Schwein haben oder sein

30.12.2011 | 18:18 |  Von Harald Friedl (Die Presse)

Kein anderes Tier pendelt in unserer Wahrnehmung so extrem zwischen Wertschätzung und Abwertung. Franz M. Wuketits' „Schwein und Mensch“ ist eine nüchtern verfasste Recherche, die den vielschichtigen Umgang unserer Kultur mit dem Schwein profund darstellt.

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Ein wenig Glück, ein bisschen Schwein, mehr braucht man nicht zum Fröhlichsein“ ist auf der Karte zu lesen. Sie zeigt ein rosa Hausschwein, das zwischen dunkelborstigen Artgenossen zufrieden schläft. Nun sind die Tage, an denen sie zu Hunderttausenden verschenkt werden, die Glückwunschkarten, Glücksschweine aus Plastik und Marzipan.

Für die unterschiedlichsten Rollenbilder mussten Schweine schon herhalten. Hindu-Gott Vishnu hat die Gestalt eines Ebers angenommen, um die Erde aus dem Urmeer zu heben. Im alten Griechenland trat das Schwein als Sendbote des Olymps auf. In der altgermanischen Mythologie zerriss ein Keiler die Wolken, ließ es blitzen und donnern. Er war den Germanen ein heiliges Tier, und die Schweine allgemein waren Zeichen für Wohlstand und Reichtum, Symbole der Fruchtbarkeit und Stärke. Eine keltische Sage erzählt von einem Eber, der an einem Tag 50 Hunde und ebenso viele Krieger getötet hat. Der Teufel konnte in Gestalt eines schwarzen Schweines erscheinen, eine Hexe in Gestalt eines roten. Im Mittelalter war bei Wettkämpfen der Trostpreis für den Letzten im Bewerb ein Schwein.

Kein anderes Tier pendelt in der Wahrnehmung der Menschen so extrem zwischen Wertschätzung und Abwertung. Adjektive wie dumm, dreckig, faul, feige, fett, wild, korrupt können Säuen umgehängt werden. Chauvinistenschweine können rudelweise auftreten und sich unter aller Sau benehmen, was mitunter kein Schwein interessiert. Rockmusik kann saugeil sein (George Harrison hat den „Piggies“ auf dem „Weißen Album“ der Beatles ein liebevoll verspieltes Lied gewidmet, Pink Floyd dienten Pigs auf „Animals“ der Verächtlichmachung). Erlebnisse können sich schweinegut anfühlen, ein Mann dagegen stinken wie ein Schwein.

Wie der Mensch sich zum Schwein verwandeln kann, kann das Schwein auch zum quasimenschlichen Akteur mutieren. Denken wir an „Schweinchen Dick“ und „Rudi Rüssel“. Der Rollentausch funktioniert bei kaum einem anderen Tier so glatt wie zwischen Schwein und Mensch. Erinnern Sie sich an Miss Piggy, das üppige Fräulein, das sich mit naivem Kindchenschema in Szene setzt? Andere schweinische Prototypen sind schlaue Filmhelden wie das Schweinchen namens Babe. Böse und durchtrieben sind die Schweine in einem der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte, in „Animal Farm“. Dort laufen sie auf zwei Beinen und verkünden, dass alle Tiere gleich, doch manche eben gleicher seien. Offenbar taugt das Schwein prächtig als Projektionsfläche für Gier und Ausbeutung. Die implizite Botschaft des Begriffs Kapitalistenschwein in den 1920er-Jahren war wohl auch die, dass man Schweine schlachten kann. Womit wir, von Ausnahmen abgesehen, bei der gemeinhin als schicksalhaft angesehenen Existenzberechtigung des Schweins angelangt sind, nämlich zu wachsen, um getötet und verzehrt zu werden.

