Schickt Sarah Kuttner Karo Herrmann, die Heldin ihres Debütromans „Mängelexemplar“, gegen Helen Memel, die Protagonistin aus Charlotte Roches Erfolgsroman „Feuchtgebiete“, ins Rennen um die höchste Aufmerksamkeit auf dem Buchmarkt? Nach der Lektüre ist klar: Karo hat nicht annähernd das Zeug dazu, Helen den Titel „Bestseller des Jahres“ abspenstig zu machen. Dazu hat Leo Leike, Daniel Glattauers Alter Ego (aus seinem jüngsten Roman, „Alle sieben Wellen“), viel bessere Chancen. Das aber spricht für Kuttner. Die schlechte Nachricht hingegen ist: Es gibt trotzdem ein paar Gemeinsamkeiten zwischen Karo und Helen, ebenso wie zwischen ihren beiden Erfinderinnen.
Fangen wir mit den Autorinnen an: Sie sind etwa gleich alt (um die 30), sie sind kaum ein Meter sechzig groß, sie waren eine Zeitlang in England; sie sind ziemlich eloquent und intelligent – und vielleicht gerade deshalb beim Privatsender Viva, bei dem beide als Moderatorinnen gearbeitet haben, mehr oder weniger rausgeflogen. Seit 2008 haben beide eigene Sendungen bei öffentlich-rechtlichen Sendern: „Charlotte Roche unter . . .“ heißt die eine bei 3sat,„Kuttners Kleinanzeigen“ nennt die ARD ihre Sendung. Beide zeichnet zudem ein (selbst-)kritisch bis nestbeschmutzender Zugang zum Medium Fernsehen aus. Diese Gemeinsamkeit ließe sich aber auch beim Trennenden anführen. Nämlich bei der Art und Weise, wie die beiden arbeiten und – jetzt auch schreiben.
Charlotte Roche scheint vom britischen Humor à la Monty Python beeinflusst. Sie nimmt nichts und niemanden ernst, schon gar nicht sich selbst, wie an den zahllosen Interviews, die sie im Vorjahr gegeben hat, erkennbar. Daran ändert auch nichts, dass die Briten von „Wetlands“, der englischen Ausgabe der „Feuchtgebiete“, not amused waren. Was werden sie erst zu Sarah Kuttners „Defect Copy“ sagen? Die in Ostberlin geborene Moderatorin ist in gewisser Weise viel deutscher als ihre in England geborene Kollegin. Sie nahm zwar die TV-Shows, die sie moderiert hat, nicht sonderlich ernst, doch unter ihrer professionellen Coolness lugte immer der Tiefsinn hervor, hinter ihrem hippen Zynismus blitzte stets ihr humanitäres Engagement auf.
In Wirklichkeit nahm und nimmt sie alles ernst, zu ernst möglicherweise. Denn in „Mängelexemplar“ beschreibt sie den Verlauf einer Depression am Beispiel der 27-jährigen Karo Herrmann. Dass darin keine persönlichen Erfahrungen eingeflossen sind, wird sie kaum glaubhaft machen können. Ich empfehle deshalb allen potenziellen Interviewern als erste Frage: Frau Kuttner, wie autobiografisch ist Ihr Roman? Dass danach keine weiteren Fragen mehr gestellt werden können, weil Frau Kuttner grußlos verschwunden ist, wäre ihr zuzutrauen und schwerlich zu verübeln.
Spiegeln sich die Charaktere der schreibenden Moderatorinnen in den Protagonistinnen ihrer Romane wider? Helen ist rotzig-trotzig, Karo hingegen tapsig-flapsig. Die eine ist aggressiv-depressiv, die andere defensiv-depressiv. Die eine ist, nicht zuletzt gegen sich selbst, alles andere als zimperlich, die andere ist, wann immer es ihr gelingt, zärtlich. Der Hauptunterschied aber, und der wird sich in den Verkaufszahlen niederschlagen, ist: Bei Karo geht es nicht um Körperflüssigkeiten und was man alles damit machen kann, sondern um Gehirnströme und was die alles beeinflussen. Helen ist in ihrer Übertreibung witzig, Karo in ihrem Elend nicht. Die Gemeinsamkeiten der Mädchen werden nicht ausreichen, aus dem „Mängelexemplar“ ein ähnliches Krötenbiotop zu machen, wie es die „Feuchtgebiete“ geworden sind. Es wird nichts nützen, dass beide Scheidungskinder sind, es wird nicht genug sein, dass beide in Therapie gehen, und es wird nicht helfen, dass sich beide verlieben. Lassen wir Helen deshalb ziehen und konzentrieren uns auf Karo.
