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Das Kind ohne Zunge

16.05.2008 | 18:35 |  Von Sabine Groschup (Die Presse)

„,Du musst helfen. Bitte. Ich habe Angst. Ich hoffe, er findet mich nicht. Hilf Konrad und der armen Frau in der Teufelsküche. Im Keller, wo du mal gewohnt hast. Hilf bitte, sonst ist sie tot.‘“ Beginn eines Romans.

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Wollen Sie einen Kaffee?“, fragte die junge Frau. Merle schüttelte den Kopf. Während des Wartens auf ihren Friseurtermin hatte sie bereits drei Tassen des wässrigen Zeugs in sich hineingeschüttet. Außerdem wollte sie es so schnell wie möglich hinter sich bringen. An ihrem ersten freien Tag seit drei Wochen hatte sie noch mehr zu erledigen. Diebstähle, Schlägereien, Totschläge, sogar Morde hatte es zum Jahreswechsel gehäuft gegeben. Merle Kraft war in den letztenWochen kaum zu einer Atempause gekommen, Kollegen waren entweder auf Urlaub oder im Krankenstand, das Kommissariat war unterbesetzt gewesen. Tagtäglich hatte sie über vierzehn Stunden arbeiten müssen.

Merle wischte sich das Wasser von der Stirn,einige Tropfen waren sogar unterhalb des Plastikmantels auf Merles Lieblingsshirt geronnen. Merle starrte auf die hellgelbe Decke, das Genick auf die Emailschale gestützt, und lauschte, ob sie die Schritte ihrer Friseurin von denen ihrer Kolleginnen unterscheiden konnte. Ihre trug Gesundheitsschuhe, die nicht klapperten, sondern mit einem Quietschen über den Plastikboden schlitterten. Sie hob ihren Kopf und blickte sich um. Wo blieb Elsa? Der Name stand zumindest auf dem Schildchen, das unterhalb des herausstehenden Schulterknochens an einem violetten Mantel hing.

Wasser tropfte über Merles Gesicht, rann über den Plastikmantel und auf ihre schwarze Kordhose. „So ein...“, weiter kam sie mit ihrem Gedanken nicht, denn schon eilte die junge Friseurin herbei. Sie roch nach Lachsbrötchen. „Tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten...“ Den Rest der Entschuldigung konnte Merle nicht hören, das Handtuch rieb über ihre Ohren.

„Wie lange arbeiten Sie schon hier?“, fragte Merle im Plauderton. Die Friseurin unterbrach das Kämmen und starrte Merle im Spiegel an. Nach einer Pause, in der sie mutmaßlich die Jahre und Monate zählte, antwortete sie zögerlich: „An die vier Jahre.“

„Gefällt Ihnen Ihr Beruf?“, war Merles nächste Frage. – „Natürlich“, lautete die knappe Antwort, dann trat wieder eine Schweigepause ein. Merle war im Begriff, den Mund zu öffnen, um die nächste Frage zu stellen – das Fragen war eine Berufskrankheit –, als ihr Elsa zuvorkam. „Wollen Sie vielleicht eine Zeitung?“ Damit gab die Friseurin eindeutig zu verstehen, dass sie keine Unterhaltung wollte. Merle lehnte ab, denn sie hatte schon das Angebot an Zeitungen studiert. Es war nichts dabei, was sie interessierte. Auf Klatsch über Prügelprinzen, untreue Könige und intrigante Ehepartner hatte sie nie Lust. Über Kriminalfälle, die sie und ihre Kollegen bearbeiteten, Humbug zu lesen, war sie auch nicht gewillt. Das Rauschen der Belüftung und der Föhnhauben machte müde. Schließlich fielen Merle die Augen zu.

„Wollen Sie nicht doch ein bisschen Farbe in Ihr Haar?“, fragte Elsa, obwohl Merle bereits von Anfang an klargestellt hatte, dass sie mit ihrer Haarfarbe zufrieden war.

Merle öffnete die Augen und bemerkte einen kleinen Jungen, der offensichtlich die Arbeit der Friseurin störte. „Gefällt Ihnen meine Farbe nicht?“, erkundigte sie sich gereizt.

