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Fromme und Geile

11.01.2008 | 18:31 |  Von Wolfgang Müller-Funk (Die Presse)

Eine verstörende Studie über Sexualität, eine Kulturgeschich-te der Wallfahrt, ein Abriss über katholische Volksfrömmigkeit, dazu eine Prise Apokalypse, Habsburg postkolonial und Rückblicke auf den Sozialismus:Drago Jancars „Katharina, der Pfau und der Jesuit“.

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Ist es legitim zu fragen, warum eine Geschichte überhaupt erzählt wird, dazu in einem derart antiquierten Format? Die Geschichte, die in Jancars neuem Roman erzählt und eigentlich doch nicht erzählt wird, die sich über weite Strecken scheinbar wie von selbst abspult, provoziert diese Frage schon durch den Untertitel: Historischer Roman. Dieses verfängliche Genre, literarische Tochter des Historismus, ist seit den Tagen von Scott und Tieck ein oft verdecktes ästhetisches Spiel der Verfremdung: Gegenwart im Gewand des Vergangenen, Geschichte auf dem Tablett der Anschauung. Einvernahme der Vergangenheit durch die Gegenwart.

Im Falle Jancars ist nicht leicht zu entscheiden, welche Gegenwart hier eigentlich verfremdet werden soll. Der Roman gibt darauf widersprüchliche Antworten: Er ist eine verstörende Studie über (weibliche) Sexualität nach Freud, eine Kulturgeschichte der Wallfahrt (sehr schön der Erzählwettstreit zu Landshut) und ihrer profanen Alltäglichkeiten, er ist eine Milieustudie über katholische Volksfrömmigkeit, Ausflug in eine Welt, die wie selbstverständlich mit Engeln und Dämonen, mit Teufeln und Werwölfen bevölkert ist. Dazu eine Prise Apokalypse, ein bisschen slowenische Folklore, Habsburg postkolonial und Rückblicke auf den Sozialismus: Tito und Paraguay. Viele Themen auf einmal und doch keines wirklich.

Die geschickt gebaute Geschichte ist schnell rekapituliert: Den Rahmen bildet eine mehr oder minder historische Wallfahrt slowenischer Pilgerinnen und Pilger kurz vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges nach Köln, nach „Kelmorajn“. Es ist die letzte Wallfahrt dieser Art, denn schwere Auseinandersetzungen in Landshut, zwischen den Einheimischen und den „Ungarischen“, führen zu peinlichen Verhören und zuletzt zur Ausweisung von fremden Pilgern aus Köln.

Um diese Wallfahrt sind die Figuren gruppiert: die sexuell spät erwachte fromme Katharina Poljanec, Tochter eines slowenischen Gutsverwalters, die weniger religiös als sexuell initiiert werden will, Franz Hendrik Windisch, der „Pfau“, ein österreichischer Offizier mit unverkennbar sadistischem Männlichkeitshabitus, und der Jesuit Simon Lovrenc, ein gestrandeter Rück- und Heimkehrer von jenem südamerikanischen Experiment einer christlich-sozialistischen Gesellschaft, wie wir es von Fritz Hochwälders Drama her kennen. Gleichsam in der zweiten Reihe stehen der verwitwete Vater Katharinas, Jozef, der sexualaktive Pilgerherzog Michael Kumerdej, der sich gewaltsam Katharinas erwachter Schönheit bemächtigen will, und der alttestamentarische Tobias, der ausschweifende, nicht enden wollende Erzähler, eine der eindrucksvollsten Figuren im Buch.

