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Faustschlag

11.04.2008 | 18:25 |  Von Dieter Sperl (Die Presse)

Anatomie eines beispiellosen Gewaltausbruchs. Eine Kür-zestgeschichte.

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Noch Stunden nach dem in seinem Leben bisher beispiellosen Gewaltausbruch war er kaum zu beruhigen gewesen, erzitterte beim bloßen Gedanken daran. Walter war damals zweiundzwanzig Jahre alt und eben aus den Osterferien in seinen Studienort zurückgekehrt. Am Bahnhof hatte er auf die Straßenbahn gewartet, die von seinen Eltern mit Stücken von Schweinsbraten, Schinken, etlichen Osterwürsten, gefärbten Eiern und einer Krenwurze angefüllte Papiertasche neben sich am Boden stehend, als ein groß gewachsener Bursche mit kurzen, dunklen Haaren und einem Schnurrbart diese plötzlich gepackt und davonzulaufen versucht hatte. Aber Walter war dem Flüchtenden mit einem einzigen Satz hinterhergesprungen, hatte diesen anseiner rechten Hand zu fassen bekommen, herumgerissen und ihm einen unglaublich festen Faustschlag mitten ins Gesicht verpasst, wodurch dieser sofort zu Boden gegangen war. Danach hatte er dessen beide Unterarme trotz heftigster Gegenwehr mit seinen Knien fest gehalten und wollte soeben auf den Dieb einschlagen, als sich seiner für einen Moment lang eine ihn durchströmende, jeden Sinn auflösende Leere bemächtigte und die schon zum Schlag ausgeholte Rechte schwanken ließ.

In diesem Augenblick öffnete die Walter gegenübersitzende vielleicht zwanzig Jahre alte Frau leicht ihre Schenkel und schrieb mit einem Bleistift in einer sehr ungelenken Schrift etwas auf die in ihrem Schoß ausgebreitete Tageszeitung. Die Frau trug eine rosafarbene Mütze, dazu einen gelben Sweater mit der Aufschrift BESTSELLER PROJEKT und eine graue Armeehose. Das blonde Haar war lang und strähnig. Während der Fahrt hatte er schon mehrmals auf ihre hellgrünen Sneakers gesehen, die eine besondere Anziehungskraft auf Walter auszuüben schienen. Ihr dünnes, grünes Tuch, lose um den Hals gebunden, erinnerte ihn an seine Jugend, als sämtliche seiner Hosen und Jacken nach Patchouli-Räucherstäbchen rochen. Walter meinte sogar den Stoff des Tuchs in seiner spezifischen Materialität spüren zu können, so körperlich war seine Erregung durch diesen Erinnerungsschub geworden.

Mehrmals versuchte er zu entziffern, was die Frau geschrieben hatte, allein es gelang ihm nicht. Die Frau steckte sich die Stöpsel ihres I-Pod in die Ohren und schaltete das Gerät ein. Lange Zeit betrachtete er das Profil der nachdenklich zum Fenster hinaussehenden Frau, aus dem sich plötzlich folgende Sätze gleichsam ablösten. Wenn du mit mir schlafen willst, musst du schon früher aufstehen, verstehst du, du musst alles geben, und darfst nichts zurückhalten, du musst dich für den Augenblick vollständig öffnen und deine Angst verlieren. Walters Herz raste, während er den Sätzen lauschte. Zugleich sprangen seine Augen zu ihrem Sitznachbarn, einem grau melierten Herrn, der unbeirrbar in seinem Buch „Der Werwolf von Tarker Mills“ von Stephen King weiterlas, so als ob er nichts gehört, als ob er sich in einer anderen Welt befunden hätte. Erneut versuchte er zu eruieren, was die Frau auf die Zeitung geschrieben haben mochte, er war sich jedoch sicher, dass dies nichts mit ihm zu tun hatte, denn welcherlei Angst sollte er wohl verlieren? Und vor allem: welchem Augenblick sollte er sich ganz hingeben, wenn nicht dem gegenwärtigen? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2008)

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