Fragwürdiger Start in die Sexualität
Karo sitzt zu Beginn des Romans ihrem „Popstarpsychiater“ gegenüber, und sagt zu ihm, dass er sie an Niels Ruf erinnert, „natürlich nicht ansatzweise so selbstgefällig“. Denn sie hat, ein Jahr nach ihrer Panikattacke, wieder Angstanfälle, „und ich bin traurig, und diese Angst macht mir noch mehr beschissene Angst und mich noch schlimmer traurig“. Schließlich ist eine Depression „wie ein Madonna-Konzert: wirklich ein ,fucking Event‘“. Angefangen hat die Sache mit einer „dumpfen Traurigkeit“, schließlich ist Karo „nicht der einzige Mensch auf der Welt mit geschiedenen Eltern, anstrengenden Vätern und einem fragwürdigen Start in die Sexualität“, womit sie einen sexuellen Missbrauch durch einen Onkel umschreibt. So richtig los geht es, als sie nach dem Verlust ihres Jobs in einer Event-Managementagentur mit der Aufarbeitung ihrer Kindheit beginnt und zu ihrem geliebten Opa auf den Friedhof geht. „Ich breche sofort und heftig in Tränen aus. Ich weine laut und mit viel Rotze.“ Etwas später wird die Trennung von ihrem Freund zum Auslöser für die Attacke.
Dabei hat Karo Glück. Weil Menschen um sie sind, die sich verständnisvoll um sie kümmern: der Freund Nelson, ihre Mutter, auch die Psychiaterin. Trotzdem sitzt Karo ein Jahr später wieder im Behandlungszimmer. Denn „kaum wacht man auf, rülpst einem die Realität mit ungeputzten Zähnen ins Gesicht und brüllt: ,Reingelegt!‘“ Das ist die typische Sprache, in der Sarah Kuttner ihre Heldin sprechen lässt. Sie macht das konsequent und sehr überzeugend. Die Sprache ist das Instrument, mit der sie die Jugend charakterisiert. Darin drückt sich auch die leicht verkrampfte „Coolness“ aus, die Jugendliche glauben zeigen zu müssen. Denn „Lässigkeit ist die neue Ehrlichkeit“, so Karo. In echt ist sie eher der romantische Typ, spricht mit Gefühlen oder Haltungen, beseelt sie: „Willkommen zurück, liebe Erwartungen und Bedürfnisse! Kommt, wir verbringen alle den Tag zusammen!“ So zeichnet Sarah Kuttner das Bild einer Generation aus lauter traurigen Clowns.
Charlotte Roche finde ich witzig, so wie ich einst die Marx Brothers witzig fand. Sarah Kuttner dagegen geht mir nahe. Nicht (nur), weil sie mir auf der Leipziger Buchmesse ein Autogramm in ihren Kolumnenband „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ geschrieben hat, sondern weil sie Glanz und Elend des beginnenden 21. Jahrhunderts repräsentiert. Sie ist hochbegabt und schwer gefährdet. Sie leidet wohl wie Karo unter den „Zeiten, in denen Jugendliche sich, ohne mit der Wimper zu zucken, bei einer Cola Enthauptungsvideos im Internet ansehen“, und hält die Maschinerie zugleich in Schwung. Es scheint, als lebe sie nach dem Ödön von Horváthschen Motto: Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu. Ihr Roman jedenfalls ist ein rundum gelungenes Jugendbuch. Ich werde es meiner 19-jährigen Tochter zum Lesen geben. Sie wird es mögen. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2009)
