„Ihre natürliche Haarfarbe ist sehr interessant“, meinte die Friseurin. „Aber“, sagte sie nach einer längeren Atempause, „aber“, wiederholte sie, „wir könnten durch eine Tönung die Farbe verstärken, den Ausdruck betonen!“

„Sie haben gefragt, ob ich meine Haare noch rötlicher will. Ich habe gesagt: Nein, ich will sie nicht rötlicher“, betonte Merle, dabei kniff sie ihre Augen zusammen, um der Ernsthaftigkeit ihrer Worte Nachdruck zu verleihen.

„Ich mein ja nur“, verteidigte sich die Friseurin und griff nach ihrer Schere. „Die Pflegepackung wollen Sie ja auch nicht, obwohl das Ihr struppiges Haar sanfter fallen lassen würde.“ Trotzig funkelte Elsa ihre Kundin an und schob dabei den Jungen weg, der ihr erneut den Weg versperrt hatte.

Merle wollte nicht streiten, wollte aber auch keine einmalige Packung. Dahinter vermutete sie einen Trick: Glücklich und zufrieden sollte sie den Frisiersalon verlassen, ihre Locken würden sich geschmeidig an den Kopf schmiegen; nach zwei Tagen aber war alles beim Alten. Ihr gekräuseltes Haar würde wild in alle Richtungen stehen.

„Gut, geben Sie halt Farbe in mein Haar“, schlug Merle vor, um einzulenken. Die Friseurin schaute auf und wurde wütend.

„Färben tu ich ausschließlich vor dem Schnitt. Jetzt ist es zu spät“, stieß sie erzürnt hervor. Das war die gerechte Strafe für unschlüssige Kunden.

„Sie haben doch erst zwei Strähnen geschnitten“, meinte Merle kampfeslustig. Sie dachte daran, dass sie viel Geld für ihre Wünsche zahlte und deshalb wankelmütig sein durfte. Die verärgerte Friseurin legte ihre Schere zur Seite und schubste den kleinen Jungen, der immer noch ihre Arbeit behinderte, zur Seite. Der Junge taumelte, hielt aber geschickt das Gleichgewicht. Merle schenkte dem Jungen keine weitere Beachtung. Sie schloss die Augen.

„Zu wem gehört der Junge?“, schrie Elsa, nachdem sie den Jungen erneut gestoßen hatte. Merle riss die Augen auf, als sie sich direkt an sie wandte. „Ist das Ihrer?“

„Nein“, antwortete Merle und betrachtete den Jungen durch den Spiegel. Ein Kollege von Elsa stellte dem Jungen mit lieblicher Stimme Fragen, die das Kind aber nicht beantwortete. Verloren und wortlos blieb es an der Stelle angewurzelt stehen. Der Mann schritt von einem Kunden zum nächsten und erkundigte sich bei jedem, ob das sein Kind war.

Jetzt konnte Merle nicht mehr den Blick vom Jungen lassen, der, in Winterkleidung, unentwegt den Plastikboden anstarrte. Sie schätzte sein Alter auf acht oder neun. Er schien zu niemandem zu gehören. Ihre Friseurin mischte eine Paste zusammen, die sich abwechselnd blau und violett färbte und grauenhaft stank. Sie hielt einen breiten Pinsel in ihrer Hand und näherte sich damit gerade Merles Kopf, als die entschlossen aufsprang und sich vor den Jungen stellte. Der Salon war überheizt, der Kleine schwitzte in seiner Bekleidung. Erfolglos versuchte der Friseur, ihn auf einen der bequemen Ledersessel zu platzieren.

„Sie müssen sich wieder hinsetzen“, rief Elsa. „Die Mischung hält nicht lange!“ Merle ignorierte die Friseurin und kniete vor dem Jungen. „Möchtest du mir nicht sagen, wer du bist und wo deine Mammi ist?“, fragte sie, wäh-
rend sie ihre Hand ausstreckte, um den Jungen zu berühren. Der Junge zuckte zusammen.

„Zu wem möchtestdu denn?“, fragte Merle weiter. Der Junge hobseine Augen und blickte sie für einen Augenblick an. Dann fixierte er wieder den Boden.

