In den letzten Monaten vieles ganz Verschiedenes, das sich mit dem „Ich“ beschäftigt: Mit dieser gedanklichen Konstruktion, die wir für so real halten, dass sie die Basis für unsere Entscheidungen, unser Selbstbild, unser Handeln bildet. Das scheint mir derzeit der zentrale Konflikt in unserem Denken, in unserer Kultur: das „Ich“ ist in der Krise, es ist in Lebensgefahr, will das nicht wahrhaben und schlägt wild um sich. Gefährlich, destruktiv, schmerzhaft. Gut so: Wo Krise ist, da ist auch die Chance und der Zwang zur Veränderung. Vielleicht leben wir in der Zeit eines Wandels, der so radikal ist, dass er dem hastigen Auge entgeht.
Das Wissen darum liegt längst schon bereit. Etwa in einem Buch von Allan Watts (1915 bis 1973), das 40 Jahre alt ist: Die Illusion des Ich (Goldmann Verlag, München). Ein klares, einfaches Buch. Gar nicht herausragend oder außergewöhnlich, sondern einfach nur klug. Geistesgegenwärtig, nicht zeitgeistig. Ein schönes Portal in die skizzierte Thematik, die sich dann verzweigen, erweitern, vertiefen kann.
Und ich lese wieder einmal Gedichte von Rainer Maria Rilke in den letzten Wochen. Eine Möglichkeit, nach der vielen äußeren Arbeit wieder zum Anfang, zur ausgehenden Konzentration zu finden. Der wusste all das auch schon: „Die findigen Tiere merken es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“
Heimatlos werden in der gedeuteten Welt – ist das beunruhigend? Nein, das scheint nur so, anfangs. Eine andere Freiheit öffnet sich dort: Sie braucht das Ich nicht mehr – sie ist keine Illusion. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2008)

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