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Das neue Leben der Fliege

25.01.2008 | 18:43 |  Von Klaus Kastberger (Die Presse)

Schnell und kurz geschnitten sind die zum „Natürlichen Roman“ zusammengestellten Prosastücke Georgi Gospodi- novs. Überraschend: die Spannweite der Themen bei gleichzeitiger Dichte der Darstellung.

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Ein Buch aus lauter Anfängen schwebt dem Erzähler vor. Nicht als eine postmoderne Spielerei, sondern gleich auf das volle Gewicht der griechischen Naturphilosophie gestützt. Ein „atomistischer Roman“, zusammengesetzt aus: „Panspermien, Samen, Urstoffen“. Unzählige kleine Stücke also, in denen sich aus dem Nichts in immer neuen Kombinationen ein Etwas ergibt. Auch Flaubert hat von einem solchen Buch geträumt. Es sollte ohne äußere Fabel sein und nur durch die innere Kraft des Stils zusammengehalten werden. Ob so etwas (und sei es in veränderter Form) heute noch trägt?

Am Anfang von Georgi Gospodinovs „Natürlichem Roman“ steht die Trennung eines Ehepaars. Die Frau ist schwanger, aber nur leider von einem anderen Mann. Zum autobiografischen Gehalt dieses vielleicht entscheidenden Panspermiums erklärte der Autor in einem Interview: „Ich war einmal verheiratet, jetzt bin ich nicht mehr verheiratet.“ Damit ist – in schön doppeldeutiger Weise – nichts und alles gesagt; in einer ähnlichen Form übrigens wie im Buch selbst.

Dort wird die Trennung wie im Traum erlebt und erscheint reduziert allein auf eine Szene: das endgültige Verlassen des Hauses. Alles im Zimmer ist eingepackt, die Kartons stapeln sich bis zur Decke. Nur ein Haufen von Schallplatten ist noch aufzuteilen. Da macht sich plötzlich eine Platte selbstständig, fliegt durch die Luft und trifft – über dem Mülleimer – auf eine tief fliegende Taube. Wie in Zeitlupe dringt die scharfe Kante des Vinyls in den Hals des Vogels – alles nur ein Traum, aus dem der Erzähler dann mit Halsschmerzen erwacht?

Wer aber erzählt hier eigentlich? Ich meine, wenn man vom tatsächlichen Autor einmal absieht. Über den ist zu lesen: Georgi Gospodinov, 1968 geboren, arbeitet am Literaturinstitut der Bulgarischen Akademie der Künste. Ist seit Beginn der 1990er-Jahre mit Lyrik und als Bühnen- und Drehbuchautor hervorgetreten. Der eher schmale Prosaband „Natürlicher Roman“ wurde mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt und machte den Autor auch im Ausland bekannt; geradezu euphorische Kritiken erschienen (mit Recht) im englisch- und deutschsprachigen Raum.

Wer erzählt also? Gleich nach den beiden ersten Kapiteln, in denen auf nicht mehr als fünf Seiten die Trennungsgeschichte entworfen wird, schaltet Gospodinov eine „Anmerkung des Redakteurs“ ein. Demnach handelt es sich bei dem Text um das Manuskript eines Mannes, der nach der Trennung von seiner Frau auf die schiefe Bahn geraten ist und jetzt auf der Straße lebt und sich von Essensresten aus Mülleimern nährt.

Diesen Mann, der ihm den Text (einen der besten, die er jemals gelesen hat) anonym zugesandt hat, forscht der Redakteur aus. Wie Georgi Gospodinov im realen Leben gibt der Redakteur in seinem Buch eine Literaturzeitschrift heraus, ja mehr noch: der Mann trägt den gleichen Namen wie er. Damit nicht genug: Auch der Mann, der dem Redakteur das Manuskript geschickt hat, also der nun zweifach versteckte, fingierte Autor der Schrift heißt Georgi Gospodinov. Für ihn ist das aber nicht weiter verwunderlich, denn er kennt noch sieben andere Menschen mit gleichem Namen.


