Die schiefe Frau

Dörte Lyssewski, beliebt als Schauspielerin, überrascht im Erzählungsband „Der Vulkan oder die heilige Irene“ mit vier souverän verfassten Geschichten, in denen drei Frauen und der Tod eines Hundes im Zentrum stehen.

Von Henry James gibt es eine Erzählung mit dem Titel „Die mittleren Jahre“, in der er von einem Schriftsteller berichtet, der gerade das erste Exemplar seines neuesten Buchs in Händen hat und einem jungen Arzt begegnet, der zufällig auch gerade ein Exemplar dieses Buchs bei sich hat und dem Autor seine Begeisterung vermittelt, die diesen zu ausführlichem Nachdenken über sein Tun und Können und die vielen Jahre anhält, die er gebraucht hat, um seine „Kunstfertigkeit“ zu vervollkommnen.

Aber auch jetzt noch korrigiert er seinen Text im gedruckten Exemplar, und die Komplimente des Arztes nimmt er nur mit Sträuben an. Natürlich ahnt man, dass der erfolgreiche James mit diesem Porträt ganz ohne falsche Bescheidenheit niemand anderen als sich selbst meint, tatsächlich war er nicht zuletzt ein glänzender Handwerker, und die Menschenkenntnis, der sich der Held der Erzählung rühmt, besaß er in hohem Maß.

Wenn jemand wie Dörte Lyssewski, eine seit Langem erfolgreiche Schauspielerin, als Debütantin mit einem Band mit vier Erzählungen an die literarische Öffentlichkeit tritt– um eben nicht zu sagen sich traut –, und das nicht schrittweise mit Einzelpublikationen, sondern mit einem überaus markanten, in sich geschlossenen Erzählungsband, dann ist das nicht nur eine gelungene Überraschung, sondern eine spannende Herausforderung zu erfahren, welche Interessen sie dabei antreiben. Man erkennt jedenfalls sofort, dass diese Texte nichts mit dem üblichen Berichtsfeld von Debütanten, wie Kindheit und Familie, zu tun haben. Tatsächlich haben diese Texte eine sehr intensive Oberfläche, die zur Folge haben kann, dass man als Leser benommen den Ereignissen folgt, in denen schlagartige Lärmausbrüche an den Vulkan erinnern, den der Titel verspricht.

Die vier Erzählungen, von denen die dritte den Umfang eines Kurzromans hat, erzählen von Frauen, die als lebensflüchtige Touristinnen den Bedrückungen und Zwängen ebenso wie den Verlusten und Versäumnissen ihrer Existenz zu entkommen versuchen, indem sie bisweilen ihrer Verlorenheit einfach nachgeben. Dabei hat die unfreundliche Welt, die wir hier wiedererkennen, immer auch etwas Klaustrophobisches, egal, ob wir uns in einem Flugzeug befinden oder, schwach erkennbar, auf einer griechischen Insel, in Paris oder im Libanon.

Die Frauen, um die es hier geht, wehren sich gegen das Bedrängende ihrer schwer beantwortbaren Fragen, die Lyssewski als unentrinnbar, ja grausam zu inszenieren weiß. Die Autorin zieht einen in den Bann ihrer literarischen Erfindungen, denen man sich kaum entziehen kann. Sie treibt ihre Figuren vor sich her und bleibt ihnen zugleich atemlos auf der Spur. Die Erzählungen werden von ihrem Drama und dem damit verbundenen Pathos wie mit den Elementarteilchen eines Thrillers vor uns ausgebreitet und gleichsam in Erz gegossen, und man glaubt zu spüren, dass nicht einmal die Autorin in das heftige und immer zwangsläufige Geschehen eingreifen könnte.

Die Qualität dieser Geschichten macht aus, dass wir ihnen jeweils abnehmen, was sie uns erzählen, weil die Autorin das Dringliche der ungelösten Fragen in uns zu übertragen versteht, auch wenn sich gleichzeitig etwas in uns dagegen zu wehren versucht. Immer wieder tauchen Nebenfiguren auf, die, wie in einem Stück von Handke, die Hypernervöse, die schiefe Frau, die Wächterin, die Nachtsiegerin heißen. Literarisch mag man sich bisweilen an Poe oder Mamlejew oder Sorokin erinnern, aber auch an die Unglücksschilderungen eines Stifter.

Die Erkenntnis lautet (und eine solche Erkenntnis kann nicht originell sein): Wir sind dem Leben wie dem Tod ausgeliefert. Das zeigt sich auch in der längsten Erzählung, „Byblos“, in der es um eine junge Frau geht, deren seit der gemeinsamen Kindheit enge Verbindung mit ihrem Bruder sich in eine geradezu rasende Liebe verwandelt hat, die der Bruder ihr gleichsam verbietet, aber gegen die sie nichts auszurichten vermag.

Wir Leser sind dabei ebenso selbstverständlich der Meinung des Bruders, wie auch etwas in uns darum bittet, dass diese Liebe erfüllt werde, weil alles andere, ungeachtet selbstverständlicher Verbote, uns zutiefst ungerecht erschiene. Die Schwester flüchtet, wissend, dass sie ihr Dilemma mit sich trägt, durch die Städte (hier gelingen der Autorin scharfe Bilder der herzlosen Verkommenheit unserer „Zivilisation“) ins Irgendwohin: Allmählich überlässt sie sich einem freiwilligen Verkommen, bei dem man sie begleitet, während der Bruder, außer in einer pornografischen Internet-Einblendung, die die Schwester vielleicht nur fantasiert, der Erzählung keinen Satz mehr wert ist. Die Frau sucht und findet ihr Ende in einer körperlichen Auflösung und einem Versickern.

Nein, Lyssewskis Erzählungen sind keine unterhaltende Lektüre, aber sie spenden den Trost, der von jeder gelungenen Kunst ausgeht. Besonders gelungen ist die letzte Geschichte dieses Buchs über das Sterben einesBauernhofhundes, das als großes Memento so erzählt wird, dass man immer wieder vergisst (und vergessen möchte), dass es wirklich um einen Hund geht. Das Tier bewahrt eine Souveränität, die den Menschen um es herum längst abzugehen scheint.

Dieses Buch erzählt von drei Frauen und einem Tier, die Männer bleiben eher Randerscheinungen. Einmal wird eine Frau Zeugin eines Gesprächs, das drei Männer über Augustinus und dessen Suche nach dem glücklichen Leben führen. Nach dem glücklichen Leben suchen die Frauen in diesem Buch auch, aber sie reden nicht nur darüber. Es ist häufig von Kirchen, Klöstern und deren hilflosen Bewohnern die Rede, aber es scheint noch weit zu sein, bis eine heilige Irene den Lärm von explodierenden Vulkanen befriedet.

Mit Dörte Lyssewski hat die Literatur eine Autorin gewonnen, die es ernst meint mit dem Leben, der Literatur und uns, ihren hoffentlich zahlreichen Lesern. ■

Dörte Lyssewski

Der Vulkan oder die heilige Irene

Erzählungen. 188S., geb., €20,50
(Matthes & Seitz Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2015)

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