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Rankings, Ratings, Auditings

10.07.2009 | 18:21 |  Von Bettina Balàka (Die Presse)

Semesterende. Aber kein Ende der Bildungsdiskussion. Ein Sammelband liefert „26 Thesen zur Bildung“. Ein Ausweis der sokratischen „Vorläufigkeit jeglicher Erkenntnis“.

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Bildung ist seit Jahren ein Dauerbrenner im öffentlichen Diskurs: Sie muss reformiert werden, darüber sind sich alle einig; weniger einig ist man sich darüber, wer die Reformen bezahlt – wie in der österreichischen Schuldebatte jüngst zu erleben war. Primär um den tertiären, also universitären, Bereich geht es in einer aktuellen Essaysammlung, für die der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft herausragende Expertinnen und Experten zum Brainstorming gebeten hat. Die geschlechtsspezifische Schreibweise ist hier mit Vorbehalt zu betrachten, denn ein wohl unbeabsichtigtes Ergebnis dieses Bandes verdient besonderes Augenmerk: Unter den 26 Beiträgern, allesamt mit beeindruckenden Karrieren im Wissenschaftssystem und mit Ämtern und Würden ausgestattet, sind gezählte drei Frauen. So beleuchtet dieses Buch einen Aspekt, der darin selbst gar nicht erwähnt wird: Trotz aller Fortschritte, die Frauen im 20. Jahrhundert im Bildungssystem erreicht haben, bleibt auch im 21. unverändert, dass sich an der Spitze der Pyramide, dort, wo die Posten rar und die Gehälter hoch sind, die weibliche Partizipation dramatisch ausgedünnt zeigt.

„Wer nur Chemie versteht, versteht auch diese nicht“, formulierte der Göttinger Universalgelehrte Georg Christoph Lichtenberg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dass Bildung mehr vermitteln müsse als abrufbares Faktenwissen, darüber herrscht auch heute Einigkeit. An einem Punkt der historischen Entwicklung, an dem dieses (mehr oder weniger) gesicherte Wissen längst nicht mehr in übersichtlichen Enzyklopädien aufzubewahren ist, sondern vielmehr „explodiert“ und sich darüber hinaus auch gerne mit Mutmaßung, Halbwissen und regelrechter Desinformation vermischt, wird, wie der Historiker Winfried Schulze argumentiert, die „Kompetenz zur Einordnung von Wissensbeständen“ (einschließlich der zur Aussortierung unnützen Wissens) als „fachübergreifende Metakompetenz“ mehr denn je zur Notwendigkeit.

Dass gerade in der heutigen Situation Forschung und Lehre nicht voneinander zu trennen sind, dafür plädiert der Biologe Hubert Markl, indem er darlegt, wie Forschung den „begründeten Zweifel“ (mit Karl Popper könnte man hinzufügen: das Falsifizieren) lehrt, und generell wird auf die Aktualität einer Wissenschaftstradition verwiesen, die sich an sokratischer Skepsis und dem Bewusstsein von der Vorläufigkeit jeglicher Erkenntnis orientiert.

Dass Bildung Charakterbildung einschließen sollte, die im tertiären Sektor ihren Niederschlag in der Ausdifferenzierung einer wissenschaftlichen Ethik finden müsse, wird in mehreren der Essays thematisiert, ebenso wie die Bedeutung, die dabei der „reflektierend hermeneutischen Kraft“ (Gert Melville) der im Zeitalter naturwissenschaftlicher Hochkonjunktur notorisch belächelten Geisteswissenschaften zukommt. Konkret beschreibt etwa der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio am Beispiel der Ärzte die Notwendigkeit interdisziplinärer Vernetzung mit Rechtswissenschaft, Soziologie und Philosophie, um Fragen wie der nach Patientenautonomie versus Fürsorge am Lebensende adäquat begegnen zu können.

Einen ganz anderen Bereich wissenschaftlicher Ethik schneidet der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf an, wenn er in durchaus humorvoller Weise die Folgen des Legitimierungs-, Rentabilitäts- und Berichtsunwesens in der „unternehmerischen Universität“ beschreibt: „Verstärkte Visibilitätskonkurrenz fördert ein Verhalten, das einst als parvenuhaft galt: Man muss mit seinen Taten protzen.“ Die Folgen reichen von einer „Rhetorik der Übertreibung und tendenziell wahnhaften Selbstüberschätzung“ bis hin zum Betrug: getürkte Studien, erfundene Laborergebnisse und massive Plagiate. Auch der Soziologe Peter Weingart weist auf die grotesken Auswüchse des New Public Management an den Universitäten mit seinen Rankings, Ratings und Auditings hin. Da quantifizierbare Indikatoren wie die Zahl der Publikationen gemessen werden, werden Forschungsergebnisse zu möglichst vielen Einzelpublikationen zerstückelt. Die resultierende unübersichtliche Publikationsflut hat wiederum dazu geführt, dass Fachjournale nach ihrem Impact Factor gewichtet werden, also nach der Zahl der Zitationen aus ihren Artikeln in anderen Fachzeitschriften.

Die Folge: Herausgeber fordern ihre Autorenschaft zu möglichst vielen Zitationen
aus den Artikeln ihrer Zeitschriften auf, um deren Impact Factor zu steigern, was wiederum den Einfluss derjenigen Autoren stärkt, die den Einfluss ihrer Zeitschrift stärken und so weiter. Betriebswirtschaftliche Evaluierungsverfahren führen – wie auch schon Konrad Paul Liessmann in seiner „Theorie der Unbildung“ feststellte – nicht etwa zu einer vermehrten Konzentration der Wissenschaftler auf die Forschungsarbeit, sondern auf die Produktion von Kontrollziffern und Projektantragsprosa. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet sollten wohl auch die traditionell marginalen Platzierungen der österreichischen Universi-
täten in internationalen Rankings etwas
weniger schmerzlich erscheinen.

Durchwegs positiv wird dagegen von den Autoren des Bandes die Bologna-Reform, also die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes, bewertet. So gibt die Psychologin Margret Wintermantel einen detaillierten Bericht über Ziele und Umsetzungsstadien der Reform: studierendenzentrierte Lehre, Arbeitsmarktrelevanz der Studienangebote, Reduktion der Studienzeiten und Förderung der Mobilität im europäischen Hochschulraum werden von ihr rückhaltlos begrüßt.

Bei aller Begeisterung über die unzweifelhaften Erleichterungen für die Studierenden kommt man doch nicht umhin, an die im Beitrag Oliver Primavesis zitierte Aussage Friedrich Nietzsches zu denken, die dieser 1872 im Rahmen seiner Vorträge „Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ tätigte: Erwünscht sei offenbar, so kritisierte er, „eine rasche Bildung, um schnell ein geldverdienendes Wesen werden zu können, und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können.“ Ebenso darf man sich, wiederum mit Liessmann, fragen, wozu man im Endeffekt noch den Studienort wechseln wollen sollte, wenn es ohnehin überall gleich sein wird – bis hin zur immer wieder eingeforderten gemeinsamen Unterrichtssprache Englisch.

Eines bleibt jedoch unbestritten: Bildung ist nicht nur ein individueller Vorteil, sondern ein öffentliches Gut, das sich – in der Sprache der Ökonomen – als „Humankapital“ niederschlägt – ein Umstand, dem in den Budgetdebatten der öffentlichen Hand weit mehr als bisher Rechnung getragen werden sollte. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2009)

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