Ich werde Hanna an der Handnehmen müssen. Weil ich sie immer den Kopf senken sehe, ich sehe, wie sie den Kopf senkt, die Augen in den Teppich gräbt, die Finger einrollt. So sitzt sie dann, mitunter stundenlang, vergisst, dass es Zeit gibt, die vergeht und nie wiederkommt, und Dinge und Handlungen, die verschwinden und plötzlich nichts mehr bedeuten. Ich habe ihr das mehrmals gesagt, in unzähligen Varianten, nicht etwa nur in einer: Draußen schneit es, erinnerst du dich an den Winter? Oder: Wolltest du nicht längst wieder einmal eine halbe Nacht spazieren gehen und die Sterne sehen? Es geschieht nichts, Hanna sitzt da und schweigt, und wenn ihre Stummheit sich auf alle Dinge im Raum übertragen hat – (und wie sie dann größer werden, wehrloser, aber auch stärker) –, laufe ich allein die Treppe hinunter und lasse mir den Schnee auf der Stirn zergehen, eine Flocke nach der anderen. Ich würdige auch den Mond und werfe einen Blick auf Hannas Ladentür, aber all das ändert nichts: Hanna sitzt da und schweigt.
Was mit Hanna geschehen ist und geschieht, hat auch in mein Leben gegriffen, in alle meine Zimmer, meine kleinen Gewohnheiten und Vorlieben. Wenn im Sommer Regen fiel, hüpften wir manchmal wie Kinder auf der Straße, oder wir fuhren, sobald der Boden trocken war, hinaus in den Wald, breiteten eine Decke unter Hannas Lieblingsbaum, packten das Essen aus und später Bücher. Was denkst du? Ich versenke die Wolke in mich: Du musst sie so lange ansehen, bis nur noch du und die Wolke auf der Welt sind. Und dann? Das verändert uns.Glaube ich, vielleicht auch nicht. Manchmal verschwindet Hanna, legt einen Zettel auf den Küchentisch: Wird noch einmal etwas anfangen? Ich weiß nicht genau, wie Hanna diese Tage zubringt, wen sie trifft und wie oft sie die Stirn faltet, die rechteHand öffnet, um die Finger der linken hineinzulegen, ihre kleinen Bergungsversuche. Was du für ein Gesicht machst! Nie weiß man, ob du dich gut oder schlecht mit mir fühlst, man muss nicht alles einer Frage aussetzen. Die ihr das sagen, sehen nicht lange genug hin, Hannas kleine Gesten zeichnen etwas ab, das von weit her kommt, vielleicht aber auchdirekt von gegenüber, jedenfalls widerstreben sie einer allzu bestimmten Deutung. Gibt es eine Aufmerksamkeit, die uns umbringt? fragt sie, bevor sie in ihr Zimmer geht und die Tür ins Schloss fallen lässt.
Da liegt sie dann bei ihren Büchern, Papier und Buntstifte neben sich, um die Sätze einzufärben und an die Wand zu pinnen. Willst du dich auch hier noch zupflastern, erlaube ich mir dann sie zu fragen. Willst du ausgerechnet auf diese Weise verschwinden? Was maßt du dir eigentlich an! Aber nein, du verstehst mich falsch, dringt es aus ihrem Zimmer, seltsam ruhig, eine Art von Ruhe, die meinen Zorn weckt, weil sie immer alles zugleich ist: unsicher und überlegen, furchtsam und stark. Sie verwirrt mich mehr als alles andere an Hanna, weil sie es regelmäßig schafft, mich fortzuziehen, an einen Ort, der mich absondert, an dem nichts ist, wofür ich leichthin ein Wort finden würde, dem ich vertraue. Ich will da sein, und wenn Hanna und mich von jeher etwas verbunden hatte, dann dieser Wille: da zu sein. Fort zu sein, würde Hanna hinzufügen, ganz sicher.
