04.07.2009 01:00 | Meine Presse Merkliste0

Fromme und Geile

11.01.2008 | 18:31 |  Von Wolfgang Müller-Funk (Die Presse)

Eine verstörende Studie über Sexualität, eine Kulturgeschich-te der Wallfahrt, ein Abriss über katholische Volksfrömmigkeit, dazu eine Prise Apokalypse, Habsburg postkolonial und Rückblicke auf den Sozialismus:Drago Jancars „Katharina, der Pfau und der Jesuit“.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Ist es legitim zu fragen, warum eine Geschichte überhaupt erzählt wird, dazu in einem derart antiquierten Format? Die Geschichte, die in Jancars neuem Roman erzählt und eigentlich doch nicht erzählt wird, die sich über weite Strecken scheinbar wie von selbst abspult, provoziert diese Frage schon durch den Untertitel: Historischer Roman. Dieses verfängliche Genre, literarische Tochter des Historismus, ist seit den Tagen von Scott und Tieck ein oft verdecktes ästhetisches Spiel der Verfremdung: Gegenwart im Gewand des Vergangenen, Geschichte auf dem Tablett der Anschauung. Einvernahme der Vergangenheit durch die Gegenwart.

Im Falle Jancars ist nicht leicht zu entscheiden, welche Gegenwart hier eigentlich verfremdet werden soll. Der Roman gibt darauf widersprüchliche Antworten: Er ist eine verstörende Studie über (weibliche) Sexualität nach Freud, eine Kulturgeschichte der Wallfahrt (sehr schön der Erzählwettstreit zu Landshut) und ihrer profanen Alltäglichkeiten, er ist eine Milieustudie über katholische Volksfrömmigkeit, Ausflug in eine Welt, die wie selbstverständlich mit Engeln und Dämonen, mit Teufeln und Werwölfen bevölkert ist. Dazu eine Prise Apokalypse, ein bisschen slowenische Folklore, Habsburg postkolonial und Rückblicke auf den Sozialismus: Tito und Paraguay. Viele Themen auf einmal und doch keines wirklich.

Die geschickt gebaute Geschichte ist schnell rekapituliert: Den Rahmen bildet eine mehr oder minder historische Wallfahrt slowenischer Pilgerinnen und Pilger kurz vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges nach Köln, nach „Kelmorajn“. Es ist die letzte Wallfahrt dieser Art, denn schwere Auseinandersetzungen in Landshut, zwischen den Einheimischen und den „Ungarischen“, führen zu peinlichen Verhören und zuletzt zur Ausweisung von fremden Pilgern aus Köln.

Um diese Wallfahrt sind die Figuren gruppiert: die sexuell spät erwachte fromme Katharina Poljanec, Tochter eines slowenischen Gutsverwalters, die weniger religiös als sexuell initiiert werden will, Franz Hendrik Windisch, der „Pfau“, ein österreichischer Offizier mit unverkennbar sadistischem Männlichkeitshabitus, und der Jesuit Simon Lovrenc, ein gestrandeter Rück- und Heimkehrer von jenem südamerikanischen Experiment einer christlich-sozialistischen Gesellschaft, wie wir es von Fritz Hochwälders Drama her kennen. Gleichsam in der zweiten Reihe stehen der verwitwete Vater Katharinas, Jozef, der sexualaktive Pilgerherzog Michael Kumerdej, der sich gewaltsam Katharinas erwachter Schönheit bemächtigen will, und der alttestamentarische Tobias, der ausschweifende, nicht enden wollende Erzähler, eine der eindrucksvollsten Figuren im Buch.

