der vom postmodernen Leben sagt: „Humor ist Pflicht; die Welt ist ein einziger Scherz.“

Es ist das Verdienst Friedrich Hahns, dass er im Alltäglichen die richtigen Bilder für Ambivalenz findet. Tina sitzt am Frühstückstisch und hält „ihren vornüber gebeugten kopf an ihrem eigenen schopf hoch“. (Sie wartet auf ein Gummiringerl für ihr Haar.) Das kann man positiv sehen und lesen: Sie ist dabei, sich an ihrem eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Man kann es aber auch als Selbstköpfung auffassen. Oder sie erklärt Harald, was der Ausdruck „o.k.“ bedeutet. Ihrer Meinung nach kommt es von „oh, killed“, im Sinne von „es ist ausgestanden“. Auch das ist zweideutig, wenn man als Leser weiß, dass Tina verurteilt wurde, weil sie ihr neugeborenes Kind getötet hat.

Das Buch ist spannend geschrieben und durch Verknappung und Prägnanz gekennzeichnet. Und das Schöne daran: Es kommt leichtfüßig daher, aber die Dinge werden intensiv befragt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Top-News

  • Fall Madoff: Neue Spuren führen nach Wien
    Im „Fall Madoff“ gibt es schwere Vorwürfe gegen Sonja Kohn, Gründerin der Wiener Bank Medici. Dabei geht es um umstrittene Geldflüsse von rund 40 Mio. Dollar (28,4 Mio. Euro).
    Ohne Job: Generation Krise
    Der Einstieg ins Berufleben wird schwieriger. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt daher deutlich stärker als die allgemeine Arbeitslosenquote. Firmen nehmen lieber freigesetzte Mitarbeiter als Neueinsteiger.
    Sarah Palin tritt als Gouverneurin von Alaska zurück
    Die frühere US-Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner wird ihr Amt als Gouverneurin von Alaska am 26. Juli zurücklegen. Damit nährt sie Gerüchte, 2012 für das Amt des Präsidenten kandidieren zu wollen.
    Verteilungskonflikt: "Wir brauchen Aufstand der Jungen"
    Keine Pension, kein Job und keine Kinder. Droht ein Kampf der Generationen? „Die Verteilungskonflikte zwischen Alt und Jung werden zunehmen“, meint Experte Wolfgang Gründinger.
    Hochwasser kehrt nach Spitz an der Donau zurück
    Die Situation ist ähnlich dramatisch wie beim Donau-Hochwasser vor wenigen Tagen. Doch diesmal kommt das Hochwasser von drei Bächen. Der Wasserstand des üblicherweise 30 Zentimeter hohen Spitzerbachs beträgt vier Meter.
  • USA: Polizei sucht Serienmörder
    Ein Serienmörder soll im US-Bundesstaat South Carolina innerhalb von sechs Tagen vier Menschen getötet haben.
    Vassilakou: Gegen die Tarzanisierung der Politik
    Maria Vassilakou ist im Sommer Grünen-Chefin. Für die Wien-Wahl wünscht sie sich ein „gehöriges Erdbeben“, das die politische Landschaft wieder in Bewegung setzen soll.
    Nadja Benaissa in St. Pölten: "Ich habe keine Angst"
    Die No Angels feierten beim Stadtfest in St. Pölten ihren ersten Auftritt seit der Festnahme von Sängerin Nadja im April. "Wir haben viele Höhen und Tiefen erlebt", sagte Benaissa bevor sie auf die Bühne ging.
    Wimbledon: Traum von Lokalmatador Murray geplatzt
    Der Schotte Andy Murray scheiterte im Wimbledon-Halbfinale in vier hart umkämpften Sätzen gegen Andy Roddick. Der wiedererstarkte US-Amerikaner hat gegen Finalgegner Federer nur zwei von 20 direkten Duellen gewonnen.
    Hype: Der Michael-Jackson-Zirkus
    Die Amerikaner sehnen sich nach einer Pause im Totenkult. Los Angeles bereitet sich auf die Trauerfeiern und das Begräbnis vor.
  • Medizin-Eignungstest: Zittern im Austria Center
    Tausende Maturanten versuchen sich an einem Test, der über ihre Zukunft entscheidet. Begleitet werden sie von einem Plastiksackerl und dem Wunsch, Arzt zu werden. Ein Besuch im Austria-Center.
    Iran macht Jagd auf kritische Journalisten
    Aus Journalisten und Politikern wurde Freiwild, das ohne Angaben von Gründen hinter Gitter gesperrt wird. Ein Besuch in der Zeitung "Etemade Melli", der letzten Zufluchtsstätte kritischer Geister.
    Polizei: Geigers rätselhaftes Comeback
    Ab Montag arbeitet Ex-Kripo-Chef Ernst Geiger (55) wieder für die Bundespolizeidirektion Wien. Wo genau, weiß er aber nicht. Er war im März 2006 wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses suspendiert worden.
    Eisschnelllauf: Dopingsperre für Claudia Pechstein
    Die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin aller Zeiten wurde des Blutdopings überführt. Doch Claudia Pechstein und der Eisschnellauf-Verband wehren sich: "Die Sperre stützt sich ausschließlich auf Indizien".
    Nitsch: Orgel spielen, bis der „Pornojäger“ tobt
    In seinem Museum erklingt als „Begleitmusik“ zur Ausstellung die Uraufführung der „Ägyptischen Symphonie“ des Aktionskünstlers – sie könnte „meine Neunte sein“, sagt Nitsch im Gespräch.