Hanna streicht mit ihren Fingern über die Konturen, die sich durch Milchglasscheiben drücken, während sie Türen und Bücher öffnet, sich in Parks und Gassen verläuft, Freunden und Fremden gegenübersitzt. Ob ihr diese Formulierung nun gefallen würde oder nicht, ob sie sie zutreffend nennen würde oder weither geholt, ungenau und den Blick trübend: Ich habe es gesehen, so und nicht anders, und es kann ja nicht sein, dass die Dinge und Worte ausschließlich von Hanna abgesegnet werden, für richtig oder falsch befunden, für unzureichend gehalten oder zielsicher genug. Hörst du, wie immer eine andere Stimme mitspricht in deinen Sätzen?, lautet Hannas Frage, hörst du es, und weißt du auch, welche? – Muss ich es wissen, wozu? Dann schlägt Hanna die Augen nieder, lässt eine Weile die Schultern hängen, geht zum Fenster und sieht hinaus, sucht eine Antwort in den kleinsten Bewegungen, Widerstand gegen das stets lauernde Gefühl von Schuld, so ein Unsinn. Hanna, sage ich, komm, oder sage ich es doch nicht. Keinen anderen Wunsch mehr als diesen: aus lauter Hüllen zu bestehen, luftigen Hüllen, und wenn einer kommt und sie antupft, dann –
Es wird immer wieder jemand kommen, in Hannas Laden, ich sehe sie ein- und ausgehen, und manchmal zu lange bleiben. Hannas Teekanne zwischen den Büchern am Pult, Hannas Lachen ein Schatten auf der Teppichstufe der Holztreppe, weißes Papier auf dem Tisch. Schreiben wir auf, was von den Sätzen geblieben ist, was nicht weggeht, und wenn es kommt, drehen wir es im Kreis, und zwar genau hier. Hanna, weißt du, was du da tust? – Wir brauchen Orte, wo die Worte wandern, die der anderen, ob im Halbschlaf gesprochen oder hellwach hinausgesagt: Bitte, hör sie oder hör sie nicht. Und dann tun wir, als ob wir Bescheid wüssten, uns auskennten, ohne jemandes Wink und Zuspruch?
Gegen Hannas Hartnäckigkeit ist nichts auszurichten, der Blick im Teppich zieht sich nicht zurück, ehe sich die kleinen Schleusen in den Mustern öffnen: Lass uns treiben. Ist es nun das, wonach ich mich sehne, was ich herbeiwünsche und weshalb ich nicht eher aufhören werde, abends meine zwei Fragen zu wiederholen... Erinnerst du dich an...? Wolltest du nicht...? Nur, um dann alleine all das zu tun, wofür Hanna nicht einmal mehr mit der Wimper zuckt, jedenfalls nicht ohne gleich danach zu fragen, wozu.
Die Dinge im Raum glotzen mich an, lächerlich, all diese kümmerlichen Anfänge mit ihren Wörtern, ihrem Verlangen, ihrem Hineinlangen in die Leere, um dort nach einer Gabe für Hanna zu greifen, damit wir wieder unter Bäumen Decken ausbreiten, Essen und Bücher. Und wir mit dem, was wir eben nicht wissen, woran wir nur aus Lust an der Leichtigkeit glauben, – dass uns etwas wandelt, immer wieder! – zu spielen beginnen, ernsthaft wie verkleidete Kinder. Wie du sprichst, würde Hanna sagen. Wenn sie das sagte! Aber so werde ich es sein, die die Tür aufsperrt, die Schleusen in die Teppichmuster fügt, von dortlasse ich die anderen kommen, die zu lange in Hannas Laden stehen,sitzen oder liegen, ich weiß, sie tun etwas, und ich will wissen, was, ich werde lange hinhören, mich daran erinnern, was Hanna hin- und herschaukelt in den Nächten, während sie die Hand auf den Bauch legt.Vielleicht wüsste ich mehr, wenn wir dieHände tauschten, wenigstens hin und wieder, und es fiele mir leichter, in einen Zusammenhang zu bringen, was Hanna zerstreut hat. Was geschehen ist und geschieht, herausströmen lassen, in einem Guss.
