Grünkohl mit Pinkel

25.02.2011 | 19:06 |  Von Thomas Rothschild (Die Presse)

Uwe Timms Novelle "Freitisch" ist eine verschmitzte literarische Liebeserklärung an die 1960er-Jahre in Deutschland - mit vielen spöttischen Beobachtungen und trefflichen Formulierungen, die oft beiläufig des Weges kommen.

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Sage keiner, was die Literaturwissenschaft mit Gérard Genette „Peritext“ nennt, all das also, was den eigentlichen Text begleitet, sei für den Leser nicht von Bedeutung. Wenn ein Autor ein locker bedrucktes Buch von 136 Seiten mit der Gattungsbezeichnung „Novelle“ ankündigt, dann erweckt das den Eindruck des Altmodischen. Schreibt man denn heute überhaupt noch Novellen? Ist zwischen Roman und Erzählung Platz für eine Gattung, die auf Boccaccio zurückgeht und ihre Blüte im 19. Jahrhundert hatte?

Die Irritation wächst, wenn man beim Umblättern auf ein Motto von Arno Schmidt stößt. Der große Nachkriegsavantgardist und Novelle – geht das zusammen? Es geht. Mehrere Werke Schmidts gelten als Novellen, auch wenn er sie selbst als Erzählungen oder Kurzromane kennzeichnete. „Die Schule der Atheisten“, aus der das vorangestellte Zitat stammt, trägt ausdrücklich den Untertitel „Novellen-Comödie in 6 Aufzügen“. Nun, Uwe Timm macht die Probe aufs Exempel nicht zum ersten Mal. Schon seine erfolgreiche, mittlerweile verfilmte „Entdeckung der Currywurst“ nannte er eine Novelle.

Uwe Timm, 1940 in Hamburg geboren, greift in seinem Werk gerne auf reale Menschen und dokumentarisches, auch autobiografisches Material zurück. Mit seinen Lebensdaten hat das aktuelle Buch „Freitisch“ nur insofern zu tun, als seine beiden Protagonisten ebenso wie er selbst in den 1960er-Jahren studiert haben und seine Vorliebe – nun ja – für Arno Schmidt teilen.

Die Gegenwart der Geschichte spielt in einer Kleinstadt an der Ostsee, hinter der sich, eher en passant benannt, Anklam verbirgt und wo die Spuren der DDR noch aus allen Fugen sich bemerkbar machen. Der zufällige Besucher aus dem „Westen“, der einstige Freund, damals literarisch interessierter Mathematiker und daher Euler genannt, inzwischen Investor auf dem Gebiet der Abfallwirtschaft, schwadroniert darüber, „wie das alles wieder aufkommt, der Handkuss, die Einstecktücher, ein dicker Prinz aus Äthiopien, der Essbestecke sortiert, Verbeugungen, Verlobungen, Heiraten mit intaktem Hymen“, und merkt wohl nicht, dass er selbst dieser heutigen Welt näher ist als sein Gegenüber, der Erzähler, der sich den Kalauer vom „kurzen Sommer der Anarchie“ nicht verkneifen kann.

Die Gespräche der Freunde, damals vor fast einem halben Jahrhundert, fanden in München, an einem Vierertisch statt, beim Freitisch – daher der Titel –, den eine Großversicherung unbemittelten Stipendiaten spendete. Damals auch war Euler nach Bargfeld gefahren, um den verehrten Arno Schmidt zu sehen, war aber nicht vorgelassen worden. Davon berichtete er nach seiner Rückkehr beim Freitisch. Später macht er einen zweiten Versuch und trifft den Meister tatsächlich persönlich. Diese wunderschöne Geschichte sorgt für die Pointe in Uwe Timms Novelle.

