Ist es in Zeiten wie diesen ein Glück, verrückt zu werden? Für Gerhard Warlich, den Protagonisten in Wilhelm Genazinos Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, wohl schon. Er, der sich zu gescheit für die Welt hält, der Veränderung herbeisehnt und sie doch zugleich scheut wie der Teufel das Weihwasser, er verspürt doch immer wieder den Drang, „die Menschen über die allgemeine Ödnis des Wirklichen aufklären zu wollen“. Darüber kann man schon verrückt werden. Erst recht, wenn die Frau, mit der man seit zehn Jahren friedlich zusammenlebt, plötzlich von Ehe spricht und – zu allem Übel – davon, dass sie ein Kind will. Das kleine Glück, das man sich trotz widriger Umstände gezimmert hat: Es wäre vorbei.
Wahrlich, dieser Gerhard Warlich ist einer dieser typischen Genazinoschen „Abschaffel“, also eine jener Figuren aus dem Kosmos des 1943 in Mannheim geborenen Autors, mit denen er bekannt wurde und deren Unverwechselbarkeit ihm 2004 den Büchner-Preis eintrugen. „Abschaffel“ war der erste dieser dem modernen Leben entfremdeten Angestellten, dem Genazino Ende der 1970er-Jahre eine Trilogie widmete. Diesmal gilt seine Aufmerksamkeit einem akademisch ausgebildeten Philosophen, den die Umstände Geschäftsführer einer Wäscherei haben werden lassen. Seit einem Jahrzehnt lebt er nun mit Traudel zusammen, die Filialleiterin einer Bank in der Provinz ist. Ein perfektes Mittelstandspaar also. Was ihnen zur völligen Konformität fehlt, sind der Trauschein und Kinder. Beides fordert Traudel zu Beginn des Romans nun ein – und bringt ihn damit außer Schritt und Tritt.
Es beginnt mit der Hose. Zuerst ist er fast froh, als Traudel ihn auffordert, sich eine neue Hose zu kaufen. Lenkt das doch von der leidigen Heiratsfrage ab. Bald durchschaut er diesen Vorschlag jedoch als Scheinlösung, wird doch „durch den Kleiderzerfall jedermann mit seiner Selbstauflösung vertraut“. Deshalb beschließt er, seine Hose auf dem Balkon aufzuhängen und dort ihre Verwesung zu beobachten. Eine Art Glück!? Einen ganzen Dreh weiter ist die Sache schon, als er einer alten Freundin statt seiner Hand eine Scheibe Brot entgegenhält. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits gekündigt und bei seiner ersten Bewerbung als „Allrounder“, die ihm Traudel nahegelegt hat, gescheitert.
Dieser Gerhard Warlich ist ein literarischer Cousin des Franz aus Margit Schreiners Roman „Haus, Frauen, Sex“, bis hinein in die Sprache, wenn er sich an einer Stelle etwa verteidigt: „Aber ich muss Traudel willfahren.“ Offensichtlich machen die „Ansprüche“ der Frauen die Männer verrückt. Und was hat das alles mit Glück zu tun? Nun, so viel scheint Wilhelm Genazino mit Gerhard Warlich gemeinsam zu haben: „Das Hineinstellen der Wirklichkeit in die Ordnung der Wörter war ein neues Glück.“ ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)
















