Überleben im roten Paradies

17.02.2012 | 18:39 |  Von Burkhard Bischof (Die Presse)

Wolfgang Ruges Erinnerungen an seine 15 Jahre im Gulag.

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Den Einzug ins rote Paradies hatten sich der 16-jährige Wolfgang Ruge und sein um zwei Jahre älterer Bruder Walter vermutlich anders vorgestellt. Die beiden aus einem erzkommunistischen Berliner Milieu stammenden jungen Männer hatten ihre Heimat nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im August 1933 in Richtung Sowjetunion verlassen – nun gingen sie in Wyborg zu Fuß über die finnisch-sowjetische Grenze. Der erste Eindruck: „Ein verwahrlostes Bahnhofsgelände, überall Dreck, die Regale des kleinen Verkaufsstandes waren leer, von Spinnweben durchzogen.“

Dennoch, weiter nach Moskau – der „Hauptstadt der Welt“, wie Wolfgang Ruge schwärmte. Zunächst ging alles einigermaßen gut. Ruge bekam eine Anstellung als Zeichner, holte die Matura nach, begann Geschichte zu studieren. Aber schon bald nach der Ermordung Sergej Kirows im Leningrader Smolny im Dezember 1934 begann er die Verhärtung des gesellschaftlichen Klimas zu spüren.

Anfang 1936 nahm er trotzdem die sowjetische Staatsbürgerschaft an. Schon bald darauf war die von Stalin angeordnete Hexenjagd auf „Verräter“, „feindliches Gesindel“, „ausländische Spione“ in vollem Gang. Porträts wurden abgehängt, Bücher verschwanden – und immer öfter auch Menschen.


Auf Stalins Schlachtbank

All dies registrierte Ruge und all dies entging auch seiner nach Moskau ausgewanderten Mutter und seinem Stiefvater nicht. Doch die wollten nicht darüber sprechen: „Mir schien, als nähmen sie die grausige Wirklichkeit so demütig an, wie die Gläubigen im Mittelalter Seuchen und Erdbeben – als Zuchtrute Gottes, unergründlich, aber kein Anlass für Zweifel. Ihren Glauben an das Gelobte Land infrage zu stellen, wagten sie nicht.“ Viele andere, nach Moskau geflohene Kommunisten wagten das auch nicht, dennoch landeten sie auf Stalins Schlachtbank.

Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion wurde Ruge 1941 mit seiner damaligen russischen Ehefrau Veronika nach Kasachstan deportiert, 1942 als „Arbeitsarmist“ in ein Straflager im Nordural gesteckt. Es folgten insgesamt vier Jahre Lager und elf Jahre Verbannung im Gulag. Ruge schildert den täglichen Kampf ums Überleben beim Holzfällen in der Taiga, gegen die brutalen Lageraufseher und den unerträglichen Hunger detailliert und nüchtern. Umso eindrucksvoller sind gerade die Kapitel über diese Jahre.

Und obwohl er sein Leben lang ein Marxist geblieben ist (er übersiedelte 1956 in die DDR und machte dort eine akademische Karriere als Historiker), nennt er Stalin in diesem Buch einen „Verbrecher und Mörder“, kritisiert die Nationalitätenpolitik der UdSSR als „verbrecherisch“, schreibt von einem „schleichenden Genozid“, dem die Russlanddeutschen unter Stalin ausgesetzt waren. Von den 16.000 Deutschen (Sowjetbürgern deutscher Herkunft), die mit ihm 1942 ins Nordural-Lager Nr. 239 eingeliefert worden waren, waren 1954 noch 600 am Leben. Geschrieben und veröffentlicht hat Ruge seine Erinnerungen an die Sowjetjahre freilich erst nach dem Kollaps der DDR 1989/1990. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2012)

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1 Kommentare
Gast: Zenith1
18.02.2012 07:51
0 0

Na ja...

"Und obwohl er sein Leben lang ein Marxist geblieben ist "

Unbelehrbar!

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