Auch in diesem Buch sind Realitätspartikel, ganz unverschlüsselt, eingebaut, etwa ein Absatz über Einar Schleef, seine Inszenierung von Elfriede Jelineks „Sportstück“ und die erstaunliche Tatsache, dass der schwere Stotterer kein bisschen stotterte, als er auf der Bühne eine Rolle übernahm. Oliver Sacks, Kunzelmann und Baader treten auf, und eine Sottise gilt den Österreichern, „die ja seit Broch und Bernhard das Erzählen abschaffen wollen“ und noch nicht einmal wissen, wie Grünkohl mit Pinkel schmeckt, und auch die Stadtgeschichte von Anklam wird kurz skizziert.

 

Mehr als Vietcong, Revolte, Hasch

Timms Sätze sind überwiegend kurz, manchmal unvollständig, dem mündlichen Erzählen angenähert: „War aber ein witziger Kopf“ oder „Danach dann die Abfallwirtschaft“ oder „Der Preis sehr günstig“. Das Vergnügen bei der Lektüre verdankt sich unter anderem den zahlreichen oft spöttischen Beobachtungen und trefflichen Formulierungen, die ganz beiläufig, in Nebensätzen oder Appositionen daherkommen. Timm schreibt nicht, wie es erwartbar wäre, „in unserer sterbenden kleinen Stadt“, sondern „in unserer kleinen Stadt mit dem Epitheton ornans ,sterbend‘“. Die Frage, wo der Erzähler seine norwegische Frau kennengelernt habe, beantwortet er so: „Wo man Norwegerinnen eben kennenlernt. In Regensburg.“ Es sind solche unauffällige Kleinigkeiten, die Literatur ausmachen.

Uwe Timms Novelle ist eine verschmitzte Liebeserklärung an eine Zeit, die ja nicht nur aus Vietcong, Revolutionsträumen und Hasch bestand, wie heute gelegentlich suggeriert wird, sondern auch aus Begeisterung für Literatur, die man damals noch las, diskutierte, weiter empfahl – und zwar bei ein und derselben Person. Es war die Zeit, in der die Notstandsgesetze und Godards „Außer Atem“ in einem Gespräch unmittelbar aufeinander folgen konnten. In seiner dokumentarischen Erzählung „Der Freund und der Fremde“ über Benno Ohnesorg hat Timm diese Motive schon einmal verarbeitet. Diesmal steht eben Arno Schmidt und nicht Camus im Zentrum des intellektuellen Begehrens. Wenn Uwe Timm in seinem früheren Buch notiert, zum Zeitpunkt von Ohnesorgs Tötung hätte die Sprache seine „hilflose Wut ins Deklamatorische“ verwandelt, dann könnte man über „Freitisch“ sagen, dass mit der Bändigung der Wut auch das Deklamatorische gewichen ist zu Gunsten einer ironischen Gelassenheit.

Übrigens: Man wird schwerlich eine Definition der „Novelle“ finden, die diesen Text von Uwe Timm abdeckt. „Erzählung“ tut‘s auch. Als Germanistenwitz kann man registrieren, dass im Haus des Erzählers ein Falke nistet. Auch trägt einer aus seinem Freundeskreis den Spitznamen „Falkner“, und in diesem Zusammenhang ist ausdrücklich von Heyses Novellentheorie die Rede. Aber mit einer Novelle hat „Freitisch“ nicht viel mehr zu tun als „Die Schule der Atheisten“ mit dem „Kurzen Sommer der Anarchie“. Beide sind 1972 erschienen.

Drei Jahre davor fürchtete Franz Josef Degenhardt in einem Lied, „dass bloß solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann“. Inzwischen sind wir so weit. Uwe Timm erzählt solch eine Geschichte. Immerhin: anders als viele Angehörige seiner Generation erzählt Timm sie nicht süffisant, nicht mit der wohlfeilen Überlegenheit dessen, der heute im Establishment angekommen ist und dort seinen Judaslohn verprasst. Er hat sich zu Herzen genommen, was Schillers Marquis Posa dem Freund Don Carlos bestellen lässt: „Sagen Sie / Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend / Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2011)

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