„Zu mir? Du möchtest zu mir?“, bohrte Merle weiter. Warum sollte das Kind zu ihr wollen? Die Friseurin drohte ihrer Kundin. Wenn sie nicht sofort an ihren Platz zurückkommen sollte, müsse sie zweimal die Farbe zahlen.

„Du willst zu mir? Was ist passiert?“ Merle studierte das Gesicht des Kleinen, erst dann fielen ihr seine Hände auf, die sich zu Fäusten geballt hatten. Aus der rechten schaute ein Stück Papier heraus. Merle nahm die verkrampfte Faust und wollte sie öffnen. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Finger des Jungen entspannten und Merle das gefaltete und geknüllte Papier an sich nehmen konnte. Sie versuchte das Geschriebene zu lesen, aber einzelne Buchstaben waren durch den Schweiß verwischt worden. Merle eilte an ihren Platz, die Friseurin atmete erleichtert auf. Als Merle aber keine Anstalten machte, sich zu setzen, sondern nur nach ihrer Handtasche griff, gab Elsa auf.

Der Junge war Merle Schritt auf Schritt gefolgt. Sie ließ sich auf der Couch nieder und verstaute das Blatt Papier in einer Plastikhülle. Der Friseur gesellte sich zu ihr. „Was wird jetzt aus dem Jungen?“, fragte er besorgt. – „Zuerst muss man herausfinden, wie er heißt und wo er wohnt“, erklärte Merle und ließ dabei den Jungen nicht aus den Augen. „Kannst du mir deinen Namen nennen?“, wandte sie sich an ihn. Wieder hob er für einen Moment die Augen, ein teilnahmsloser Blick traf sie, anschließend kam ein grunzender Laut aus seinem Mund. Es folgte Knurren.

„Du kannst nicht sprechen!“, begriff Merle.„Hören aber kannst du mich?“, fragte sie betont laut und langsam. Er schaute sie an.

„Schreiben? Kannst du schreiben?“ Der Junge blickte nicht auf. „Ich werde jetzt deine Taschen durchsuchen.“

Vielleicht gab es noch eine Botschaft, auf der sein Name stand. Ohne sich zu wehren, ließ der Junge die Durchsuchung über sich ergehen. Der Junge sah nicht verwahrlost aus. Sein Wintermantel schien neu zu sein, in den Taschen steckten warme Fäustlinge und eine Wollmütze. Der Kleine zog seinen Mantel aus, legte ihn ordentlich zusammen, setzte sich auf die Couch und legte das Kleidungsstück auf seinen Schoß. Merle ließ sich neben dem Kind nieder. Der Friseur kam mit einer Tasse heißem Kakao angelaufen und hielt sie dem Jungen vor die Nase.

„Willst du das?“, fragte er. Der Junge nickte eifrig. Der Friseur rückte einen Beistelltisch näher zur Couch, eilte davon und kehrte mit einem Teller belegter Brote zurück. Der Junge griff nicht sofort zu, sondern wartete, bis er dazu aufgefordert wurde.

„Das ist meine Kundin!“, protestierte Elsa. „Keine Farbe?“ Die Frage klang mehr nach einer Feststellung. „Wenigstens schneiden? Wenn Sie wollen, können Sie hier sitzen bleiben. Wir schneiden hier!“, bestimmte sie schließlich und hielt ihre Schere in die Höhe. Merle nickte zustimmend, den Plastikschutz hatte sie noch immer umgehängt. Während vereinzelt Haarbüschel vom Kopf fielen, Elsa sich verrenkte und über die Lehne turnte, hielt sich Merle die Plastikhülle mit dem zerknitterten Papier vor das Gesicht. Dabei murmelte sie vor sich hin.

„Könnte ein M oder ein N sein.“

„Das heißt: musst“, mischte sich Elsa ein, die Merle über die Schulter schaute. „Da steht am Anfang: Du musst!“

„Sie haben recht!“, rief Merle aufgeregt: „Das heißt eindeutig: Du musst! Und das da heißt: Bitte“, stellte sie fest und tippte mit dem Finger auf das übernächste Wort. Die Friseurin riss Merle die Plastikhülle aus der Hand, die Schere verschwand in ihrer Tasche.

