Im Büro des Billigbestatters
BILLIGBESTATTER
zum Diamanten an seinem Revers
Ich kann nicht Ich bin tot sagen
Ich kann es sagen
Aber es stimmt nicht
Ich werde es nie sagen können
Solange ich sprechen kann
Ist es nicht sagbar
Wundersam Mamá nicht wahr
Der unmögliche Satz
sein Mobiltelefon läutet
Wenn ich abhebe
Abhöbe
Ich hebe ja nicht ab
Jetzt nicht
Könnte ich sagen
Ich bin zwei Meter fünfundvierzig groß
Ich habe naturgrünes Haar
Ich bin Eiskunstlaufweltmeisterin
Meine Verlobte ist die Königin von England
Aber Ich bin tot zu sagen
Ist doch etwas entschieden anderes
Das ist außergewöhnlich Mamá
Außergewöhnlich ist das
sein Mobiltelefon läutet
Solange wir sind
Ist der Tod nicht
Und wenn der Tod ist
Sind wir nicht
Epikur Mamá
Also sollte uns die Art unserer Bestattung
gleichgültig sein
Diese Geschäfte
Diese Augenblickslosigkeit
Dieses stete Streben
Das ist nicht mein wirkliches Leben
Mein wirkliches Leben kennst nur du
SEKRETÄRIN
mit einem läutenden Telefon zur Tür herein
Herr Maló
BILLIGBESTATTER
Nicht jetzt
SEKRETÄRIN
Sie will mit Ihnen sprechen
Ausdrücklich mit Ihnen
BILLIGBESTATTER
Ich denke
SEKRETÄRIN
Sie klingt verzweifelt
BILLIGBESTATTER
Du treibst mich zur Verzweiflung
ins Telefon
Aabschied
Marc Maló
Mein Beileid Madame
Was man tief in seinem Herzen besitzt
Sagt Goethe
Kann man nicht verlieren
Dreiunddreißig sagen Sie
Entsetzlich
Er war gern in der Natur
Wanderte
Aha
Das hieß Freiheit für ihn
Verstehe
Da würde ich Ihnen die Almwiesenbestattung
ans Herz legen
Ich weiß
Ja
Natürlich
Ich sage immer
Würde muss nicht teuer sein
Die Liebe zu einem geliebten Wesen
Das von uns gegangen ist Madame
Kann man nicht in Geld messen
Das wäre abgeschmackt
zur SEKRETÄRIN
Hör gut zu
ins Telefon
Jeder Mensch Madame ist ein Geschenk
Wer würde ein Geschenk
Von seinem Wert abhängig machen
Wenn er die Natur geliebt hat
Das Bergsteigen
Die frische Luft
Kann ich Ihnen neben einer Almwiesen-
bestattung
Auch eine Bergbach- oder Baumwurzel-
bestattung anbieten
Bei der Almwiesenbestattung Madame
Wird die Asche über einer friedlich abgelege-
nen Wiese ausgestreut
Meine Sekretärin lässt Ihnen einen Prospekt
zukommen
Bei der Bergbachbestattung wird die Asche in
einen klaren Bach
Bei der Baumwurzelbestattung neben die
Wurzel eines alten Baumes eingebracht
Ja
Verstehe ich
Wir sind die Günstigsten
Sollten Sie einen Günstigeren finden
Zahlen wir die Differenz
Neunhundertneunundneunzig
Sie wissen
Was ein durchschnittliches Begräbnis kostet
Damit alle schön verdienen am Tod
Wir brauchen keine Zahlen zu nennen
Fünftausend Minimum
Auf einem sanktionierten Friedhof
So viel Freiheit
Wie man uns einreden will
Ist nicht
Es geht nicht um das was Sie sparen
Viertausendundeins Minimum
Wie gesagt
Würde hat keinen Preis
Wo liegt er denn
Aha
Meine Sekretärin klärt das mit Ihnen
Seien Sie stark Madame
zur SEKRETÄRIN
Streng dich an
Der einzige Sohn
SEKRETÄRIN ab
VERONIKA zur Tür herein
Mein Rohdiamant
BILLIGBESTATTER
Nicht vor siebzehn Uhr
Engelchen
Wie oft habe ich dir das gesagt
VERONIKA
Ich bin so glücklich
Drei Paar Schuhe
Wunderbare Einzelstücke
Und gar nicht teuer
Aus rotem Lack die einen
Schwarz sehr dezent die anderen
Und die dritten
Ach die dritten
BILLIGBESTATTER
Wir haben erst vier einfache Abträge heute
VERONIKA
Und drei Gläser Champagner habe ich
bekommen
BILLIGBESTATTER
Hätte ich eine Kundin wie dich
Würde ich Kaviar dazu reichen
VERONIKA
Wie angegossen
Als wären sie für mich gemacht
Als warteten sie auf meine Füße
Als passten sie keiner anderen
Leider hatte ich meine Kreditkarte vergessen
BILLIGBESTATTER
Bedauerlich
Meine Bankberaterin wird aufatmen
VERONIKA
Kein Problem
Mein Mann habe ich gesagt
