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Satzblitz, ferner Donner, Hörfund

27.08.2010 | 18:38 | Von Evelyne Polt-Heinzl (Die Presse)

Abgründe: leicht zu überlesen. Verblüffung: erst im zweiten Anlauf. „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“: Peter Handkes Notate beim Aufwachen.

Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“, das ergibt bei Peter Handke ein rundes Buch, und man ist froh darüber, dass er die Traumfantasie vom „Werkfasten“ nicht in die Tat umgesetzt hat. Es sind kurze Notate von meist zwei bis drei Zeilen, selten länger, die hier locker in Dreiergruppen über die Seiten angeordnet sind. Sie verarbeiten Tages- und Denkreste, tragen aufgeschnappte Alltagsdialoge zusammen, stellen sie mitunter auf den Kopf, lassen eigenwillige Verknotungen entstehen, wie das in der Traumarbeit zu geschehen pflegt. Und wie dort kann sich aus der Verschiebung und Überblendung etwas ganz Neues ergeben – oder auch einfach dadurch, dass eine durchaus „normale“Rede und Gegenrede herausgehoben, auf ein Zitatpodest gestellt wird: „Wie finde ich dich?“ – „Ich habe einen Schlüssel“.

Viele der Geschichten muss man sich lesend selbst zu Ende erzählen: „Sie wäre die einzige gewesen, bei der man verstanden hätte, dass... “ Häufig bleiben sie gedanklich im Offenen und erschließen sich nicht im schnellen Lesen. „Er kommt vom Unkrautausreißen auf dem Schneeberg“, heißt ein Eintrag, und die Pointe der Geschichte, dass es eben kein Unkraut gibt, sondern stets der Gärtner bestimmt, was ein Unkraut sei und was nicht, muss man selbst hinzufügen, oder man kann den Satz zusammen lesen mit einem früheren Fundstück: „Eine Gegend ohne Produkte – wie kann man die lieb haben?“

Anders als in Handkes Journalbänden werden hier nicht Wörter, Blickweisen,Sprachbilder oder poetologische Fragen erprobt und ausgearbeitet, hier ist Handke freier und zugleich gebundener: an Erlebnisse und Eindrücke, an Gesehenes und Gehörtes. Und das kann auch ein typisches Gepolter und Gezänk sein, wie es im öffentlichen Raum allerorten zu hören ist. Daneben stehen Hörfunde, die aus Kindermund zu stammen scheinen, der den Erwachsenen einen Zerrspiegel vorhält, etwa mit ei- nem „Keppelt ihr immer so?“. In einen Beipacktext verpackt findet sich die Essenz dieser Einträge – und auch der „Kindergeschichte“ aus dem Jahr 1981: „... enthält zwischen 20 und 70 Prozent Infantizide“, gleichsam als mögliche Medikamentierung für verstockte Erwachsenenherzen.

Bezüge zu bekannten Themen Handkes kann man in vielen der Einträge finden oder herauslesen, „Bitte, ein Taxi zur Bergstation!“etwa als Volte des Fußwanderers Handke aufzeitgeistige Gipfelstürmer – oder „Ich habe heute acht Optionen offen“ als Kommentar zur mentalen Unrast, gegen die Handke seit Jahrzehnten anschreibt. Seine Leidenschaft für das Pilzesammeln wird in der Traumwelt zur Rechenbuchaufgabe vermengt mit einer tagespolitischen Anspielung: „EinRucksack voll Pfifferlingen von der Saualpe, das ergibt wieviel Rowohlt-Taschenbücher am Hauptplatz von Völkermarkt?“ Sprichwörter können hier ebenso mutieren – „Ich und Gras, wie leicht ist das“ – wie Märchenbilder: „Eingesperrt in einen Teufel aus Glas war ich“. Manchmal ist der eingebaute Abgrund leicht zu überlesen: „Es wird Nacht werden beim Gehen.“ – „Kein Wunder, das ist ja ein Trauma“.

Manche der Protokollstücke lösen Verblüffung erst im zweiten Anlauf aus: „Das war ein schönes Tor. Aber wozu?“ Oder: „Merkwürdig, dass die besten Schwimmer immer die sind, die das am meisten brauchen“. Kränkungen über Kritikerschelten spuken ebenso durch Handkes nächtiges Erleben wie Bilder für sein poetisches Programm, so in Form einer versäumten Abzweigung in das „County der Neu-Anlauf-Nehmer“, oder das Bekenntnis zum realen wie metaphorischen Stolpern, das Handkes Werk mit einer dichten Spur durchzieht: „Wie oft bin ich ausgerutscht im Leben – und erst im Traum“. Hier sind die Folgen freilich harmloser: „Als nach langem Warten klar wurde, dass kein Ersatzbus mehr kommen würde, beschloss er aufzuwachen“.

Bisweilen haben Kenner von Handkes Werk Wettbewerbsvorteile und können sich aus den Satzblitzen längere Geschichten erzählen. „Den Mantel nicht in die Fichte hängen! Sie bricht!“, heißt es einmal. In Handkes 1994 erschienenem Epos „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ mit dem Untertitel „Ein Märchen aus den neuen Zeiten“ rechnet Gregor Keuschnig mit der Ankunft eines Fabelwesens. Gleich nachdem er sich im neuen Haus eingerichtet hat, schneidet er den Wipfel der Fichte ab, um der Epiphanie des Fabelwesens einen Landeplatz zu schaffen. Die Chronik der Niemandsbucht als Schwellenort unserer Zeit enthält zumindest die Potenzialität, dass ein neues Märchen daraus werden kann, auch wenn das Fabelwesen in dieser Konkretion dann aus- und der Landeplatz leer bleibt. Die Fichte aber scheint an Stabilität verloren zu haben, und sie steht nach wie vor in der Niemandsbucht der Pariser Peripherie; die Peripherie aber zählt in einem der Nachtsätze zu den drei „größten Erfindungen der Menschheit“. Hier springt Gott „in Plastikfetzen zwischen den Autos über die Straße“; trotzdem: „Der Papst weiß sicher, dass er verdammt ist“. „Ein Buch ist mir erschienen“, heißt es einmal, und diesen Traum glaubt man keinem so freimütig wie Peter Handke; für uns Leser aber ist zumindest „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ erschienen. ■


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