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Alles braucht sein Gegenteil

11.01.2008 | 18:30 |  Von Gerwalt Brandl (Die Presse)

Intensiv: Friedrich Hahn über die postmoderne Liebe.

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Friedrich Hahn hat einige Bücher über die Liebe geschrieben. Dies ist sein erster Roman. Die Liebe ist inkommensurabel, deshalb können Tina, aus einer achtjährigen Haft entlassen, und Harald, ihr vormaliger Bewährungshelfer, nichts über die Liebe sagen. Das, was Harald Kreill als „erfahrung jenseits der erfahrung“ bezeichnet, das getrauen sich die Liebenden nicht beim Namen zu nennen.

Die Krise entsteht, weil im Gegensatz zur Unermesslichkeit des Gefühls plötzlich der Anspruch da ist, dass sich etwas Überschaubares, Einsehbares entwickeln möge. Zunächst aber fassen die Protagonisten die Liebe als eine Art Naturgeschehen auf. Harald: „ich will nichts fordern. mit jeder forderung nehme ich mir selbst etwas. alles muss von allein passieren.“ Später heißt es jedoch: „ich küsste sie, als sei ich in not. ich fühlte, dass sich da etwas breitmachte, was noch am reifen war. als lebten wir eine zeit, tina und ich, die erst eine fortsetzung suchte, die sich uns bisher immer nur in ersten ansätzen dargestellt hatte.“ Tina reagiert mit Panik. „hilfe, ich bekomm keine luft mehr“. Sie macht sich die Sentenz ihres Vaters zu eigen, dass alles sein Gegenteil brauche, um wahr zu sein.

Wenn man das weiter spinnt, braucht also das Große das Kleine, das Gute das Schlechte, und die Liebe benötigt ihr Ende. Und Tina spitzt das noch zu: „alles, was machbar ist“, sagt sie, „ist auch zerstörbar.“ Ihrem Freund verschlägt es die Rede. Sie verlässt ihn kommentarlos. So „natürlich“, wenn auch abrupt, endet dieser Roman, der uns mit Verhältnissen vertraut macht, in denen eigentlich nichts egal ist, denn es geht darum, etwas vom Leben zu haben. Posthistoire! Das Ende der Lebensentwürfe!


Gleichgültig oder gleich gültig?

Gibt es Gründe, die Liebe weiterzuentwickeln? Oder sollen wir uns an etwas halten, das man eher als heidnisch bezeichnen könnte. Dann heißt Wahrheit Aufbauen und Zerstören, Werden und Vergehen, dann ist entweder alles gleichgültig, oder – ist dann alles gleich gültig?

Der Roman, aus verschiedenen Perspektiven erzählt, fokussiert den Blick auf die Realität gerade in diesem Punkt des Zweifels. So manche Lebensäußerung wirkt gespielt, der Autor zeigt uns ein Als-ob. Und die vielen Witze und Kalauer im Buch gehören zum Thema. Man wird an Frédéric Beigbeder erinnert, der vom postmodernen Leben sagt: „Humor ist Pflicht; die Welt ist ein einziger Scherz.“

Es ist das Verdienst Friedrich Hahns, dass er im Alltäglichen die richtigen Bilder für Ambivalenz findet. Tina sitzt am Frühstückstisch und hält „ihren vornüber gebeugten kopf an ihrem eigenen schopf hoch“. (Sie wartet auf ein Gummiringerl für ihr Haar.) Das kann man positiv sehen und lesen: Sie ist dabei, sich an ihrem eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Man kann es aber auch als Selbstköpfung auffassen. Oder sie erklärt Harald, was der Ausdruck „o.k.“ bedeutet. Ihrer Meinung nach kommt es von „oh, killed“, im Sinne von „es ist ausgestanden“. Auch das ist zweideutig, wenn man als Leser weiß, dass Tina verurteilt wurde, weil sie ihr neugeborenes Kind getötet hat.

Das Buch ist spannend geschrieben und durch Verknappung und Prägnanz gekennzeichnet. Und das Schöne daran: Es kommt leichtfüßig daher, aber die Dinge werden intensiv befragt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

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