Am 21.Dezember 2011 meldete diePresse, dass ab 2013 Muttersäue so gehalten werden müssen, dass sie sich an 266 statt bisher 205 Tagen pro Jahr frei bewegen können. Die Haltung in „Kastenständen“ ist von 160 Tagen pro Jahr auf 99 Tage zu reduzieren. Tierschutzorganisationen bekämpfen seit Langem den Kastenstand, in dem sich das Tier kaum bewegen kann. Doch das Primat des kleinen Preises und des Profits, den die Massentierhaltung gewährleistet, siegt allemal über das Mitgefühl mit der Kreatur und den Anspruch auf artgerechte Haltung.


5,6 Millionen tote Schweine pro Jahr

Gleichzeitig entzückt uns täglich in der Fernsehwerbung, wie ein kleines Ferkel, ja natürlich, fröhlich mit seinem Bauern spricht. Es ist anzunehmen, dass auch dieses Exemplar, wenn es erwachsen ist, das Schicksal von rund 5,6 Millionen Artgenossinnen und Artgenossen erleidet, die jedes Jahr in Österreich geschlachtet werden.

„Schwein und Mensch“ ist eine nüchtern verfasste Recherche, die den vielschichtigen Umgang unserer Kultur mit dem Schwein reich bebildert anschaulich darstellt. Vor Wertungen hält sich der Autor Franz M. Wuketits weitgehend zurück. Dass dieses Buch stilistisch so kühl ist, lässt sich mit seinem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit begründen. Wissenschaftliche Literatur kann aber auch anders geschrieben werden! Mitunter mühsam liest sich der Text wegen vieler Wiederholungen. Ein engagierteres Lektorat hätte dem Buch gutgetan. Trotzdem ist es lesenswert, nicht nur wegen der Breite des Blicks auf die Lebenswelt der Schweine, sondern wegen seiner vielen überraschenden Details. Auch unter den Schweinen gibt es gefährdete Arten, erfährt man, etwa das „Angler Sattelschwein“. Von der „Deutschen Landrasse Universal“ soll es überhaupt nur noch wenige Exemplare geben.

Ein Kapitel des Buches setzt sich mit der heilsamen Wirkung des Schweins auseinander. Eiterungen, Brandwunden und Geschwüre wurden in der Volksmedizin mit Schweinefett behandelt, mit Eidotter und Meisterwurz verrieben sollte das Fett gegen rheumatische Erkrankungen und Augenentzündungen helfen. Sogar Schweinekot galt als wertvoll: Er sollte gegen Syphilis und die Qualen nach einem Schnapsrausch helfen. Pulverisierter Schweinekot, aufgelöst in Bier,Wein oder Schnaps, wurde gegen die Ruhr und gegen Bauchgrimmen eingesetzt.

Jahrhundertelang war es dem gemeinen Volk in Teilen Englands verboten, Hunde ab einer gewissen Größe zu halten, um das Adelsprivileg der Jagd zu schützen. Also richteten Wilderer Schweine zum Jagen ab. Zwar klagt im gleichnamigen Film das Schweinchen namens Babe darüber, dass es niemals so schnell sein wird wie der Hirtenhund, doch ist eine Sau namens „Slut“ zu Berühmtheit gelangt, weil ihre Leistungen jenen eines guten Pointers entsprochen haben sollen, wieein Text aus dem Jahr 1807 belegt: „Wenn es auf die Jagd ging, kam die Sau in vollem Galopp angesprungen und freute sich wie ein Hund beim Anblick des Gewehres.“

Skurril ein Ereignis aus dem Jahr 1457 in Frankreich, wo einer Sau und ihren sechs Ferkeln der Prozess gemacht wurde, weil sie ein Kleinkind namens Jehan Martin getötet haben sollen. Die Sau wurde schuldig gesprochen und erhängt, die Ferkel freigesprochen. Keltische Münzen belegten bereits im zweiten Jahrhundert vor Christus die enge Beziehung zwischen Schweinen und Geld. Zwar kam das Sparschwein in den letzten Jahrzehnten aus der Mode, aber für den Jackpot der österreichischen Lotterie wirbt ein enthusiastisches Schwein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2011)

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