„Mit Putin kann man reden“

Europa kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen, meint Julia Kissina. Ein Gespräch über Russland, die Ukraine, Deutschland, Israel, ihre Beziehungen untereinander und darüber, wie Medien Propaganda machen.

Das Gespräch mit Julia Kissina fand während der Tiroler Literaturtage Sprachsalz in Hall/Tirol statt. Die Autorin las dort aus ihrem Roman „Frühling auf dem Mond“. Darin beschreibt sie ihre Kindheit in Kiew zur Breschnjew-Zeit. Prägend war für sie das Zusammenleben von Ukrainern, Russen, Juden, Polen, Armeniern und Georgiern.
Sie sind mit einem Wiener verheiratet. Welchen Bezug zu Österreich haben Sie noch?
Ein Teil meiner Familie kommt aus dem Habsburger-Imperium, und zwar aus Galizien, Lemberg, und aus der Bukowina. Sie waren österreichische Bürger.
In Ihrem Roman kommt jemand namens Ju. A. vor, von dem gesagt wird, dass er entweder polnischer Adeliger oder Österreicher ist. Ist das für Sie das Gleiche?
Nein, aber das war so eine Kategorie von Menschen, die sich ähnlich verhalten haben, sie waren sehr zeremoniell. Zum Beispiel war der Gruß „Küss die Hand“ ganz normal.
War das in Kiew üblich?
Sicher. Ich habe nie gewusst, ob ich das ironisch oder ernst nehmen soll. Bei Erwachsenen war es meist ironisch, bei jungen Leuten konnte es sehr ernst sein. Ich denke, es ist egal, ob das in der Ukraine oder in Wien oder in Buenos Aires spielt. Solche Figuren gibt es überall.
Eine andere Figur Ihres Romans ist Vera, die als „Deutschenflittchen“ bezeichnet wird, weil sie mit den Deutschen kollaboriert hat. War es für Sie ein Problem, nach Deutschland, in das Land der Nazis, zu gehen?
Nein, das ist ein anderes Deutschland. Ich bin in ein anderes Land gekommen. Es existieren für mich zwei Deutschlands. Ich lebe nicht in diesem bösen Deutschland, sondern in einem guten, das ich liebe. Der Vater meines Mannes zum Beispiel war in der SS. Wir haben beschlossen, mit ihm darüber nicht zu sprechen. Es war seine Jugend, er war sehr enthusiastisch, romantisierte das und wollte, wie alle Burschen damals, in die Armee. Ich habe gedacht, man muss diskret bleiben.
Wie präsent war Babi Jar in Ihrer Kindheit?
Wir haben darüber gar nichts gewusst. Erst später haben meine Eltern mir etwas erzählt und diesen Ort gezeigt. In den Schulbüchern stand nichts darüber. Die sowjetische Geschichte war natürlich umgeschrieben und verlogen. Die antike Geschichte war für uns deshalb viel präsenter als die moderne. Vor allem das jüdische Thema war verpönt, es wurde niemals erwähnt, dass speziell etwas gegen die Juden passiert sei. Meine Eltern haben mir dann auf dem Weg zu meiner Schule einmal ein Feld gezeigt, Brachland, auf dem nur ein paar Bäume gewachsen sind. Ich wusste schon, dass da Leute umgekommen sind, aber da lagen auch Verwandte von uns. Doch es war für meine Eltern zu schmerzhaft, darüber zu sprechen.
Wie haben Sie die Breschnjew-Jahre erlebt?
Es waren „vegetarische Zeiten“. Sicher sind auch Leute im Gefängnis gelandet, aber für einen Großteil der Bevölkerung war es okay. Wenn man nichts Radikales gemacht hat, dann konnte man ganz gut leben. Die Menschen überall auf der Erde leben in all den Diktaturen.
Dass jemand einen Freiheitsdrang hat, können Sie gar nicht nachvollziehen?
Doch, doch. Es haben uns natürlich wichtige Informationen gefehlt. Aber wir müssen nicht so viel über die UdSSR reden.
