Ich werde Hund bleiben

17.07.2009 | 18:19 |  Von Andreas Puff-Trojan (Die Presse)

Ein Dorf im Elsass nach dem Zweiten Weltkrieg. Keiner will erinnert werden, was war. Aber dann taucht der „Andere“ auf und hält den Bewohnern den Spiegel vor. Philippe Claudels Roman „Brodecks Bericht“– ein böses Märchen.

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Mit seinem Roman „Die grauen Seelen“ hat Philippe Claudel Kritik und Leser nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns begeistern können. Der Roman spielt in einem kleinen Dorf hinter den Linien der Schlacht um Verdun, das anscheinend vom Gräuel des Ersten Weltkrieges verschont bleibt.

In seinem neuen Roman, „Brodecks Bericht“, ist der Ort des Geschehens wieder ein kleines Dorf in Elsass-Lothringen. Claudel selbst ist Lothringer. Doch zeitliche wie örtliche Positionierungen haben hier ihre Tücken. Claudel geht es weder um die Erinnerung an das Kriegsgeschehen noch darum, die Schoah in eine mehr oder weniger realistische Erzählung einzukleiden. In Claudels Roman fällt manchmal das Wort „Märchen“. Und es gibt, denkt man an die der Brüder Grimm oder an die Wilhelm Hauffs, auch böse Märchen. „Brodecks Bericht“ ist so ein böses Märchen. Allerdings erinnert es daran, dass böse Märchen in der Geschichte öfters auch wahr geworden sind.

Brodeck heißt der Held des Romans, seine Frau Emélia, die gemeinsame Tochter Poupchette; der Wirt des „400-Seelen-Dorfs“ trägt den Namen Schloss, der Bürgermeister den Namen Orschwir. Vage sind also deutsch-französische Verhältnisse angedeutet, die aber durch die Ortsangaben nicht bestätigt werden. Und wer sind die großen Feinde, die das Land ins Unglück stürzen? Man nennt sie die „Fratergekeime“. Diese faschistische Bewegung hat in derselben Hauptstadt ihren Aufschwung genommen, in der Brodeck studiert hat. Und Brodeck weiß, was das Ziel der Fratergekeime ist: Weltherrschaft und die Ausrottung aller „Fremden“. Brodeck gilt letztlich auch als solch ein Fremder und wird in ein Konzentrationslager gesteckt. Ein höherer Offizier macht ihn zum „Hund Brodeck“, das heißt, Brodeck wird wie ein Hund neben zwei Doggen gehalten. Doch nur als Hund überlebt er. „Irgendwie werde ich immer Hund Brodeck bleiben, ein Wesen, das lieber im Staub liegt als beißt. Und vielleicht ist das besser so“, resümiert der Held.

Nach Kriegsende kehrt Brodeck in sein Dorf zurück. Die Bewohner sehnen den Alltag herbei, man will vergessen, was sich nicht leicht vergessen lässt. Und so kommt eines Tages der „Andere“ ins Dorf. Herausgeputzt wie ein nobler Stadtmensch nimmt er Quartier beim Dorfwirt Schloss. Freundlich, aber wortkarg beobachtet er die Dorfbewohner und lädt sie schließlich zu einer Art Vernissage ins Wirtshaus ein. Und die Bilder, die der Fremde von der Dorfumgebung und den Dorfbewohnern gemalt hat, zeigen eines: Sie alle sind schuldig, mitschuldig daran, dass es einmal möglich war, die „Fremden“ auszulöschen und eine Herrschaft des Gräuels, ja, des Bösen zu errichten. Kein Wunder, dass der Dorfrat beschließt, den Anderen zu liquidieren. Und Brodecks Aufgabe ist es nun, einen Bericht zu verfassen, in dem der Mord als notwendige Tat hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Ordnung beschrieben wird. Brodeck, der Hund, folgt, er folgt aber nicht ganz. Denn „Brodecks Bericht“ besteht aus zwei Schriftstücken: Das eine ist als Rechtfertigung für den Dorfrat bestimmt, das andere, viel längere Dokument, ist der literarische Bericht der Geschehnisse und Reflexionen, also Philippe Claudels Buch.

