Das Angebot an Büchern zur Krise ist groß. Es wird steigen. Die Erklärungen sind recht ähnlich. Die Lockerung der Regeln für Banken, die Entwicklung neuer Finanzierungsinstrumente, die Geldpolitik der USA sowie Gier und Wahnsinn der handelnden Akteure werden als Ursachen der Krise geboten. Staatliche Rettungsmaßnahmen werden meist als notwendig, wenn auch schlecht konzipiert präsentiert. Manche der Autoren können wegen der Prominenz ihres Namens ihre Bücher leicht absetzen. Das gilt etwa für Nobelpreisträger. Für andere ist es schwieriger, Käufer und Leser zu finden.
Nouriel Roubini, Professor an einer prominenten Business School und Chef eines Beratungsunternehmens, wird von seinem Verlag als der Einzige gepriesen, der die Finanzkrise kommen gesehen habe. Das ist falsch – und im Übrigen ist die Tatsache, die Krise vorausgesagt zu haben, kein Nachweis einer Qualifikation. Wenn man täglich für den nächsten Tag Regen voraussagt, hat man oft recht. Aber ist man deshalb Meteorologe? Das war ja eines der zentralen Probleme: Für jede Entwicklung auf den Märkten gab es jemanden, der sie vorhergesehen hatte. Madoff konnte 20 Jahre glaubhaft machen, er könne die Entwicklung der Kurse voraussehen. Er war nicht nur Finanzjongleur, für manche seiner Klienten war er ein Guru.
Der Verlag versucht, den Hauptautor des Buches als Guru anzupreisen. Er tut ihm damit Unrecht. Roubini erklärt Zusammenhänge und verlangt keinen Glauben. Er behauptet nicht, alle Probleme wären gelöst, wenn man seine Ratschläge befolgte. Es ist nicht das Buch eines Besserwissers.
Von Vertrauen und Vermögen
Die Perspektive des Buches ist, dass die kapitalistische Wirtschaft immer von Finanzkrisen betroffen war. Solange Münzen aus Gold und Silber die wichtigsten Zahlungsmittel waren, griffen Fürsten zu einer Politik der Münzverschlechterung, wenn sie ihre Einnahmen erhöhen wollten. Die damit verbundenen Inflationen waren Folgen staatlicher Budgetprobleme. Es wäre nicht überraschend, wenn ähnliche Lösungsversuche jetzt angestrebt würden.
Mit der Entwicklung des Papiergeldes und des Bankensystems seit dem 18. Jahrhundert waren nicht nur staatliche Budgetprobleme Ursache von Schwierigkeiten des Geldsystems. Das Risiko ist immer vorhanden. Von Zeit zu Zeit wird es schlagend. Meist betraf es nur einige Ökonomien. Manchmal aber, so auch jetzt, die Wirtschaft eines großen Teils der Welt. Das letzte Mal war das 1929 der Fall. Die hartnäckige Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre wurde dadurch ausgelöst. Im Grunde geht es immer um dasselbe Problem: Das System der Finanzierungen lebt vom Vertrauen in zukünftige Vermögenswerte, hat aber Mechanismen entwickelt, wodurch die Höhe der zukünftigen Vermögenswerte systematisch falsch eingeschätzt wird. Der rechnerische Reichtum und der wirkliche Reichtum sind dann unterschiedliche Größen. Entscheidungen von Investoren und Banken beruhen oft auf den rechnerischen Größen. Teils ist das Folge einer Kurzsichtigkeit der handelnden Personen oder spezifischer Strategien, teils eine Konsequenz aus Regeln, etwa von Bestimmungen zur Erstellung einer Bilanz. Alle früheren Finanzkrisen und auch die gegenwärtige haben auf diesem Mechanismus beruht.
