Im wässrigen Horizont

Poetisch, politisch und ein differenziertes Bild vom Schwarzen Meer: über die Anthologie „Odessa Transfer“.

Es ist schon einige Zeit her, da gehörte das Schwarze Meer geschichtlich ganz eng zu Europa, bespülte seine östlichen Küstenländer, bildete die natürliche, im wässrigen Horizont gelegene Grenze zu Asien und trieb sein zwitterhaftes Wesen zwischen „Zivilisation“ und „Barbarentum“. Über einen langen Zeitraum hinweg schien es ruhig an diesen Gestaden, ein stillgelegter Blick vom europäischen Kernland her. Der Kalte Krieg machte diesen Raum zum toten Raum, während das Leben an den Ufern des Schwarzen Meeres weiterging und sich nur dann meldete, wenn Katastrophen (wie etwa der Tschetschenienkrieg) sich zu Wellenbergen aufgetürmt hatten, deren Fluten nicht länger zu übersehen waren. Mit der Eingliederung Rumäniens und Bulgariens in die Europäische Union bildet das Schwarze Meer nun politisch korrekt wieder den östlichen Meeresflügel Europas, gleichsam seinen linken Arm, und öffnet seine ruhelosen, poetisch begabten Räume einer gemeinsamen Zukunft.

Das ist drin:

  • 0 Minuten
  • 0 Wörter

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2009)

Meistgelesen