Sie sind eben in einem Land aufgewachsen, das jetzt im Fokus der europäischen Öffentlichkeit steht, weil es auseinanderzubrechen droht.
Diese „Ukraine-Krise“ ist absolut künstlich. Das ist aufgesetzt.
Von wem?
Von ukrainischen Nationalisten, von russischen Nationalisten und von europäischen und amerikanischen Politikern. Die wahre Grenze zwischen Russland und der Ukraine liegt in Deutschland.
Hat Deutschland einen so starken Einfluss?
Ich denke ja. Amerika und Deutschland. Ich habe es in Deutschland erlebt. Ohne diesen wahnsinnigen Druck wäre vermutlich kein Blut geflossen. Die ganze Zeit über gab es Propaganda: Die Ukrainer sind gut, und die Russen sind schlecht.
Sie sehen das Land also nicht gespalten?
Doch. Lemberg hat mit der Zentral- oder Ostukraine so gut wie nichts zu tun. Das ist eine Stadt Mitteleuropas. Für sie wäre es besser, sie käme wieder zu Österreich.
Sie sind also für eine Trennung der Ukraine?
Das sind wirklich zwei sehr verschiedene Kulturen. In Kiew hat man Russisch und Ukrainisch gesprochen. Vor dem Krieg da waren viele Deutsche, viele Polen und andere. Das war ein friedliches Zentrum Europas, wo alle sich gegenseitig kulturell befruchtet haben. Heute hingegen verstehe ich schon, dass die Menschen nicht unter Putin leben wollen. Denn das ist schon monströs, was da abgeht.
Aber das ist auch nur eine gemäßigte Diktatur. Sie haben doch vorhin gesagt, dass man da ganz gut leben könne.
In jeder Diktatur kann man leben, wenn die Menschen etwas zu essen haben und nicht direkt umgebracht werden. Aber die Stimmung in Moskau ist sehr dunkel, vor allem, was die kulturelle Situation anbelangt. Die Leute sind plötzlich wahnsinnig religiös geworden. Das war nie der Fall.
Im Sowjetreich war das ja verpönt.
Die Leute waren damals nicht ideologisch. Im Westen glaubt man, sie waren damals alle fanatisch, aber so war das nicht. In den Köpfen waren die Menschen damals viel freier als heute. Jetzt gibt es diese unglaubliche nationalistische Propaganda in Russland, die sehr unangenehm ist. Aber das scheint überhaupt ein europäischer Trend zu sein.
Das ist wohl als Gegenbewegung zur EU zu sehen – weil es eine große Frustration über die Entwicklung Europas gibt.
Ja, klar. Aber ich denke, Europa sollte nicht gegen die eigenen Familienmitglieder vorgehen. Die größere Gefahr ist doch, dass Europa islamisiert wird. Das ist wirklich ernst.
Spricht da Ihre jüdische Identität aus Ihnen?
Klar, ich habe auch eine jüdische Identität. Ich habe aber nichts gegen den Islam. Ich mag nur diese wilde, mittelalterliche, klinische Ideologie, die sehr brutal ist, nicht. Da muss Europa wirklich aufpassen und darf nicht mit dem Feuer spielen. In diesem Sinn sollten die Europäer nicht mit Putin streiten, weil er hier ein Verbündeter sein kann. Mit Putin kann man reden.
Aber Putin spielt doch ein doppeltes Spiel.
Natürlich. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Mentalität eine andere ist. Die Europäer sehen Russland mitunter mit sehr naiven Augen. Putin ist ein großer Patriot. Er hat Angst, dass um ihn herum fremde Raketen stehen. Man braucht auch Geduld mit Russland, bis es ein bisschen offener wird. Auf den europäischen Druck jetzt wird es nur Gegendruck geben. Das ist ein psychologischer Fehler Europas. Da müssten sich die europäischen Politiker mit Verhaltenspsychologen beraten. Ein Fehler des Westens ist zum Beispiel das Schließen der Slawistik an den Universitäten, weil sie kein Geld mehr dafür ausgeben wollen. Russland ist riesig, und das muss man studieren, wenn man es kennenlernen will. Europa kann sich keinen anderen Nachbarn aussuchen. Das sind nun einmal die Russen.