Habe ich nicht gesagt, dass es auch in mein Leben gebrochen ist, in meine Vorlieben, die paar Sicherheiten, dass auch ich anfange, von den Dingen, die nichts mehr bedeuten, je wehrloser und stärker sie sich um mich sammeln, zersetzt zu werden? – Hörst du, welche Stimme...? Hanna, ich bitte dich, Schluss damit! Hanna, sage ich, komm. Die Stimme eines anderen, wie zum ersten Mal gehört, ein Wort wie ein Karussell, ein Schwung im weißen Bogen, schönerals alles. Oder eine Geisterbahn, wechselndeGesichter, und du fängst an, dich zu fürchten? Vielleicht ein kleiner Seufzer, kräftig genug, ein bisschen Asche im Glas aufzuwirbeln, Glutstöcke von Fingern geschnippt, dieda waren, sich ausstreckten, sich einrollten. Wessen Finger nur.
Der Verlauf der Tage und Nächte entscheidet sich daran, ob du den Fingern vertraust, denen der anderen und deinen. Die Tür öffnet sich, Herr Emm tritt ein, während Hanna gegenüber auf der kleinen Holztreppe sitzt, der Kopf leicht wie selten. Sie zögert, sich aufzurichten, schiebt das Kinn leicht nach vor, beugt kaum merklich die Knie, legt die Stirn in Falten. Geht sie fort, niemals müde und wach zugleich, immer nur eins von beiden? Herr Emm zittert leicht, als ob ihm kalt wäre und er zu zart gewirkt, und im nächsten Augenblick friert er ein, zwei Körper, zwei Stimmen, zerbrechlich und verkleinert da, verhärtet und vergrößert dort, und der Wechsel vom einen zum andern vollzieht sich mitunter so schnell, dass dein Atem stockt. Aber dass er überhaupt noch gehen kann und sprechen!
Erinnern Sie sich an den Sommer, in dem der junge Mann jede Nacht ausschwärmte, die Nächte waren sehr hell, und immer suchte er nach jemandem, am Flussufer, in den verwinkelten Gassen. Ich weiß nicht mehr, ob er auch fand, wonach es ihn umtrieb, aber einmal muss doch die Morgensonne aufgegangen sein und er sich glücklich gefühlt haben. Als ob er beschenkt worden wäre mit viel Schweigen, mit Augen, die spät ermüden und mit einer endlich nur kleinen Erwartung. Nicht wahr, Hanna, einmal muss es doch so gewesen sein? Sicher bin ich nicht, aber –. Herr Emm tritt näher zur Treppe, stellt sich mit dem Rücken zu Hanna, schaut zum Fenster hinaus. Hanna steht auf, geht drei Schritte, und ihre Finger streichen über Herrn Emms Rücken, streichen hin über einen Schwung Vergangenheit, eine Krümmung, und richten sie nicht auf, rücken sie nicht gerade, hier nicht und nirgendwo.
Sie schenkt Tee in zwei Tassen und reicht eine Herrn Emm. Warum sollten wir nicht jederzeit dieser Mensch sein können, mit seinen Beinen, dem kurz geschnittenen Haar, dem traurigen Blick. Hat er nicht Abende lang jemandem zugehört, einer hellen, weichen Stimme, klang sie nicht wie ein Versprechen? Nährte sie einen Wunsch, ein Leben, das es geben kann, mit einer geteilten Gegenwart, und viel Geschichte, die jeden Tag neu entworfen werden muss? Trug man ihm diese Stimme nicht zu? Herrn Emms Fragen schimmern aus einer ewigen Vorzeit, die sich licht im Zimmer ausbreitet, auf Büchern in Regalen, die sich bis zur Decke strecken. Herr Emm dreht sich um und berührt Hanna am Schulterblatt.