Wozu das Ganze?!, mag man sich fragen. Sachbücher und auch literarische Aufar-beitungen des Nazi-Gräuels und der Schoah gibt es doch zur Genüge. Doch Philippe Claudel schlägt einen neuen Weg ein. Er kleidet das Drama in die Form des Märchens, des bösen Märchens. Dabei ist Claudels Sprache eher nüchtern realistisch, doch wenn seine Personen, ob sie nun Brodeck, Schloss oder Orschwir heißen, sprechen, dann sprechen sie oft wie in Trance, wie im Traum. Sie sind keine Individuen, sondern stehen für bestimmte Menschentypen. Und jeder dieser Typen wäre fähig, im grausamen Spiel von Unterdrückung und Vernichtung seinen Platz einzunehmen.

Paul Claudels Buch ähnelt Brochs Roman „Die Verzauberung“, in dem der Autor eine kleine Dorfgemeinschaft mit einem radikal fremden Menschen konfrontiert, um so die Entstehung von Faschismen literarisch zu erklären – und dabei auch Mythologisches und Märchenhaftes ins Spiel bringt. Claudel verweigert sich der Erklärung und der exakten Deutung. Deswegen sind die faschistischen „Fratergekeime“ nicht bloß die Nazis, und die auszurottenden „Fremden“ kennzeichnen nicht einfach die Millionen Juden, die ermordet wurden. Auch die Dorfgemeinschaft könnte überall angesiedelt werden, daher auch in Lothringen. Alle stehen sie als Personal einer Märchenwelt zur Verfügung, in der es allerdings keinen guten Gott mehr gibt. Unschuld mag es bei Claudel noch geben, verkörpert durch Brodecks kleine Tochter Poupchette. Aber die Erlösung hat sich im Roman ins Unsichtbare zurückgezogen, ist etwas, das jenseits der Hoffnung steht.

Doch wer ist dieser „Andere“, der plötzlich im Dorf aufgetaucht ist, der durch seine Kleidung und sein Benehmen die Aufmerksamkeit auf sich zog und der letztlich der Dorfgemeinschaft durch seine Bilder den Spiegel vors Gesicht hielt? Brodeck schreibt an einer Stelle: „Das Lächeln des Anderen war nicht von dieser Welt, denn er selbst war nicht von dieser Welt. Er war nicht Teil unserer Geschichte, er gehörte zu keiner Geschichte, er war aus dem Nichts aufgetaucht, und heute, da keine Spur mehr von ihm geblieben ist, scheint es, als ob es ihn nie gegeben hätte.“ Im guten Märchen hätte der Andere die Rolle des Magiers übernommen, der das Böse besiegt. Im bösen Märchen Claudels ist er bloß derjenige, der das Böse offenbart. Doch sein gewaltsames Verschwinden ähnelt einem anderen.

Am Schluss des Romans verlässt Brodeck mit seiner Familie frühmorgens das Dorf, für immer. Auf einer Hochebene stehend blickt er hinunter ins noch schlafende Dorf. „Da unten war kein Dorf, es war nicht mehr da, mein Dorf war verschwunden und mit ihm alles andere. Es sah aus, als hätte sich die Landschaft und alles, was sich darin befand, hinter meinen Schritten in Luft aufgelöst.“ Alles hat sich ins Märchen zurückgezogen und liegt nun als das Verschwundene aufgehoben. Und wenn jemand sagte, man solle doch endlich die Vergangenheit ruhen lassen, die Schoah als rein geschichtliches Datum begreifen, wenn jemand dächte, Fremdenhass und Völkermord gingen ihn nichts an, dann wird das böse Märchen erzählt werden und ihn eines Besseren belehren. Genau das ist der Grund, weswegen man Paul Claudels Roman „Brodecks Bericht“ zur Hand nehmen und ihn lesen sollte. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2009)

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