Der atemlose Roman, anhand dessen man Studierenden der Literaturwissenschaft alle Tropen der Wiederholung – Epipher,Anapher, Klimax – vermitteln könnte, changiert im Hinblick auf die geschilderten Ereignisse zwischen Faszination und Abstoßung. Katharina und Simon sind ihren Affekten, Trieben und Begehren hilflos ausgeliefert und werden am Ende von ihren Schuldgefühlen überwältigt. Die Macht der Sexualität beruht – im Sinne Kierkegaards- auf einer christlichen Sinnlichkeit, die, Kontrast zum heutigen fröhlichen Sexualkonsumismus, archaisch, tief und abgründig anmutet, den holzschnittartigen Figuren ihr Gepräge verleiht. In gewisser Weise partizipiert der Roman an der Dämonisierung einer Sexualität, in der das weibliche Genital – von den Frommen wie von den Geilen – als „Höllenloch“, als Pforte zur Unterwelt imaginiert wird. Man weiß im Roman eigentlich nie wirklich, in welcher Zeit man sich befindet: Das Mittelalter gibt im Zeitalter der Aufklärung ein Maskenspiel.

Jancars mächtiger postexpressionistischer Zungenschlag, der entfernt an das Frühwerk von Döblin und Feuchtwanger erinnert und mit barocker Bildlichkeit einhergeht, reproduziert Gemälde der Lust und des Schreckens. Zur Stärke und Schwäche des Romans gehört eine grelle Visualität, die auf die religiösen Bilderwelten von Breughel bis zum mitteleuropäischen Barock zurückgreift.

Jancars Roman huldigt einem Typus von Literatur, der unverkennbar dem 19. Jahrhundert entstammt und dem Konzept des geschlossenen Kunstwerks folgt. Dementsprechend traditionell ist auch der Erzählstil geraten: Ein zuweilen hervortretender Chronist, der die Methode der erlebten Rede bevorzugt und die historische Außenwelt vornehmlich aus der Perspektive der Gedanken, Anschauungen, Affekte und Erinnerungen der Figuren Katharina und Simon erzählt. Sie sind gleichsam die Sonden, mittels derer Jancar eine historische Innenwelt erstehen lässt, in der sich naive Frömmigkeit, Aberglauben und Sexualität überlagern und wechselseitig steigern.

Symptomatisch setzt der Roman mit einer später immer wieder variierten erotischen Schlüsselszene ein: Nacht für Nacht erlebt Katharina, dass ein Mann ohne Gesicht ihren Schlafraum betritt, sie entkleidet und a tergo in sie eindringt. Erregt nimmt sie wahr, dass ein anderer dabei zusieht. Man braucht kein Kenner Freuds oder Lacans zu sein, um zu konstatieren, dass es sich um einen Angst- und Wunschtraum einer Frau handelt, die tagsüber wie gebannt den „Pfau“, Inkarnation einer gewalttätigen männlichen Sexualität, betrachtet.Das Tableau bedient ein schreckliches und simples Stereotyp: dass Frauen, gerade zartbesaitete und fromme, nichts sehnlicher wünschen als einen kräftigen Cocktail aus krudem Sex und roher Gewalt. In diesen Szenen ist der Fortlauf der Handlung vorweggenommen: die Rivalität zweier Männer, des österreichischen Offiziers, der in Wahrheit ein Feigling ist, und des slowenischen Priesters Simon Lovrenc, der eine schüchterne Variante von Männlichkeit verkörpert. Man ahnt, wie das enden wird. Der Roman ist bar jedweder Überraschung – das ist vielleicht sein größter Makel.

Jancar, ein gerissener und gewiefter epischer Taktiker, setzt auf traditionelle, zuweilen auch filmische Effekte. Die Begegnung der beiden Männer auf einer Brücke, die den tödlichen Konflikt antizipiert, die Uhr des Offiziers Windisch, die mit dem von Angst unterlegten sexuellen Begehren Katharinas korrespondiert, der Degen, mit dem Windisch den Rock seiner künftigen Mätresse „lüpft“, all das sind eingängige, zu eingängige Szenen, die eine überkommene Erotik bedienen, wie man sie aus der Unterhaltungsliteratur des 19. Jahrhunderts kennt. Mit dem Degen unter dem Rock. Wir leben in literarisch dürftigen und konservativen Zeiten. Nicht nur in Slowenien. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Top-News