Roubini führt in drei Kapiteln die Faktoren an, die zur Vergrößerung dieser Risken und zum Ausbruch der Krise beigetragen haben. Das waren Innovationen im Finanzbereich und der Abbau von staatlichen Regulierungen. Dabei kann nicht zwischen Ursache und Wirkung unterschieden werden. Ohne Deregulierung wären manche der Techniken nicht entwickelt worden. Ohne neue technische Möglichkeiten wäre der Druck auf Deregulierung nicht so stark gewesen. Diese Entwicklung hat zwei Wirkungen gehabt. Sie hat reale Investitionen erleichtert. Das ist kein Nachteil. Es ist ja nicht schlecht, wenn auch ärmere Haushalte zu einem Haus kommen. Es hat aber auch die Risken drastisch erhöht, weil Banken mit wenig Eigenkapital große Summen bewegen konnten – die Finanzhebel. Das Eigenkapital war zu klein, um Ausfälle absorbieren zu können.
Die Geldpolitik der USA hat zu dieser Entwicklung beigetragen. In dem prinzipiell sinnvollen Bemühen, das reale Wirtschaftswachstum zu erhöhen, hat sie die Zinssätze längere Zeit niedrig gehalten. Die Banken konnten die nötigen Mittel für die Expansion ihrer Kredite auftreiben. Für Investoren war es leicht, Geld für Spekulationen bei den Banken zu erhalten. Zwar wurde die Zentralbank der USA schon längere Zeit von manchen Ökonomen für ihre Politik mit dem Hinweis auf weit überzogene Preissteigerungen der Finanzwerte kritisiert. Sie hat diese Kritiken mit dem Argument abgewehrt, niemand könne es besser wissen als die auf den Märkten handelnden Personen selbst – die Hypothese von den effizienten Finanzmärkten. Heute weiß man es besser.
Das Buch ist nicht besonders originell. Das meiste findet man auch in anderen Büchern zur Krise. Der große Vorteil dieses Buches: Es erklärt besser. So wird etwa der Mechanismus der Ausweitung der Kreditvergabe systematisch dargelegt, nämlich wodurch die Banken Mittel für neue Kredite erhalten, weil sie Kredite vergeben haben. Es werden nicht Schuldige als Äußerung des ewig Bösen vorgeführt. Die handelnden Personen werden auch nicht als Dummköpfe geschildert, die das doch so einfach zu Verstehende noch nicht begriffen hätten.
In einigen Kapiteln werden Maßnahmen diskutiert, die jetzt zu treffen sind, und Reformen für die Zukunft. Reformen kreisen immer um dasselbe Problem: Die großen Banken kann man nicht in Konkurs gehen lassen. Die nur mit Mühe abgewendete Katastrophe nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hat die meisten von der Notwendigkeit von Rettungen überzeugt. Der Nachteil: Die Akteure wissen, dass sie gerettet werden. Sie haben daher Anreize, zu große Risken zu akzeptieren. Sie gewinnen viel, wenn es gut ausgeht. Andernfalls verlieren sie nur wenig. Reformen müssen diesen Anreiz reduzieren, ohne dass die Vorteile liquider Märkte verloren gehen.
Roubini schlägt vor, dass die Banken kleiner werden und jeweils spezifische Aufgaben übernehmen. Insbesondere soll das Geschäft der Entgegennahme von Einlagen und der Vergabe von kleineren Krediten, das Detailbankgeschäft, getrennt werden von dem viel riskanteren Geschäft der Investmentbanken. Mit diesem Vorschlag ist Roubini nicht allein. Der Vorteil: Über Detailbanken wird der größte Teil des Zahlungsverkehrs abgewickelt. Der ganze Wirtschaftskreislauf bricht zusammen, wenn diese Banken auch nur mehrere Tage nicht funktionieren. Detailbanken gehören zur Daseinsvorsorge einer Ökonomie – wie die Stromversorgung oder der Straßenverkehr. Aber es gilt auch: Das Detailgeschäft ist viel sicherer als das Geschäft der Investmentbanken. Wenn man diese beiden Geschäftszweige trennt, haben die Detailbanken keine großen Risken. Die bleiben den Investmentbanken. In Fachartikeln spricht man von Casino-Banken. Auch sie haben wichtige Funktionen in der Wirtschaft, aber sie benötigen nicht die starken staatlichen Sicherheiten, die das Detailgeschäft verlangt. Sie haben wenige Funktionen im Zahlungsverkehr, und sie verwalten nicht unmittelbar die kleinen Vermögen. Ein Konkurs einer dieser Banken würde nicht so katastrophale Wirkungen haben wie jener der Lehman Brothers. Geringere Staatsgarantien würden das Verhalten der leitenden Akteure ändern, insbesondere wenn es gelingt, deren Einkommen von der langfristigen Entwicklung der Geschäftserfolge abhängig zu machen.