Wie steht es Ihrer Meinung nach um das deutsch-russische Verhältnis?
Bis heute können die Leute nicht vergessen, wie viel Blut geflossen ist. Das wird noch über viele Generationen nicht vergessen werden. Darum: Wenn die Deutschen diktieren, wie die Russen sich verhalten sollen, dann werden sie wütend. Es gibt da keine einzige Familie, aus der nicht jemand im Krieg gefallen ist, nicht nur jüdische Familien, sondern alle. Aber die Menschen in Deutschland haben den Krieg ja auch nicht verkraftet. Und ich verkrafte nicht jeden Tag diese Berichte im Fernsehen über Hitler und den Holocaust. Ich kann das nicht mehr sehen. Das kotzt mich an. Die Deutschen können das nicht mehr sehen, die Juden können das nicht mehr sehen. Es ist too much.
Aber es gibt doch viele Stimmen, die meinen, dass das niemals vergessen werden sollte.
Das heißt doch nicht, dass man Terror machen muss. Fernsehen ist sowieso Terrorismus. Wir werden mit allen Kriegen dieser Welt tyrannisiert.
In Ihrem Buch gewinnt man den Eindruck, dass es im Osten Mythen über den Westen gegeben hat. Wie zum Beispiel in der Geschichte über das britische Salz, das viel besser als das russische schmeckt.
Als ich nach Deutschland kam, dachte ich: Wow, hier sind alle so gut gebildet. Ein Freund von mir, der Kunsthistoriker ist, hat Deutsch gesprochen und mir alles übersetzt. Aber er hat alles anders übersetzt. So bekam ich den Eindruck, hier leben nur Genies, jeder Hausmeister zitiert hier Nietzsche. Dabei lag das an seiner Übersetzung, an seinen Lügen. Ich konnte ja keinen Hausmeister von einem Universitätsprofessor unterscheiden, weil bei uns alle Professoren wie Hausmeister ausgesehen haben: Sie waren alle arm, unrasiert und schlecht gekleidet.
Welches Verhältnis haben Sie zu Israel?
Ich bin sehr beunruhigt, was da in Gaza passiert. Und ich bin sauer auf die europäische Berichterstattung, die einseitig die Palästinenser als unschuldige Opfer darstellt. Ich kenne keine friedlicheren und gemütlicheren Menschen als Juden, das sind Hobbits. Die muss man schon verrückt machen, damit sie einschreiten. Die Israelis werden ständig terrorisiert. In Gaza gibt es keine friedliche Bevölkerung. Jetzt bin ich unkorrekt, aber wenn sie ihre Kinder schon Krieg nennen – ich habe ein Interview mit einem Palästinenser gesehen, der ein Baby in die Kamera hält und sagt: „Das ist meine Tochter, sie heißt Rache, das ist mein Sohn, und er heißt Jihad.“ Was ist das für eine Kindererziehung? Das sind keine Kinder, sondern lebendige Waffen. Die Juden sind daran gewöhnt, mit anderen Völkern friedlich zusammenzuleben. So manche linke Medien in Deutschland sind ein Echo aus dem Dritten Reich. Zum Glück muss ich mich darauf nicht verlassen. Ich kann verschiedene Medien in den Sprachen, die ich spreche, lesen.
...und hier bei der Veranstaltung in Hall mit US-amerikanischen Autoren reden.
Das Schöne hier ist, dass viele Schriftsteller kommen, die nicht zum Mainstream gehören, aber wirklich Literatur machen. Bei anderen Festivals werden viele journalistische Werke als Romane verkauft, schnell verkauft und schnell vergessen. Da steckt keine seriöse Arbeit dahinter, keine Beschäftigung mit Sprache, mit Ideologien, mit Gedanken, mit Philosophien, mit Nachdenken, mit Analysieren, mit Reflektieren und so weiter. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)

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