Russell Stone, gerade 32 geworden, jedoch viel älter wirkend, „mit dem hundertprozentig zuverlässigen Nervenflattern, das sein ganzes Leben geprägt hat“, ist ein schüchtern-reservierter, verschroben-skrupulöser Einzelgänger, den der Una-Bomber immer faszinierte, der mit dem Versand von Briefbomben gegen die Technisierung unserer Gesellschaft ankämpfte. Stone besitzt weder Führerschein noch Kreditkarte oder Handy und lebt in einer Einzimmerwohnung, als er Aushilfslehrer für kreatives Schreiben am Mesquakie Collgege of Art in Chicago wird. Zuvor bestritt er seinen Lebensunterhalt ausschließlich als Lektor bei der von seinem früheren Schulfreund gegründeten Zeitschrift „Das wahre Selbst“, nachdem er mit zum Spaß verfassten Geschichten bei angesehenen Zeitschriften reüssiert hatte, seinen späteren ernsthaften literarischen Bemühungen aber jeglicher Erfolg versagt geblieben war: „Das Lektorieren war ebenso befriedigend wie das Anbringen von Dämmplatten. Er brachte die ungeschliffene Prosa fast auf Hochglanz, wurde ein Meister in der Kunst der vollendeten Langeweile, und er übte sein Handwerk zwei Jahre lang in der Hoffnung aus, ohne jeden Mucks unter der Erdkruste zu versinken.“
Dann lektoriert er den Beitrag einer Verwaltungssekretärin des Mesquakie College, „der beschrieb, wie sich Depressionen mit dem Füttern von Eichhörnchen bekämpfen ließen“. Die dankbare Frau macht ihn darauf aufmerksam, dass das Institut für kreatives Schreiben dringend und kurzfristig einen Dozenten suche. „Der für den Kurs ,Reise und Reisetagebuch‘ zuständige Memoirenschreiber hatte nach einer schlechten Erfahrung mit Stimmungsaufhellern urplötzlich unbezahlten Urlaub genommen.“
Das Vorstellungsgespräch „war Russell fast unheimlich; er hatte das Gefühl, einen Kreditgeber zu betrügen“. Obwohl er selber „das Tagebuchschreiben eingestellt“ hatte, „als er merkte, dass seine Lebensgeschichte nicht einmal für ihn selbst von Interesse war“, tritt er seinen Dienst an – gestützt auf das Lehrbuch eines Frederick P. Harmon, „Wie Ihr Schreiben zum Leben erwacht“, dessen Thesen, von Powers womöglich erfunden und jedenfalls mit Witz ins Romangeschehen montiert, seine Kursstunden durchziehen, in denen er, der mit schnell Hingeworfenem Erfolge feierte, nicht müde wird zu wiederholen: „Schreiben ist immer Überarbeiten.“
Russells abseitig-diskretes Dasein wirkt wie durch die Lehrtätigkeit erst ins 21. Jahrhundert katapultiert. Während seine Studentinnen und Studenten Tagebücher als tote Blogs betrachten, sagt er: „Ich möchte, dass Sie denken und fühlen, nicht, dass Sie sich verkaufen. Ihr Schreiben sollte eine intime Mahlzeit sein, keine Dinnershow.“ Fast alle seiner Studenten betreiben ausufernde Homepages, in denen sie intimste Details von sich öffentlich machen über „Gelüste, die sie bedient haben, Berühmtheiten, die sie gern töten oder ficken oder sein würden, wenn sie nicht sie selbst wären“. Blogs, Reality-Fernsehen, Chatrooms – „alles wird zur egomanischen Beichte“. Und so gewinnt auch Powers' ausgiebig betriebenes Spiel mit fiktiv und nicht fiktiv in Russells Schreibkurs zusätzliche Facetten.