Abgesehen davon, dass der Vollzug solcher Regeln, insbesondere die laufende Kontrolle der Trennung der Geschäftsfelder, nicht einfach wäre, gibt es auch weitere Nachteile. Investmentbanking ist profitabler. Wenn man dieses Geschäftsfeld den Detailbanken nimmt, dann wird deren Geschäft teurer. Es gilt aber: Nebenwirkungen sind zu beachten; die entsprechende Behandlung kann dennoch sinnvoll sein.
Roubinis Ideen sind ernst zu nehmen und deren Präsentation ist gut zu lesen. Etwas mehr im Stil von Lehrbüchern wäre günstig gewesen. Nicht alles ist leicht zu verstehen.
Ganz anders das Buch von Andrew Sorkin. Es ist eine Geschichte des Zusammenbruchs der Lehman Brothers zwischen dem 18. März 2008, als es um fünf Uhr in der Früh in Connecticut noch finster und kühl war, und dem 13. Oktober desselben Jahres, als Finanzminister Paulson in einer kurzfristig einberufenen Sitzung den versammelten Chefs der verbliebenen Großbanken erklärte, die Regierung werde 700 Milliarden Dollar in das Finanzsystem stecken. Sie waren nicht erfreut. Schließlich gehörte es zum Selbstverständnis dieses Kreises, gegen staatliche Stützungen zu sein. Aber genommen haben sie. Wie hätte man anders die Lücken in den Bilanzen schließen können?
Zwischen diesen beiden Daten lagen viele Telefonate, Treffen und Besprechungen. Sorkin hat mehr als 200 der dabei involvierten Personen insgesamt 500 Stunden lang über diese Aktivitäten interviewt. Das Ergebnis ist dieses Buch. Es berichtet, wie diese Leute gekämpft haben, um ihre Bank oder das System zu retten.
Schwitzen mit Blackberry
Im Vorwort werden viele Informationen versprochen. Die werden geboten. Man würde viele der Fakten gar nicht glauben, wenn sie hier nicht zu lesen wären: Die Sonne geht auf und unter. Im Winter ist es kalt, im Sommer heiß – alles findet auf der Nordhalbkugel statt. Die Leute gehen durch Türen zu den Besprechungen und kommen danach wieder heraus. Sie schwitzen manchmal vor Nervosität und benützen ihre Blackberrys. Sie machen Pausen und gelegentlich eine nicht ernst gemeinte Bemerkung.
Jedes der Kapitel zerfällt in kurze Abschnitte von weniger als zehn Seiten. Gespräche oder auch Selbstgespräche werden wiedergegeben, meist in direkter Rede. Man liest auch, wie die Akteure sich gefühlt haben. Mit Bildern versehen in einer Illustrierten abgedruckt, würde man das gern lesen, während man im Warteraum eines Arztes sitzt. Als Buch über 600 Seiten ist es wenig ergiebig.
Vielleicht war alles ganz anders gemeint. Vielleicht hat Andrew Sorkin einen Kurs zum Schreiben von Drehbüchern absolviert und präsentiert hier seine Abschlussarbeit. Im Einleitungssatz des Vorworts schreibt jedenfalls der Wirtschaftsjournalist Gabor Steingart, dass Oliver Stone gut beraten gewesen wäre, das Buch von Sorkin für seinen Film „Wall Street 2“ zu verwenden. Vielleicht hat er recht. Um etwas über die Krise zu erfahren, ist es nicht geeignet. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2010)