Wie eine Fliege neben dem Wal

Mit der Geschichte der Trennung ist es an dieser Stelle (und wir sind erst auf Seite 17) auch schon wieder vorbei. Zumindest handlungstechnisch, denn weiter als bis zur fliegenden Schallplatte wird von ihr nicht erzählt. Die Klammer, die sich über die restlichen Textteile legt, ist formal: So stehen die vielen Anfänge des „Natürlichen Romans“ dem Ende der einen Beziehung gegenüber. Ohne Unterlass wird da gekittet, was dort in Brüche ging – unsentimental und mit einer geradezu leidenschaftlichen Distanz.

Überraschend ist die Spannweite der Themen bei gleichzeitiger Dichte der Darstellung. Als eine Fliege neben dem Wal aus Melvilles „Moby Dick“ bezeichnet Gospodinov sein Buch selbst. Dieser Vergleich trifft auch deshalb, weil er erahnen lässt, dass hier quasi ein ganzer Kosmos geschrumpft wurde. Auch als Spezies spielt die Fliege hier eine wichtige Rolle. Etwa innerhalb des Kapitels, das sich „Bausteine zu einer Naturgeschichte des Klosetts“ nennt und anhand der realen Verfasstheit des titelgebenden Gegenstandes ein ziemlich exaktes Bild der realen Verfasstheit des sozialistischen Bulgariens entwirft.

Auch als poetologische Metapher tut die Fliege ihre Pflicht, denn in der Perspektivierung auf die Details des Alltäglichen macht sich der Roman die Möglichkeiten eines Facettenauges zunutze. Das Kapitel, in dem dies gesagt wird, ziert ein Motto aus Lukians „Lobrede auf die Fliege“: „Eine tote Fliege wird nämlich wieder zum Leben erweckt, wenn man Asche über sie streut. Sie wird gleichsam wiedergeboren und beginnt von Anfang an ein neues Leben.“ Mit dem „Anfang“ begegnet auch hier das insistente Thema des „Natürlichen Romans“.

Genau das macht die Faszination dieses Buches aus: dass es auf seinen knapp 170 Seiten unter ständiger Berücksichtigung der Herkunft des Autors die europäische Kultur- und Geistesgeschichte abgrast und die ihr entnommenen Splitter im Text spezifisch nachvollziehbar macht. Von einem Gespräch über Quentin Tarantino und einem Rezept für Orangensuppe über Empedokles, Anaxagoras und Demokrit bis hin zu Emir Kusturica: „Ich mag ihn nicht“, sagt einer der vielen Gospodinovs im Text, „träge und langweilig. Ein typischer Balkan-Macho.“

Schnell und kurz geschnitten ist hingegen der „Natürliche Roman“. Neben der Fliege hat er ein zweites Lieblingstier: die Katze. Denn: „Es ist, als hätten die Hunde einige Tricks gelernt. Sie haben es sich von Bettlern abgeschaut und kopieren gekonnt ein Verhalten, das Mitgefühl hervorruft. Die Straßenkatzen legen einen ganz anderen Stolz an den Tag. Sie meiden die Nähe, verstecken ihr Unglück. Sie vertrauen nicht auf unser Mitgefühl.“

Auch der „Natürliche Roman“ reklamiert für sich kein Mitleid. Dieses Buch ist aus dem Leben gewachsen, vergisst das Leben aber absichtsvoll zugunsten des Buchs. Auf sein Panspermium, den Ehebruch in Sofia, gibt er nur einen sehr verdeckten Blick frei. Diese Geschichte schlummert hier auf dem Grund, wie in Linnés Abhandlung über den „Somnus Plantarum“ die Pflanzen schlummern. Gospodinov dazu: „Ich beneide ihn um den Titel. Der Schlaf der Pflanzen. Ideal für einen natürlichen Roman.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2008)

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