Glücksroulette der Gene
Doch zum Hauptereignis seines neuen Lebens wird für Russell die Begegnung mit seiner Studentin Thassadit Amzwar, einer algerischstämmigen Berberin aus der Kabylei, die vor dem algerischen Bürgerkrieg geflohen und über Algier, Paris und Montreal nach Chicago gekommen ist. Die Muslimin schlägt mit ihrer intensiven Glücksausstrahlung alle Menschen augenblicklich in ihren Bann. „Das Geheimnis des Glücks schien auf einmal absurd einfach zu sein: Halte dich an jemanden, der schon glücklich ist.“
Richard Powers zeichnet die an schrecklichen Einzelheiten reiche Biografie Thassas nach, die ihr unbeschwert lebensfrohes Wesen, das auch Russells Kurs von Anfang an überstrahlt, noch unfassbarer erscheinen lässt. Powers erzählt viel über Algerien, die Kabylei – und je mehr Stone darüber erfährt, desto unbegreiflicher wird ihm Thassas psychische Verfassung. Er tippt schließlich auf eine Krankheit: Hyperthymie. Ganz wenige Menschen werden durch sie „die großen Gewinner im Glücksroulette der Gene“, sie schwelgen in einer nicht nachlassenden Hochstimmung, erfreuen sich einer dauerhaften Manie ohne Depression, einer Ekstase ohne die zyklische Verzweiflung. Dieses Verdachts wegen überwindet er seine Zurückhaltung und sucht die Uni-Psychologin Candace Weld auf, die seiner früheren Freundin Grace Cozma so stark ähnelt, „dass Russell Herzjagen bekommt“, schließlich verbarrikadierte sich der komplizierte Charakter seit Jahren selbst gegen die Erinnerung an diese Frau, in deren erstem Roman er als Figur einen Auftritt hatte. Candace denkt sich bei Russels Anblick: „Dieser Mann hat kürzlich die schockierende Entdeckung gemacht, dass er doch noch eine Zukunft hat.“
Es braucht einige Zeit, ist aber nicht zu verhindern, dass Russell und die Alleinerzieherin Candace zusammenkommen – gewissermaßen mit Thassa in ihrer Mitte.
Zuvor tritt der charismatische Wissenschaftler und Biotech-Firmen-Eigentümer Thomas Kurton auf den Plan, der bereits mit 28 Jahren den ersten Durchbruch erzielte: „Im Rahmen der Forschungsarbeit zu seiner Promotion half er bei der Erzeugung transgener Kühe, deren Milch biomedizinisch relevante Proteine enthielt.“ Der als wahrer Supermann Gezeichnete „hat sieben Firmen gegründet und berät 15 weitere. Er ist Mitherausgeber von sieben wissenschaftlichen Zeitschriften und bekleidet Ämter an drei Universitäten. Er ist aktiver Triathlet und züchtet wettbewerbsreife Zebrafinken. In seiner Freizeit verfasst er mitreißende Texte über das nahe transhumane Zeitalter.“
Richard Powers, einmal mehr detailversessen, konfrontiert seine Leserinnen und Leser mit einer überbordenden Fülle fachspezifischer Kenntnisse aus dem Bereich der Genetik und Biotechnologie, ohne dass er allerdings dahinter das System des von den Erwartungen der Risikokapitalanleger getriebenen kommerzialisierten Forschungswesens zum Verschwinden bringen würde, ganz im Gegenteil, es tritt in unübersehbarer Deutlichkeit zutage.
Im Windschatten Kurtons befindet sich Tonia Schiff, „Amerikas frechste Wissenschaftsjournalistin“, die im Fernsehen die Sendung „Neue Horizonte“ betreut und damit schon vier Jahre überlebt hat, „im Kampf um die Augäpfel“, der genauso „gnadenlos ist wie jeder andere Kampf in der Natur“, und die im Roman der Hauptanknüpfungspunkt für die von Powers sehr eingehend kritisch beleuchtete Macht des Fernsehens darstellt, für das „die Realität ein Nebenrecht ist, das sich zu hundert Prozent im Besitz der Programmgestaltung befindet“.