  • Fall Madoff: Neue Spuren führen nach Wien
    Im „Fall Madoff“ gibt es schwere Vorwürfe gegen Sonja Kohn, Gründerin der Wiener Bank Medici. Dabei geht es um umstrittene Geldflüsse von rund 40 Mio. Dollar (28,4 Mio. Euro).
    Ohne Job: Generation Krise
    Der Einstieg ins Berufleben wird schwieriger. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt daher deutlich stärker als die allgemeine Arbeitslosenquote. Firmen nehmen lieber freigesetzte Mitarbeiter als Neueinsteiger.
    Sarah Palin tritt als Gouverneurin von Alaska zurück
    Die frühere US-Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner wird ihr Amt als Gouverneurin von Alaska am 26. Juli zurücklegen. Damit nährt sie Gerüchte, 2012 für das Amt des Präsidenten kandidieren zu wollen.
    Verteilungskonflikt: "Wir brauchen Aufstand der Jungen"
    Keine Pension, kein Job und keine Kinder. Droht ein Kampf der Generationen? „Die Verteilungskonflikte zwischen Alt und Jung werden zunehmen“, meint Experte Wolfgang Gründinger.
    Hochwasser kehrt nach Spitz an der Donau zurück
    Die Situation ist ähnlich dramatisch wie beim Donau-Hochwasser vor wenigen Tagen. Doch diesmal kommt das Hochwasser von drei Bächen. Der Wasserstand des üblicherweise 30 Zentimeter hohen Spitzerbachs beträgt vier Meter.
  • USA: Polizei sucht Serienmörder
    Ein Serienmörder soll im US-Bundesstaat South Carolina innerhalb von sechs Tagen vier Menschen getötet haben.
    Vassilakou: Gegen die Tarzanisierung der Politik
    Maria Vassilakou ist im Sommer Grünen-Chefin. Für die Wien-Wahl wünscht sie sich ein „gehöriges Erdbeben“, das die politische Landschaft wieder in Bewegung setzen soll.
    Nadja Benaissa in St. Pölten: "Ich habe keine Angst"
    Die No Angels feierten beim Stadtfest in St. Pölten ihren ersten Auftritt seit der Festnahme von Sängerin Nadja im April. "Wir haben viele Höhen und Tiefen erlebt", sagte Benaissa bevor sie auf die Bühne ging.
    Wimbledon: Traum von Lokalmatador Murray geplatzt
    Der Schotte Andy Murray scheiterte im Wimbledon-Halbfinale in vier hart umkämpften Sätzen gegen Andy Roddick. Der wiedererstarkte US-Amerikaner hat gegen Finalgegner Federer nur zwei von 20 direkten Duellen gewonnen.
    Hype: Der Michael-Jackson-Zirkus
    Die Amerikaner sehnen sich nach einer Pause im Totenkult. Los Angeles bereitet sich auf die Trauerfeiern und das Begräbnis vor.
  • Medizin-Eignungstest: Zittern im Austria Center
    Tausende Maturanten versuchen sich an einem Test, der über ihre Zukunft entscheidet. Begleitet werden sie von einem Plastiksackerl und dem Wunsch, Arzt zu werden. Ein Besuch im Austria-Center.
    Iran macht Jagd auf kritische Journalisten
    Aus Journalisten und Politikern wurde Freiwild, das ohne Angaben von Gründen hinter Gitter gesperrt wird. Ein Besuch in der Zeitung "Etemade Melli", der letzten Zufluchtsstätte kritischer Geister.
    Polizei: Geigers rätselhaftes Comeback
    Ab Montag arbeitet Ex-Kripo-Chef Ernst Geiger (55) wieder für die Bundespolizeidirektion Wien. Wo genau, weiß er aber nicht. Er war im März 2006 wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses suspendiert worden.
    Eisschnelllauf: Dopingsperre für Claudia Pechstein
    Die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin aller Zeiten wurde des Blutdopings überführt. Doch Claudia Pechstein und der Eisschnellauf-Verband wehren sich: "Die Sperre stützt sich ausschließlich auf Indizien".
    Nitsch: Orgel spielen, bis der „Pornojäger“ tobt
    In seinem Museum erklingt als „Begleitmusik“ zur Ausstellung die Uraufführung der „Ägyptischen Symphonie“ des Aktionskünstlers – sie könnte „meine Neunte sein“, sagt Nitsch im Gespräch.