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Die ganze Welt im Dorf am See

22.05.2009 | 20:52 |   (Die Presse)

Kernstück in Norbert Niemanns Roman „Willkommen neue Träume“ ist das Fest einer ehemaligen Filmdiva. In ihrer Seevilla verdichtet sich der Kunstbetrieb, der nur mit sich beschäftigt ist. Ein großer Wurf.

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Nichts weniger als ein Bild unserer Zeit hat sich Norbert Niemann für seinen dritten Roman, „Willkommen neue Träume“, vorgenommen. Dazu entwirft er ein weitläufiges Panorama globaler (Un-)Kultur, beispielhaft verdichtet in einem Dorf an einem bayrischen See. Ein Kunstgriff, den man ein bisschen flapsig unter dem Motto „Denke global, schreibe lokal“ subsumieren könnte. Der Roman ist tatsächlich ein großer Wurf geworden, der sich viel Zeit nimmt, um die Innenwelten seiner Figuren, ihre Krisen und ihre manchmal schier endlosen Debatten rund um den medialisierten Zeitgeist und seine Irrwege auszubreiten, und dem Leser dabei auch einiges, speziell aber einen langen Atem abverlangt.
Der (fast) unglaublich allwissende Erzähler beginnt seine Roman-Reise am Großstadtbahnhof: Nach einer Reihe von Verspätungen sind die Reisenden irgendwie außer Tritt geraten, Risse in den Seelen scheinen spürbar zu werden, und die Hektik macht nervös. Ganz zu Beginn ist es der weltberühmte Fotograf Liebl, der versucht, aus seiner Schaffenskrise herauszufinden, seine Bilder wieder zu mögen. „Fest stand, die alte Einstellung taugte nicht mehr.“ Er möchte „die Dinge durchsichtig machen“ und findet im Alter noch zu einer Art neuer extremer Abstraktion: Fast weiße Bilder, deren Wirkung auf den Betrachter einige hundert Seiten später in ganz wundersamer Ironie geschildert wird. Es gibt so viele Deutungen wie Besucher der Ausstellung, nur ein kleines Mädchen lässt sich nichts vormachen und würde sie einfach lieber anmalen.
Vom selben Bahnhof macht sich bald auch der nicht mehr ganz junge, leicht arrogante Fernsehjournalist Asger Weidenfeldt auf seinen Weg in die Provinz, nach Vössen, dem Ort seiner Kindheit, weil ihm jegliche Idee abhandengekommen ist, „was mit Kultur heute überhaupt noch gemeint sein könnte“, und weil er den Eindruck hat, dass er irgendwie sein Leben verpasst und nicht mehr durchschaut. Seine Mutter Clara, eine in den Siebzigerjahren gefeierte Diva des Films, hat sich in eine noble Villa am See zurückgezogen, wo sie sich ihren moderat-depressiven Launen und dem „Fantasiegebilde ihrer aufopfernden Mutterliebe“ hingibt. „Eine gebrochene Frau vor dem Scherbenhaufen ihres verstiegenen Weltbilds.“
sClaras jährliche Party führt nun eine Reihe ihrer alten Freunde aus dem Medienbusiness mit einigen Leuten aus dem Dorf und Freunden Asgers zusammen. Das rauschhafte Fest erweist sich dabei als kluger Kompositionsgriff eines Erzählers, der sich seinen Figuren ständig nähert, um sie wieder aus den Augen zu lassen, so, als ob ein Kameramann sich immer wieder neu entschiede, wen er abbilde. Die Fokussierung macht die individuellen Lebenskrisen sichtbar, der Rückzug und die Neufokussierung die eingetretene Veränderung, denn nach dem explosiven Fest bei Weidenfeldts scheint sich alle Welt zu neuen Ufern aufgemacht zu haben, „die Welt ändert sich, aber auch das Leben möchte weitergehen“.
Franz Stegmüller, der konservative Bürgermeister und jahrelange Verehrer der Weidenfeldt, wird sich von ihr lösen und noch einmal die Kraft finden, den wirtschaftsliberalen Progressiven der Opposition den Kampf anzusagen, und er wird sich mit einem Gegner anlegen, der ihm weit überlegen ist. Oder nehmen wir noch Wenzel heraus, einen alten Freund Asgers, der als Dorfarchivar ein friedliches Familienleben in der Provinz genießt, bis sich ihm mithilfe Asgers ein Weg eröffnet, seine moralistischen Ansichten zur Gegenwartskultur auch in einer Fernsehdebatte darzulegen, nur um dort von der Meute üblicher Debattenprofis hemmungslos niedergemacht zu werden.
Einen Gegenpol zu den Figuren in der Krise bildet die Erzählung vom Aufstieg des süßen Mädchens vom Lande, nicht ohne Hintersinn „Maya“ genannt. Für sie ist die Party eine Art erstes Casting, um dorthin
zu kommen, wo die anderen schon lange verzweifelt sind: ins Fernsehen und seine Telenovelas. Dafür schläft sie auch gerne mit einem „Produzenten“; und tatsächlich schafft sie es ganz nach oben zum umjubelten Medienhype. Asger, der mit seinem Rückzug aufs Land die Komposition des Romans im Innersten zusammenhält, landet schließlich auf einem Bauernhof, dessen Besitzer ihm – wie soll es auch anders sein – in einfachen Gedanken neue Wege aus der Sinnkrise seiner Existenz im Kulturbetrieb weist.
Vössen wird schließlich zu so etwas wie die kleine Welt am See, in der die globalisierte (Medien-)Welt ihre Probe hält, in einer Zeit, die „mit nichts intensiver beschäftigt ist als mit sich selbst“. Dass Niemanns Opus magnum über die lange Distanz nicht immer die Intensität und literarische Qualität zu halten vermag, ja manchmal ein bisschen arg thesenhaft und in seinen Diskussionen aktueller Themen wie der „Bildungsmisere“ eher lang und breit als tief und treffend daherkommt, verzeiht man gern: Denn zwischendurch gibt's immer wieder herrlich-ironische Diamanten zu finden, wie etwa ein Small-Talk-Pingpong auf einer Party, auf der ein Politiker meint: „Wir leben in einem starken Land. Die Probleme sind heute nicht weniger unlösbar als früher.“ Auch die Wege zu den neuen Träumen, die das Grüpplein gut situierter Sinnbesessener in seinem Seerefugium beschreitet, entbehren nicht des feinen Humors.
Am Ende verlassen wir Vössen, diese „ganze Welt im Kleinen“, wieder mit einem neu erstarkten Asger, der zwar keine Heimat gefunden hat im Sinne eines Orts, der ihm die „Gegenwart hätte eröffnen sollen wie ein aufspringendes Fenster“, aber wohl die Kraft weiterzumachen. Am Bahnhof angekommen verlieren wir ihn aus den Augen: Am Ende ist er nur wieder einer unter vielen.

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