Hazel Rosenstrauch formuliert bisweilen etwas schnoddrig, so dass man glauben möchte, sie sei nicht in einem Floridsdorfer Gemeindebau, sondern im Hinterhof einer Berliner Mietskaserne aufgewachsen und habe ihr österreichpatriotisches Elternhaus preußisch verlinken wollen. In ihrer Abhandlung über das „Wiener Tagebuch“ ging sie entsprechend forsch ans Werk, und die damals noch lebenden Mitarbeiter der linken Monatsschrift waren nicht erbaut darüber, als Museumsstücke „einer untergehenden Kultur“ (der kommunistischen nämlich) punziert und ausgestellt zu werden. Aber meistens erweist sich, was diesem Buch anzukreiden war, als Vorzug: der scharfe, von Sentimentalität ungetrübte Blick; die Fähigkeit, scheinbar unverbundene Dinge in ihren Zusammenhängen wahrzunehmen; die klare, unpräsentiöse Ausdrucksweise. Rosenstrauch ist selbstbewusst, aber frei von Eitelkeit. Was ihr missfällt, bringt sie unverbrämt zur Sprache. Es ist schade, dass sie sich in Österreich rar macht. Aber ihre Aufsatzsammlung „Juden Narren Deutsche“ trifft auch hierzulande verbreitete Betroffenheitsrituale.
„Die Beschäftigung mit den Juden ist zu einer Mode geworden“, schreibt Rosenstrauch, „sie schadet nicht mehr, beißt niemanden und nützt im Glücksfall der Karriere.“ An diesem Sachverhalt stört sie nicht so sehr, dass Opportunisten ihn sich zugute machen, sondern die fortdauernde Instrumentalisierung von Juden (einschließlich der „unjüdischen“, zu denen sich die Autorin zählt): „Schön wäre es, ich könnte die Entscheidung darüber, wer ich bin, selbst treffen.“ Dieser Stoßseufzer findet sich an einer Stelle, an der sie über eine verflossene Liebe nachdenkt. Der Mann hatte sie vor 30 Jahren gebraucht, oder geliebt, weil sie ein Gegenmodell zum christlich-alteingesessenen Milieu verkörpert hatte, in dem er aufgewachsen war. Er hatte sich von ihr getrennt, als ihm ein Aufbruch in eine neue, selbstbestimmte Existenz zu riskant erschienen war.“
Das Wort Identität, erinnert Rosenstrauch, leitet sich von dem Ausweis her, der die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und einem Ort dokumentiert. „Seine wäre deutsch und meine wäre nach den Maßstäben des heutigen Diskurses jüdisch. Die Brücke bestünde aus Mahnmalen, leeren Synagogen, Pilgerfahrten und, eng damit zusammenhängend, Trotz bei Deutschen, die endlich wieder stolz und selbstbewusst sein wollen. Es wäre nicht nur unsere Liebe gescheitert, wie Tausende Lieben scheitern, sondern auch der Versuch, neue Identitäten jenseits der national-religiös-rassischen Zugehörigkeiten zu kreieren. Und deshalb mag ich diese Identitätsdiskurse nicht.“
Auch die Auswüchse der „Erinnerungskultur“ können ihr gestohlen bleiben. In Berlin-Schöneberg, wo sie zu Hause ist, hängen 80 Schilder herum, die auf die schrittweise Entrechtung der jüdischen Bevölkerung aufmerksam machen sollen. Anfang der 1990er-Jahre, als sie installiert wurden, hielt die Autorin das noch für eine gute Idee, wegen der beabsichtigten Irritation der Passanten. Mittlerweile sind ihr die Tafeln zu einem Ärgernis geworden: Normalbürger schauen längst nicht mehr hin. Rosenstrauch dagegen wird jeden Tag daran erinnert, „dass nur die Gnade der späten Geburt mich davor bewahrt hat, deportiert zu werden. Jeder Weg nach draußen wird durch diese gut gemeinten Tafeln zur Erinnerung an diese Differenz.“
