Dieses Buch, so viel sei gleich vorweg gesagt, ist ein großartiger Roman. Und das nicht zuletzt aus einem besonderen Grund: Seine Helden sind Kinder, und Kinder sind schwierige Protagonisten. Das gilt für die Bühne, für den Film und auch für die Literatur, vorausgesetzt, das Publikum ist erwachsen. Kinder sind in aller Regel eher Beispiele für Mädchen oder Buben eines bestimmten Alters, als dass sie Individuen wären, die eine Geschichte haben, die sich entwickeln, die Dinge tun, die Konsequenzen haben. Kinder sind geschichts-, wenn nicht gar schicksallos, sie leben ihr Leben aus dem Augenblick, ihr Tun und Treiben ist, außer wenn sie Pech haben, folgenlos.
Das sind Verallgemeinerungen, gewiss, und doch gilt, ungeachtet der wenigen Gegenbeispiele, die die Literatur kennt: Kinder sind als Romanfiguren nicht interessant. Wie also so von ihnen erzählen, dass es nicht langweilt, dass Erwachsene es gern lesen, und nicht zuletzt, wie so von ihnen erzählen, dass Kinder Kinder bleiben, ohne altklug oder kindisch zu sein?
Für Georg Klein lag die Lösung erkennbar auf der Hand. Die Notwendigkeit, seine Kinderhelden als Akteure ernst zu nehmen, ergab sich wie von selbst durch Erinnerung, durch offenkundig autobiografischen Bezug. Die kleine Kinderrepublik, die hier
irgendwo im Ruhrgebiet in einer (damals) neuen Wohnblocksiedlung gerade ihre Sommerferien beginnt, hat doch sehr eigenwillige Mitglieder, und manches davon deuten schon die Namen an, die sie hier tragen, etwa die Witzigen Zwillinge und der Ältere Bruder, der Wolfskopf und die Schicke Sybille und der Ami-Michi, dessen Name die Zeit verrät, in der wir uns hier befinden und die dieser Romanwelt ihr Flair gibt: Wir sind mitten im Nachkrieg, in einer Zeit also, in der noch mit Briketts geheizt wurde und Telefon oder gar Fernsehen für jeden noch lange keine Selbstverständlichkeit waren, und einer Zeit, in der schwarze Besatzungssoldaten ebenso zum Straßenbild gehörten wie Männer mit Beinprothesen, Gesichtsverstümmelungen oder anderen schweren Kriegsverletzungsfolgen.
Die Verletzung, mit der die Geschichte beginnt – „Es blutet und blutet“, lautet der erste Satz –, trifft allerdings eines der Kinder, den Älteren Bruder, und das gleich am ersten Ferientag. Er ist mit dem Fahrrad gestürzt und hat sich mit den rostigen Speichen die Ferse tief verletzt, oder, wie es hier heißt, sie haben ihn „gründlich aufgefleischt“. Das bedeutet erst einmal Gips und Schwerbeweglichkeit, wofür die Kinder allerdings mit dem alten Kinderwagen der Zwillinge als Invalidengefährt eine patente Lösung finden. So können sie bei ihrem Auskundschaften immer zusammenbleiben, so, wie sie es wollen. Ohne den Älteren Bruder mit dem scharfen Blick und dem fast schon ein wenig erwachsenen Durchblick, ohne diesen ihren Anführer wären sie nicht hinter die seltsamen und auch grässlichen Dinge gekommen, die sie da in ihrer allernächsten Umgebung entdecken müssen.
Die geraten natürlich durch die Erwachsenen in den Roman, die Eltern und die, mit denen es die Mütter und Väter so oder so zu tun haben. Auch sie verletzen sich, allerdings beim Glücksspiel, die Frauen betrügen die Männer mit anderen Männern, die Männer die Frauen mit dänischen Zeitschriften, die Alten kriegen ihren Krebs, und die, die man damals Kriegsteilnehmer nannte, begleichen alte Rechnungen und kommen dabei auch nicht gut davon.