Wir haben damals immer von vorne anfangen müssen, aber wir fühlten uns beschert, und dazu die Sehnsucht nach den Händen des anderen. Herrn Emms Hand fühlt sich gut an, knochig, die Haut sanft, wenigstens heute, wenigstens jetzt. Er wird so weiter sprechen, in diesem Ton, wie ein Erzähler, der auf einem weitläufigen Platz steht, etwas braust ringsum, und die alten, eingestürzten Häuser an seinen Rändern werden täglich neu aufgebaut, aber Herrn Emms Stimme bleibt immer gleich leise, verwundert und warm. Ich glaube, der junge Mann fühlte sich einsam, sonst wäre er ja niemals hinausgelaufen, mitten in der Nacht, einfach nur, um zu gehen. Er hatte Vertrauen in seine Beine, er glaubte daran, dass sie ihn schon tragen würden und auch wieder zurückbringen. Vor sich selber verbarg er, was er so dringend zu finden hoffte, aber – aber –. Aber der Raum für den Atem von früher, die Worte, die in ihm flossen und untergingen! Und dann? Glauben Sie mir, Hanna, es ist der junge Mann, der mich an meiner Erzählung hindert, es hindert mich die Art und Weise, in der er verweigert, was er begehrt. Hanna schluckt und nickt. Wäre es nicht, spätestens jetzt, an der Zeit, etwas zu tun? Drei Schritte gehen, ein Buch aus dem Regal ziehen, darin blättern und Herrn Emm eine Frage stellen, die woanders hinführt, weil hier nur geschluckt und genickt werden kann, in steter Wiederholung nichts anderes als dies. Herr Emm, wohin geht's, wenn's nirgendwo hingeht?
Manchmal stehe ich nachts auf und gehe in den Keller, um verstaubte Schachteln nach oben zu tragen. Manche sind mit einer Jahreszahl beschriftet, manche mit bunten Bändern umwickelt, was, Sie verstehen, nicht ich gemacht habe. Wieder in meinem Schlafzimmer, stelle ich die Schachteln nebeneinander auf, schließe die Augen, fahre mit den Händen über die Deckel, nichts weiter. Ich werde, was mit den Jahren zusammenhängt oder mit etwas anderem, immer bedürftiger, zu fühlen, dass das, was ich tue, stimmt, und aus diesem Grund überlasse ich es dem Zufall, welche Schachtel ich öffne. Wo eben die Hand zu liegen kommt, wenn ich die Augen aufschlage. Alles weitere können Sie sich ausmalen, wenn Sie wollen: wie ich wühle in alten Blättern, Briefen, Karten, Fotos, wie ich hier und da über einem Wort zu lachen beginne, mir die Tränen kommen. Aber, ich verrate Ihnen, all das geschieht nicht. Ich lache nicht, und ich weine nicht, ich sitze nur da und schaue, verwundert darüber, dass das alles ist. –
Herr Emm wendet sich ab, legt einen Ellbogen aufs Regal, hebt den Arm an und streicht den Staub von der Jacke. Hanna schenkt eine weitere Tasse Tee ein und setzt sich wieder auf den Teppich der Holztreppe. Sie ringelt eine Locke um den Finger, altes Kinderspiel, Trost dafür, dass der Traum immer irgendwo abbricht, die Finger immer die Wunde finden und dann einer zu schreien anfängt. Schöne nur die Wunde nicht, das schreibt dir einen Balken quer durch die Leibesmitte, und gehen kannst du dann nur noch mit lahmen Beinen! Dann lieber mit den Fingern in den Wald laufen, vielleicht auch nachts, Kastanien sammeln oder Blätter, warum auch nicht, warum nicht jeden Tag wenigstens etwas hinausschicken, wenn auch nicht alles hinaus und heraus kann, die Jahreszahlen auf dem Leben, die Bänder darum herum. Aber. Immerhin wacht Herr Emm gelegentlich auf, steigt in den Keller und holt eine Geschichte herauf, verteilt auf Schachteln, von fremder Schrift markiert. War das wirklich gestern? War das wirklich im Jahr sowieso? ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

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