Geben Sie irgendeine dreistellige Zahl in Ihren Taschenrechner ein, zum Beispiel 327. Tippen Sie danach die gleiche Zahl noch einmal, sodass Sie eine sechsstellige Zahl erhalten, also im genannten Beispiel die Zahl 327327. Sie könnten auch 516516 getippt haben. Oder 989989. Egal, welche sechsstellige Zahl Sie nach dieser Vorschrift eingegeben haben, wenn Sie diese durch 13 teilen, scheint ein ganzzahliges Ergebnis ohne Rest auf. Teilen Sie dieses durch 7, kommt wieder ein ganzzahliges Ergebnis ohne Rest heraus. Und wenn Sie dieses durch 11 dividieren, bekommen Sie nochmal ein Ergebnis ohne Rest – sogar genau jene dreistellige Zahl, von der Sie ausgegangen sind.
Probieren Sie es an ein paar anderen Beispielen durch. Am Anfang ist man verwundert: Es klappt immer.
Sind Sie neugierig geworden, woran das liegt? Man erfährt von einem eigenartigen Verhalten bestimmter Zahlen und will dahinter kommen. Sobald man es verstanden hat, ist alles sonnenklar. Man kann gar nicht mehr glauben, dass es vorher noch rätselhaft war. Und man freut sich, wenn man das kleine Geheimnis gelüftet hat. Man hat ein wenig den Genuss des Verstehens erahnt.
Mit diesem kleinen Trick beginnt der Roman „Eine gewisse Ungewissheit“ von Gaurav Suri und Hartosh Singh Bal. Die Autoren verbinden Erzählungen über Romanhelden mit Mathematik. Nicht bloß eine einzige Erzählung, jene vom jungen indischen Studenten Ravi, der in Kalifornien von einem Studium der Betriebswirtschaft durch einen charismatischen Vortragenden und durch seine Kommilitonen zur reinen Mathematik verleitet wird. Sondern auch eine darin verwobene Erzählung, in der von Ravis Großvater, dem indischen Mathematiker Vijay Sahni, und seinem Aufenthalt zu Beginn des 20.Jahrhunderts in einer amerikanischen Kleinstadt berichtet wird. Sahni hatte dort gegen das Blasphemiegesetz von New Jersey verstoßen, als er öffentlich erklärte, die Glaubensgrundlagen des Christentums seien unbeweisbar und in ihrer Unlogik einer aufgeklärten Nation unwürdig. Gebannt liest Ravi die Gerichtsakten von einst, worin die Diskussionen seines Großvaters mit dem Untersuchungsrichter protokolliert sind und der indische Gelehrte seine freigeistige Haltung mit mathematischen Argumenten zu untermauern versucht. Nicht genug damit: In fiktiven Briefen oder Tagebuchaufzeichnungen kommen verstreut Mathematiker und Philosophen wie Pythagoras, Euklid, Bhaskara, Oresme, Spinoza, Gauß, Riemann, Einstein selbst zu Wort.
Der Vorteil des Romans gegenüber einer sachlichen Abhandlung ist, so glauben die Autoren, Leser, vor allem solche, die sonst nie freiwillig ein Mathematikbuch in die Hand nehmen würden, für sich gewinnen zu können. Mag sein. Daniel Kehlmann ist es gelungen. Er hatte mehr als die Hälfte seines wunderbaren Buches von der „Vermessung der Welt“ dem Mathematiker Gauß und dessen Gedanken gewidmet, sprachlich fulminant aufbereitet, mit stupendem Einfühlungsvermögen, geistreich und witzig formuliert. Auch wenn der Gauß des Daniel Kehlmann vom Gauß der Mathematikhistoriker abweichen mag, erleben wir ihn eben gerade darum in allen seinen seelischen Höhen und Tiefen, seinen genialen Einfällen und seinen bizarren Schrullen.
Liest man die ersten Seiten des Buches von Suri und Bal, keimt die Hoffnung, vielleicht sei ihnen zumindest ein Abglanz von Kehlmanns künstlerischem Wurf gelungen. Man wird hierin enttäuscht. Im Fortgang der Lektüre verkümmern die literarischen Qualitäten des Werks: Die Sprache wird platt, entgleitet ins hohle Geplapper von Groschenromanen; die Romanhelden verwandeln sich zusehends zu blutleeren Kunstfiguren, die geschilderten Begebenheiten – vor allem die Berichte von den Gesprächen zwischen Ravis Großvater und dem Untersuchungsrichter – entbehren jeglicher Glaubwürdigkeit, und die meisten der fiktiven Briefe und Tagebucheintragungen verstören, weil sie ungelenk die Gedankenwelt der Protagonisten ins Kindische verzerren.
Dies mag man entschuldigen, denn das Anliegen der Autoren sei doch, vom Zauber der Mathematik zu überzeugen. Auch bei den Dialogen des Sokrates mit seinen Freunden verzeiht man Platon, dass er nicht als Romancier, sondern als Philosoph zu uns spricht. Und in der Tat legen Suri und Bal ausführlich und mit großer Sorgfalt dar, wie die meisten Mathematiker – es gibt eine kleine Gruppe von Renegaten, zu denen auch der Rezensent zählt – über das Unendliche denken. Sowohl die Mathematik der Antike, die Entdeckung geometrischer Verhältnisse, welche ganzzahligen Proportionen entgleiten, die bizarren Antinomien des Zenon, Euklids Geometrie mit dem sehr eigenartigen Parallelenaxiom als auch die Mathematik der Moderne, die Mengenlehre Georg Cantors mit ihren Paradoxien, die Konstruktion nichteuklidischer Geometrien und ihre Manifestation in der physikalischen Raum-Zeit, die eigenartigen Theoreme Kurt Gödels greifen dabei vielschichtig ineinander. Darum entschlossen sich die Autoren, mehrere Geschichten parallel zu erzählen: Es erleichtert das Verständnis.
Erschwert wird es durch grobe Schnitzer: der Formelsatz auf Seite 42 ist hilflos gestaltet, auf Seite 101 kommt 15 zur Ehre, Primzahl zu sein, abgesehen davon, dass die gesamte um sie gestaltete Formel verwirrt, auf Seite 156 erfährt man, dass 1/15 mit 2,2 übereinstimmt, die auf Seite 188 im Text beschriebene Skizze wurde durch eine falsche ersetzt, das „Taubenschlagprinzip“ auf Seite 383 heißt in Wahrheit Schubfachprinzip. Diese Liste lässt sich unschwer verlängern.
Peinlich berührt am Buch, dass es existenzielle und sogar religiöse Fragen mit einer naiven Grundlagenposition der Mathematik verquickt, die das Unendliche bloß verniedlicht. Damit wird es nicht einmal der tragischen Figur eines Georg Cantor gerecht, der am unerhörten Anspruch seiner eigenen Theorie von der Existenz des Aktual-Unendlichen scheiterte, geschweige denn einem luziden Denker wie Leopold Kronecker, der im Buch nur die Rolle eines miesen Intriganten spielt, oder wie Hermann Weyl.
Suri und Bal erklärten sich in ihrer Danksagung Morris Kline und seinem fulminanten Werk „Mathematics. The Loss of Certainty“ verpflichtet. Man darf ergänzen: Das nüchtern gestaltete, aber weitaus mehr in die Tiefe gehende Original ist unvergleichlich besser als seine aufs romanhafte Schwärmen setzende Kopie. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2008)

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