Das Düstere der Kinderspiele
Georg Klein erzählt von all dem tageweise und fügt dabei, Zopfschlinge für Zopfschlinge, die einzelnen Stränge – was ist mit diesem Kind, was tut sich in jener Familie, jenem Haus, was in der Umgebung, was in der nahen Stadt? – mit stupender Souveränität zusammen. Und er macht das so, dass durch die erzählerische Spannung und das allmähliche Lüften des Verborgenen und der Geheimnisse dann doch das Älter- und also Erwachsenwerden der Kinder als aus Verletzungen, aus Schmerz und Heimlichkeiten hervorgehend gezeigt wird. Wie da die Kinderneugier in die Kinderspiele das Unberechenbare, das Düstere, ja die Todesnähe eindringen lässt, das hat zwar auch Schauerqualitäten, verrät aber vor allem die Klugheit des Autors, der weiß, was geschieht, wenn Kinder – unfreiwillig, aber zwangsläufig – mit kleinen Rucken und Plötzlichkeiten dem Leben ausgeliefert werden.
Als die Kinder hinter ihrer Siedlung eine aufgelassene Brauerei entdecken mit unterirdischen Gängen, Gittern und verschlossenen Türen, und als sich herausstellt, dass auch die Kriegsversehrten, die einst gemeinsam als Tiger-Panzer-Besatzung Opfer einer Granate geworden sind und sich hier wiedergefunden haben – ein taubstummer Vogelzüchter ist noch dazugestoßen –, da versteht es Klein glänzend, die Erich-Kästner-hafte Abenteuerfantasie der Kinder mit Koeppen'schem Nachkriegsrealismus zu mischen und damit höchst eindringlich zu machen. Längst sind einem da die Kinder selbst so ans Herz gewachsen, dass einem bange um sie wird, und spätestens, als die Kleinste und Frechste unter ihnen auf einmal abhandenkommt und sich ihre winzigen Lackschühchen einzeln verloren finden, da hat der Autor seinen Leser fest im Griff.
Gern überlässt man sich der überlegenen Regie, die hier immer zu spüren ist und die für die Spannung sorgt. Das ganz und gar Lebendige dieser Geschichte ist allerdings ihrer Sprache zu verdanken, und die ist nicht einfach nur sinnlich, wie wir so etwas häufig nennen, sie ist vielmehr hellhörig, messerscharf, riechend, ja geradezu schnüffelnd, farbengenau, wetterfühlig und sommerluftig zugleich. Sie kennt die Ausdrücke jener Zeit ebenso gut wie unsere heutigen Erwartungen und übersieht so nichts, wenn es etwa heißt: „Etwas ist endgültig aus dem Zaumzeug der Zeit gerutscht und auf dem Weg zurückgeblieben.“ Sie kann das vorausliegende Unheil ebenso wittern, wie sie sich bei Sandkistensandqualitäten auskennt. So versteht es Klein, eine verlorene Zeit, unglamourös und nur dazu da, hinter sich gelassen zu werden, wieder aufzuwecken, als wär's die Kindheit selbst und als wär die, und nicht die Heimat, das, wo noch niemand war.
„Roman unserer Kindheit“ nennt Georg Klein sein Buch lakonisch und verbindet damit das Nichtindividuelle, für alle Geltende mit dem spezifisch Autobiografischen der eigenen Kindheit. So wird das jedermann Wiedererkennbare mit dem Fremden, Ferngerückten in eins gesetzt. Es ist ihm so gelungen, den drei Großmächten des Romans, der Liebe, dem Geld und dem Tod, das Thema Kindheit doch einmal noch so an die Seite zu stellen, wie wir es vielleicht seit Henry James' „Turn of the Screw“ nicht mehr gelesen haben: als jene Epoche unseres Lebens, in der die Ahnungslosigkeit als Rettung und als Verderben zugleich Erfahrung wird. ■