Der atemlose Roman, anhand dessen man Studierenden der Literaturwissenschaft alle Tropen der Wiederholung – Epipher,Anapher, Klimax – vermitteln könnte, changiert im Hinblick auf die geschilderten Ereignisse zwischen Faszination und Abstoßung. Katharina und Simon sind ihren Affekten, Trieben und Begehren hilflos ausgeliefert und werden am Ende von ihren Schuldgefühlen überwältigt. Die Macht der Sexualität beruht – im Sinne Kierkegaards- auf einer christlichen Sinnlichkeit, die, Kontrast zum heutigen fröhlichen Sexualkonsumismus, archaisch, tief und abgründig anmutet, den holzschnittartigen Figuren ihr Gepräge verleiht. In gewisser Weise partizipiert der Roman an der Dämonisierung einer Sexualität, in der das weibliche Genital – von den Frommen wie von den Geilen – als „Höllenloch“, als Pforte zur Unterwelt imaginiert wird. Man weiß im Roman eigentlich nie wirklich, in welcher Zeit man sich befindet: Das Mittelalter gibt im Zeitalter der Aufklärung ein Maskenspiel.

Jancars mächtiger postexpressionistischer Zungenschlag, der entfernt an das Frühwerk von Döblin und Feuchtwanger erinnert und mit barocker Bildlichkeit einhergeht, reproduziert Gemälde der Lust und des Schreckens. Zur Stärke und Schwäche des Romans gehört eine grelle Visualität, die auf die religiösen Bilderwelten von Breughel bis zum mitteleuropäischen Barock zurückgreift.

Jancars Roman huldigt einem Typus von Literatur, der unverkennbar dem 19. Jahrhundert entstammt und dem Konzept des geschlossenen Kunstwerks folgt. Dementsprechend traditionell ist auch der Erzählstil geraten: Ein zuweilen hervortretender Chronist, der die Methode der erlebten Rede bevorzugt und die historische Außenwelt vornehmlich aus der Perspektive der Gedanken, Anschauungen, Affekte und Erinnerungen der Figuren Katharina und Simon erzählt. Sie sind gleichsam die Sonden, mittels derer Jancar eine historische Innenwelt erstehen lässt, in der sich naive Frömmigkeit, Aberglauben und Sexualität überlagern und wechselseitig steigern.

Symptomatisch setzt der Roman mit einer später immer wieder variierten erotischen Schlüsselszene ein: Nacht für Nacht erlebt Katharina, dass ein Mann ohne Gesicht ihren Schlafraum betritt, sie entkleidet und a tergo in sie eindringt. Erregt nimmt sie wahr, dass ein anderer dabei zusieht. Man braucht kein Kenner Freuds oder Lacans zu sein, um zu konstatieren, dass es sich um einen Angst- und Wunschtraum einer Frau handelt, die tagsüber wie gebannt den „Pfau“, Inkarnation einer gewalttätigen männlichen Sexualität, betrachtet.Das Tableau bedient ein schreckliches und simples Stereotyp: dass Frauen, gerade zartbesaitete und fromme, nichts sehnlicher wünschen als einen kräftigen Cocktail aus krudem Sex und roher Gewalt. In diesen Szenen ist der Fortlauf der Handlung vorweggenommen: die Rivalität zweier Männer, des österreichischen Offiziers, der in Wahrheit ein Feigling ist, und des slowenischen Priesters Simon Lovrenc, der eine schüchterne Variante von Männlichkeit verkörpert. Man ahnt, wie das enden wird. Der Roman ist bar jedweder Überraschung – das ist vielleicht sein größter Makel.

Jancar, ein gerissener und gewiefter epischer Taktiker, setzt auf traditionelle, zuweilen auch filmische Effekte. Die Begegnung der beiden Männer auf einer Brücke, die den tödlichen Konflikt antizipiert, die Uhr des Offiziers Windisch, die mit dem von Angst unterlegten sexuellen Begehren Katharinas korrespondiert, der Degen, mit dem Windisch den Rock seiner künftigen Mätresse „lüpft“, all das sind eingängige, zu eingängige Szenen, die eine überkommene Erotik bedienen, wie man sie aus der Unterhaltungsliteratur des 19. Jahrhunderts kennt. Mit dem Degen unter dem Rock. Wir leben in literarisch dürftigen und konservativen Zeiten. Nicht nur in Slowenien. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

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