Noch unerträglicher findet sie das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das zu einem Publikumsrenner und Touristenschlager geworden ist, weil es mit seinem Irrgarten Gefühle der Beklemmung und Unsicherheit erzeugt. Was ist dagegen einzuwenden? Erstens, dass am schuldhaften Verhalten ihrer Vorfahren leidende Nichtjuden mit dem Besuch des Stelenfeldes sich ein paar Stunden lang als Opfer empfinden dürfen, also in den Genuss eines temporären Ablasses kommen, zweitens, dass es ein gutes, oder schlechtes, Beispiel dafür ist, wie „das Scheitern der Aufklärung mit Vertrauen ins Gefühl beantwortet“ wird. „Man soll sich wie die Juden fühlen, einsam und verloren und erstaunlicherweise fühlen sich dann auch alle so, wie es der Architekt und seine Interpreten vorgeschrieben haben.“
Rosenstrauch ist weit davon entfernt, Philosemitismus als bloße Spielart des Antisemitismus wahrzunehmen. Aber sie schärft den Blick auf Kontinuitäten, verweist auf Schönerer und Hitler, die aus Gründen der Effektivität ein Feindbild besonders beschworen hatten, und glaubt dieses, zum Opferbild verkehrt, heute wiederzufinden: „Man muss sich auf einen Gegner konzentrieren. Das kommt mir in den Sinn, wenn die Darsteller politischer Korrektheit sich auf die Juden konzentrieren.“ Zu ergänzen wäre, dass die Abwicklung der DDR und ihre negative Stilisierung zur „zweiten deutschen Diktatur“ diesen Reduktionismus noch befördert hat: Der dort als Staatsdoktrin verbreitete und durch die Biografien seiner Spitzenpolitiker beglaubigte Antifaschismus war bei allem Missbrauch, bei aller Lückenhaftigkeit hellsichtiger als die im Westen vorherrschende Doktrin der Vergangenheitsbewältigung („Verbewältigung“, nach Rosenstrauch), die die vom Nationalsozialismus vollzogene Aufspaltung in Deutsche hier, Juden da fortgesetzt hat, weswegen die Autorin dem Frieden nicht traut und froh darüber ist, „dass die Kaufhäuser und Banken, die derzeit Tausende Leute entlassen, nicht in jüdischer Hand und erst recht, dass sie nicht in jüdischen Händen sind“.
Wie bei einem Sammelband üblich, überschneiden sich manche Aufsätze. Was in dem einen angetippt wird, rückt im andern ins Zentrum. Das erhöht eher das Lesevergnügen. Rosenstrauch setzt jedesmal anders an, auch in den selbstbiografischen und familiengeschichtlichen Passagen, die unterschiedliche, scheinbar widersprüchliche Erfahrungen beschreiben. Sie hat nicht das Bedürfnis, anderen etwas beweisen zu müssen. Und sie hat Humor. Deshalb beschäftigt sie sich ja auch mit der sträflich vernachlässigten Disziplin der Narrologie. Denn obwohl die meisten Intellektuellen – je nach Veranlagung und Bedarf – den Hofnarren oder Pausenclown geben, fehlt es den echten Narren – den weisen, „die balancierend durch die Welt gehen“ – offenbar an Nachwuchs.
Es liegt also nahe, dass sich Hazel Rosenstrauch übermütige Gedanken über die dringlich anstehende Narrenzucht macht. „Ich hab mir schon oft überlegt, wie eine solche Zucht und wie das Curriculum dafür heute aussehen könnte. Morgens würden die politisch korrekten Tabus heruntergebetet. Danach freies Spiel mit Krummsäbeln und Davidsternen, mittags koscheres Essen mit Schinken garniert und nach dem Mittagessen Seiltanz zwischen Kirchturm und Minarett. Du hast sicher bessere und bösere Vorschläge, schick sie mir.“ ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2011)