„Du musst, du musst... bitte. Ich, ich... A, Aupt, Anpt, Anpst“, versuchte Elsa die Worte zu entziffern. „Angst! Es heißt Angst!“, schrie sie. Sie war glücklich, beim Entschlüsseln der Botschaft erfolgreich zu sein. „Das heißt sicher: Ich habe Angst!“, stellte sie fest und gab das Papier der Polizistin zurück. Merle nickte mit dem Kopf. Die Friseurin tippte auf ein Wort und rief: „Konrad“, woraufhin der Junge erschrocken zusammenzuckte und verkrampft das kleine Brot, von dem er gerade abbeißen wollte, festhielt.

„Du heißt Konrad?“, wandte sich Merle wieder dem Jungen zu. Die Friseurin hatte sich keinen Moment vom Blatt Papier getrennt. Das Enträtseln machte ihr augenscheinlich Spaß.

„Ich, er, in, hoffe, Keller, wo, hilf.“ Durcheinander fielen die einzelnen Wörter. Elsa eilte davon, um mit einem Notizblock zurückzukehren. Sie schrieb die Wörter der Reihenfolge nach: DU MUSST BITTE ICH HABE ANGST ICH HOFFE ER NICHT HILF KONRAD UND DER ARMEN IN DER TAFELSKÜDE KELLER WO DU MAL HAST BITTE IST SIE TD.

„Sie sind ein Genie!“, rief Merle erstaunt über die Fähigkeiten der jungen Frau.

„Das könnte auch heißen: tot“, stellte sie fest und schrieb über td „tot“. Anschließend las sie das Geschriebene laut vor. Merle schaute auf und blickte in fremde Gesichter. Im Frisiersalon war die Arbeit niedergelegt worden. Alle lauschten dem Vortrag.

„Was soll das heißen, Tafelsküde?“, meinte plötzlich einer der Zuhörer.

„Vielleicht heißt es Teufelsküche“, schlug eine ältere Dame vor. „Vielleicht heißt es: und der armen Frau in der Teufelsküche.“

Es dauerte nicht lange und ein sinngemäßer Brief war erstellt, den Elsa sogleich vorlesen durfte: „Du musst helfen. Bitte. Ich habe Angst. Ich hoffe, er findet mich nicht. Hilf Konrad und der armen Frau in der Teufelsküche. Im Keller, wo du mal gewohnt hast. Hilf bitte, sonst ist sie tot.“

Alle starrten auf den Jungen, der gerade an der Tasse Kakao schlürfte, und dann auf die Kriminalbeamtin, die ihre Stirn in Falten gelegt hatte und nervös an ihrem Kinn zupfte.

„Sie haben in einem Keller gewohnt?“, fragte die ältere Dame misstrauisch.

„Welcher Keller?“ Die Frage richtete Merle an Konrad, während sie bereits ihr Mobiltelefon in der rechten Hand hielt. „In Wien? In Innsbruck? Wo?“ Im unbeteiligten Ausdruck des Kindes war zu lesen, dass es keine Ahnung hatte, wo sich diese Teufelsküche befand. Merle wählte und hatte nach einmal Klingeln ihren Freund und Kollegen Serenus Vital in der Leitung. Schweigend lauschte er Merles aufgeregter Stimme, dann stöhnte er dermaßen laut, dass es sogar Elsa hören konnte, die jetzt geschwind in Merles Haaren werkte.

„Könntest du Nachforschungen über ei- nen stummen Jungen namens Konrad machen“, bat sie Serenus.

„Wie weiter? Nur Konrad? Das ist doch nicht dein Ernst?“, entgegnete ihr Kollege. Merle musterte das Kind. Dann fiel ihr auf, dass Konrad eigenartig aß und dass, wenn sich der Mund leicht öffnete, anstelle der Zunge nur ein dunkles Loch zu sehen war.

„Ich glaube, ihm fehlt die Zunge“, flüsterte Merle in den Hörer, einige Schritte von der Couch entfernt.

„Okay, das ist was! Zungenlose Jungen sind heutzutage sicher selten.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2008)

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