Man hält das Gehirn und die Gene für den Hort aller Gefühle. Davon kann keine Rede sein. Wir Herzen besitzen alle Macht. Wir sind die zentrale Metapher, komme, was wolle. Alles, was Männer und Frauen bewegt, spielt sich in unseren elektrischen Kammern ab.“ Es spricht das Herz des Dramatikers Jakob Stein, der sich Max David Villanders nennt. Er hält Zwiesprache mit seinem Herzen, das wegen eines Geburtsfehlers bereits im Alter von 20 Jahren operiert werden musste, und über 30 Jahre später noch einmal, als ein Defekt an einer Herzklappe entdeckt wird. Das Herz befleißigt sich im Gespräch meist eines vorwurfsvollen Untertons, hält manchmal auch kleine Brandreden wider seine körperliche Hülle. Denn, so das Herz: „Ich erkenne, was geschieht, ich höre, was gesprochen, gesungen, verheimlicht wird. Durch deinen Brustkorb hindurch.“
Max David hat sich in die 30-jährige hübsche kabylische Briefträgerin verliebt. Sie denkt, er mache sich an jede Frau heran, und verlangt, dass er eine Bedingung erfülle, bevor sie sich auf ihn einlassen kann: Er soll über seine Beziehungen berichten, von der ersten Liebe bis zum heutigen Tag, vom ersten Leiden bis zum Tag der Manuskriptabgabe. Also geht er mit seinem „Zweit-Ich“ seine nicht gerade wenigen Liebschaften durch.
Etwa die Geschichte, wie Freund Fred erfolgreich half, damit Max David seine Jungmännlichkeit mit einem Mädchen verlor, um sich anschließend mit einem solcherart Mann Gewordenen zu vergnügen. Er erinnert sich an seine „Weiberliste“, in der, trotz allen konstatierten fehlenden Mutes, eine Frau zu verführen, doch an die 50 Eintragungen (mit Bewertungssystem von eins bis zehn) Zeugnis von seinem durchaus abwechslungsreichen Liebeslieben geben. Spektakulärer Kulminationspunkt ist ein Fest im Jerusalemer King David Hotel, organisiert von einer beleidigten Verflossenen zu Max Davids 50.Geburtstag, bei dem beinahe alle Frauen seines Lebens auftauchen, um sich an dem Treulosen zu rächen.
Haschisch im faden Salzburg
Diesen Albtraum eines jeden sich notgedrungen in Liebeshändel Verzettelnden breitet Peter Stephan Jungk wahrlich traumhaft-schaurig aus. In kleinen Dosen schildert der Sohn eines polyglotten Regisseurs im Dialog mit seinem Herzen seine Entwicklung vom von seinen Eltern verzärtelten Kind zum Studenten, der es im langweiligen Salzburg nur mittels unmäßigen Konsums von Haschisch aushält (was wiederum sein Herz nicht so gut vertrug), und zum Dramatiker, dessen erfolgreiche Zeiten nun auch schon einige Jahre zurückliegen.
Neben der Beziehungsgeschichte des Erzählers mit seinem Herzen, der ihm schließlich all die Liebesgeschichten ja auch eingebrockt hat, steht in diesem Roman von Peter Stephan Jungk die schöne, zarte Liebesgeschichte, ganz ohne Kitsch und Klischee, des heimatlosen, jüdischen Schriftstellers und der jungen, hübschen Araberin, beide verheiratet, sich vorsichtig aufeinander zubewegend, trotz ihrer beider immensen Sehnsucht und ihres Begehrens, im Mittelpunkt. Sacht melancholisch und ironisch erzählt von einem „Immerfremden“, der, wie er weiß, „ein im Grunde Ausgesetzter bleiben wird“. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2011)















