Das Land einfrieren

Der Chronist und Zeuge des Absterbens der DDR ist von nun an Uwe Tellkamp. Sein Wenderoman „Der Turm“: ein gewaltiges Gesellschaftspanorama.

Die Ressourcen waren knapp in der DDR und andernorts im Sozialismus, aber eines stand überreichlich zur Verfügung: Zeit. Weil Zeit eben nicht Geld war, wie im Kapitalismus, floss sie träge dahin oder sie stand einfach nur still wie ein Tümpel. Wo ein Engpass dem nächsten folgte, gab es, trotz aller Propaganda vom „Aufholen, ohne zu überholen“, Wartezeit in Fülle, und Wartezeit war Gesprächszeit und Denkzeit, jedenfalls die Zeit einer vom System so nie vorgesehenen Muße. In ihren letzten Jahren muss die DDR vollends zum Zeit-Stillstand gekommen sein, fast wie ein Kranker, der nur noch auf sein bevorstehendes Ableben wartet. Darin erinnert sie an andere in Trägheit erstarrte Gesellschaftsordnungen: an das späte Zarenreich oder an die letzten Jahre der habsburgischen Monarchie. Das Zarenreich hat Tschechow in Worten und Szenen erfasst, das Habsburgerreich Doderer. Der Chronist und Zeuge des Absterbens der DDR ist von nun an Uwe Tellkamp. Tschechow, Doderer, Tellkamp, man darf die drei Namen ruhig nebeneinander setzen, um den Rang des Romans „Der Turm“ zu beschreiben. Ist dies nun der immerfort erwartete und nie eingetroffene „große Wenderoman“? Ja – wenn auch die Wende selbst in ihm gar nicht mehr vorkommt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2008)

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