Kommt erst gegen zwanzig Uhr aus seiner
Firma
Und weißt du
Rohdiamant
Was die Chefin gesagt hat
BILLIGBESTATTER
Den Esel würde ich gern kennen lernen
VERONIKA
Wir halten natürlich länger offen für Sie
Das hat sie gesagt
Natürlich
Für Sie
SEKRETÄRIN ins Zimmer
Sie hat sich für die Almwiesenbestattung
entschieden
BILLIGBESTATTER
Sie sind tatsächlich eine Ausgeburt des
Stumpfsinns
VERONIKA
Richard
SEKRETÄRIN
Die hat kein Geld
Anstellung auch keine
Glaube ich
BILLIGBESTATTER
In der Kirche glaubt man
Aber wir sind nicht in der Kirche
Ganz im Gegenteil
Wer bin ich
Wer
VERONIKA
Mein Rohdiamant
SEKRETÄRIN
Marc Maló
Billigbestatter
Unternehmer
Marktlückenentdecker
Pionier
BILLIGBESTATTER
Weiter
SEKRETÄRIN
Visionär
Trostspender
Freund des Volkes
BILLIGBESTATTER
Ich werde euch sagen wer ich bin
Ich befreie den Tod aus den Händen des
Monopols
Aus den Schlingen des Staates
Aus den Fängen der Stadt
Aus dem Würgegriff der Kirchen
Aus der Zumutung des Bestattungszwangs
Sie haben nichts verstanden
SEKRETÄRIN
Die Frau lebt von der Sozialhilfe
BILLIGBESTATTER
Aber das ist
War ihr einziger Sohn
Verdammt noch mal
Maria war auch nicht reich
Almwiesenbestattung
Die nimmt der
Der leider der nächste Verwandte eines
Verstorbenen ist
Den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat
Und nicht mehr sehen wollte
Die nimmt
Wer vom Gesetz verpflichtet ist
Den Leichnam aus der Welt zu schaffen
Almwiese
Das ist der einfache Abtrag unter den
kultivierteren Varianten
Aber doch nicht beim einzigen Sohn
Da ist zumindest eine Baumwurzelbestattung
drin
Sie haben schöne Beine Frau Martina
VERONIKA
Geschmackssache
BILLIGBESTATTER
Eine angenehme Stimme
VERONIKA
Etwas schrill
BILLIGBESTATTER
Ein passables Gesicht
VERONIKA
Im Halbdunkel
BILLIGBESTATTER
Aber Sie sind stumpfsinnig
VERONIKA
Richard
BILLIGBESTATTER
Marc
Hier bin ich Marc
Marc Maló
Der Engel der Armen
VERONIKA
Das arme Engelchen bin ich
Das seine Kreditkarte vergessen hat
Maló
Maló
Maló
Wissen Sie wie man ihn in der Stadt nennt
SEKRETÄRIN
Undertaker vielleicht
kichert
Unternehmer
VERONIKA
Gevatter
Wie geht es dem Gevatter
Fragen die Leute
Wenn sie überhaupt nach ihm fragen
Schon die Erwähnung seines Namens
Verursacht Gänsehäute
Rückenschauer
Wo die Rede auf ihn kommt
BILLIGBESTATTER
Rechtsanwälte und Mediziner
Politiker und Manager
Unternehmer Minister Professoren
Oberflächliche Nasenbohrer
Die glauben nie sterben zu müssen
VERONIKA
Man lädt uns nicht ein
Niemand lädt uns ein
Ein Billigbestatter
Sagen die Leute
Der Gevatter
Raunen sie
Drei Mal hat man uns eingeladen
In all den Jahren in dieser Stadt
Und was glauben Sie ist passiert
SEKRETÄRIN
Man hat ihn Gevatter genannt
BILLIGBESTATTER
Husch ins Büro
VERONIKA
Er war der Gevatter
Zuerst eine Ausstellungseröffnung
Ein berühmter Fotograf
Der bedeutendste Fotograf der Stadt
Und während der Kurator
Vor den wichtigsten Leuten spricht
Bricht die Mutter des Ausgestellten zusammen
Röchelt
Presst Mein Gott aus sich und ist tot
Herzinfarkt
SEKRETÄRIN
Schrecklich
BILLIGBESTATTER
Niemand kennt die Stunde
Niemand kennt den Tag
Maló sah in die Runde
Bis eine nur noch lag
VERONIKA
Aber bestattet hat sie ein anderer
BILLIGBESTATTER
Ich bin nicht der Engel der Reichen
VERONIKA
Und dann das Abendessen bei einem hohen
Richter
So wohl habe ich mich gefühlt
Die Villa am Stadtrand
Der Garten vor dem Garten hinter der Villa
Die interessanten Menschen
Die unterschiedlichsten Auffassungen
Das Essen
Die Getränke
Die Zigarren
Und mitten im zweiten Gang
Plumpst der Hausherr mit dem Gesicht auf den Teller
Aus dem Teller musste man es ziehen
Hirnschlag
Mausetot ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2011)