Während Tonia sich später so weit läutert, dass sie für eine selbst produzierte gründliche Dokumentation sogar ihre Erfolgssendung sausen lässt, verkörpert die landesweit ausgestrahlte „Oona Show“, bei der unsereins an Oprah Winfrey denken mag, die Hemmungslosigkeit des Mediums. Köstlich beschreibt Richard Powers deren inszenatorisches Inferno, als Russell und Candace der Aufzeichnung von Thassas Auftritt in diesem gottesdienstähnlichen medialen Großereignis beiwohnen. „Das Publikum sitzt in einem finsteren Verlies. Mitten in dem von LED-Leuchten gesprenkelten Dunkel befindet sich ein gemütliches Wohnzimmer, das aussieht, als hätte man es aus einem Haus im Missionsstil gerissen: eine Blumenschau in einem Flugzeughangar . . .“
Es ist nämlich klar, dass Thassas außergewöhnliches Wesen, ausgelöst durch einen kurzen Bericht in einem kleinen Stadtsender, insgesamt drei Monate für öffentliche Aufregung sorgen und auch der Genetiker Kurton auf sie aufmerksam werden wird. Was verspräche eher, einerseits die Investoren besser zu befriedigen und andererseits der Weltbevölkerung endlich ein angenehmes Leben in Aussicht zu stellen, als ein Medikament, das sozusagen Thassas „Glücks-Gen“ jedem Konsumenten zugänglich machte!
Ausführlich lässt Powers die unterschiedlichen Standpunkte zur Gentechnik zu Wort kommen: „Und sobald man zukünftigen Eltern sagt: ,Wir geben Ihrem Kind alle erwünschten Eigenschaften und beseitigen die unerwünschten‘, macht man ein FastFood-Franchise aus der Menschheit.“ Kurton bezieht die „Berberin“ in eine Testserie ein, die er öffentlichkeitswirksam zu präsentieren versteht. Nachdem Thassa in der „Oona-Show“ aufgetreten ist, wird sie gnadenlos vom medialen Moloch verschlungen und erlebt den Höhenflug einer gigantischen Zuneigung durch die Menschen und später, als sie die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen kann und mag, den Absturz, der bis zu öffentlichen Mordaufrufen im Internet führt.
Der führerscheinlose Russell chauffiert sie schließlich im Mietwagen an die kanadische Grenze, damit sie sich bei ihren Verwandten in Sicherheit bringen kann.
Unfähig, „ich“ zu sagen
Richard Powers wählte für seinen neuen, wegen der thematischen Bandbreite und der fachspezifischen Tiefe, die er darin auslotet, ohnehin schon sehr anspruchsvollen Roman eine anfangs etwas gewöhnungsbedürftige, weil zur Schwerfälligkeit neigende Konstruktion, bei der sich immer wieder sozusagen aus dem Off ein Erzähler kommentierend einschaltet: „Eigentlich müsste ich Mitleid mit dem Mann haben“, merkt er etwa zu Russell einmal an oder: „Stone kommt mir vor wie jemand, der gar nicht weiß, woran er Freude haben könnte.“
Zudem entsteht im Verlauf des Romans der Eindruck, Russell Stone selbst sei auch der Erzähler dieses Romans, bloß vermöge er in einer Zeit monströser medialer Selbstentblößung nicht, „ich“ zu sagen; zur Behebung der daraus resultierenden Schreibblockade wird ihm nämlich einmal geraten, sich doch einen Erzähler zu suchen. Andererseits ist der Erzähler dieses Romans auch auf der Suche nach seinen Figuren. Alles in allem natürlich eine reichlich komplizierte Anlage für ohnehin schwierige Themen.
Dennoch: Richard Powers erweist sich erneut als außerordentlich scharfsinniger, den Zustand der Gesellschaft schonungslos sezierender Schriftsteller, der eine verschwenderische Fülle intelligenter, gelegentlich fast bis zur Sentenz verdichteter Detailideen in seine Erzählung einstreut: „Er kann niemanden retten, denn die Welt geht in zu vielen Eimern pro Sekunde den Bach hinunter.“
Jeder Zweifel ausgeschlossen: Der 1957 geborene, heute in Urbana, Illinois, lebende Richard Powers zählt zu den wachsten Gegenwartsautoren – frei von trügerischen Illusionen betreibt er eine mit satirischer Schärfe unterfütterte, luzide Gegenwartsanalyse, indem er sich dem Hier und Heute zuwendet, um uns geradezu ein literarisches Röntgenbild der neuralgischsten Phänomene unserer Zeit zu liefern. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2009)















