Im Käfig, im Traum, im Leben

02.03.2012 | 18:46 |  Von Jochen Jung (Die Presse)

Thomas von Steinaeckers Roman „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ erzählt von einer Karrierefrau, deren kalte Metropolis-Welt 2008 von der Krise hinweggefegt wird.

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Ein unangenehmes, großartiges Buch. In seiner Mitte steht Renate Meißner, 42, Vizeabteilungsleiterin einer großen Versicherungsanstalt. Sie ist eine jener Frauen, wie man sie meist aus seiner eigenen Umgebung nicht kennt, von denen man aber aus Zeitschriften und Filmen etwas zu wissen glaubt. Von Ehrgeiz und Selbstbehauptungswillen getrieben, haben sie im Management eine Position, die es ebenso zu verteidigen gilt, wie sie nur eine Station zur nächsthöheren Stufe ist. Zu den in der Regel männlichen Kollegen hat man ein Verhältnis, das in Wahrheit alles andere als kollegial ist, vielmehr bestimmt von Konkurrenzgefühlen wie Unterlegenheitsangst und Selbstüberschätzung. Das Leben besteht zu 90 Prozent aus Arbeit, und um diese bewältigen zu können, zusammen mit dem Nachweis, dass kein anderer sie so leisten könnte wie man selbst, braucht man einen Panzer aus Information, Können und Einsatz ebenso wie – man ist ja immer noch eine Frau – Perfektion in Kleidung, Make-up und Frisur. Man gibt sich kühl und unangreifbar, aber wie man sich auch immer in Schale wirft, der Kern bleibt verletzlich.

Renate Meißner – am besten sagen wir von hier an RM – ist soeben von Frankfurt nach München versetzt worden, zufällig ihre Geburtsstadt, und das, nachdem einer ihrer Vorgesetzten, mit dem sie ein jahrelanges Verhältnis hatte, sie mit dem goldenen Handkuss einer Beförderung dorthin abgeschoben hat. Ihr Büroturm, einer von zweien, steht im Weichbild am Nordrand der Stadt und ist bis zur Mitte des Romans das Zentrum des Geschehens. Dieses erzählt RM selbst, und zwar so, wie sie wahrgenommen werden will. Man hat alles im Griff und überlässt das Private gelegentlichen Exkursionen: ins Familiäre (zwei Brüder werden kontaktiert, Erich und Erwin), Gesellschaftliche (eine alte Freundin manövriert sie in die angesagte Kunstszene) und Medikamentöse (fallweise Versagensängste, Schlaflosigkeiten und Verzweiflungen steuert man regelmäßig mit dem Konsum von Pillen, die Trevilox heißen, Fluctin, Aurorix, Tavor oder Ximovan). Außerdem kann RM zwanghaft keine Pfandflasche im Abfallkorb sehen, ohne sie sofort herauszunehmen, um sie (vielleicht) irgendwann einzulösen.

Das Ergebnis ist, passend zu dieser Frau, eine unpersönliche, farblose, nüchterne Sprache, die nichts verraten will, aber weiß, dass sie es wahrscheinlich doch tun wird. Sie umgibt alles mit einer Art Science-Fiction-Aura, die nichts mit dem Büroalltag zu tun zu haben scheint, wie wir ihn so kennen. Es ist, ungeachtet gelegentlicher Ausbrüche, eine kalte Metropolis-Welt, in der es nur um Abläufe zu gehen scheint, Effektivität und Abschottung gegen die Zufälle des Lebens. Bewundernswert, wie der Autor scheinbar unbeteiligt diese Welt inszenieren kann. Entlarvung, in die etwa Kathrin Röggla ihre Figuren manövriert, ist nicht die erzählerische Absicht Steinaeckers, auch nicht Satire. Dass der Autor das Einstreuen von Fotos und Zeichnungen von Brinkmann undSebald gelernt hat, kann er sicher nicht mehr hören, dass er daraus in diesem Buch nicht viel mehr als eher geheimnislose Pausenfüller gemacht hat, wird ihm ebenso wenig gefallen, muss aber erwähnt werden. Würden sie fehlen, würde nichts fehlen.

Anders als die Fabrik ist ja das Büro einerseits das Alltäglichste überhaupt, andererseits aber auch vermuteter, und nicht nur vermuteter, Schauplatz von Ungeheuerlichkeiten jeder Art, egal, ob sozialer, sexueller oder finanzieller Natur (oder Unnatur). Unter so offensichtlicher Routine und Langeweile kann es nur brodeln. Thomas von Steinaecker hat dem eine faszinierende Variante hinzugefügt, deren Gitterwerk aus Recherche, Präzision und immer abrufbereiter Katastrophe auch dem Leser kein Entkommen erlaubt, da man ja mit RM, die das alles erzählt, mitten im Turm sitzt. Obendrein erzählt sie ständig so, als wüsste sie nicht, was als Nächstes kommt, man bleibt immer nah am Geschehen und dem ausgeliefert, was gleich passieren wird.

Zum Beispiel die Finanzkrise. RMs erster Arbeitstag ist nämlich der 1.Oktober 2008, und kurz darauf erreicht die Krise Europa. Dem entkommt auch die Versicherung nicht,in der sie arbeitet, und das heißt: Auch sie entkommt ihr nicht. Zunächst hat es einen ihrer Vorgesetzten getroffen, der eines Tages völlig desolat vor ihr sitzt: Er hat soeben 40Prozent seiner Fondsanteile verloren – daswäre das Studium des Sohnes gewesen –, und RM kann da ökonomiegemäß auch nicht helfen. Ihre Antwort auf das Desaster des Kollegen lautet daher auch nur: „Willy. Mensch.“ Bald darauf kommt die Nachricht, dass die ganze Münchner Zweigstelle geschlossen wird, alle Mitarbeiter entlassen werden. RM auch, ökonomiegemäß.

Da aber hat RM den Verlauf der Geschichte selbst in die Hand genommen. Diese Geschichte nachzuerzählen ist nicht einfach, weil sie in Kurzform nur noch aus Mutwillen und abstruser Erfindung zu bestehen scheint: Ein Bauunternehmer, den sie als Kunden geworben hat, empfiehlt sie an eine expansive russische Vergnügungsparkbetreiberin weiter, die nicht nur knappe 100 Jahre alt ist und deren Mann schon im Dritten Reich mitgemischt hat (ein etwas lang geratener Einschub), sondern die auch eine verwirrende Ähnlichkeit mit der vor Jahrzehnten verschwundenen Großmutter von RM hat, ja womöglich diese ist.

Wie auch immer, RM fliegt nach Russland, ins Herz der Finsternis, um den Deal festzumachen, dort erfährt sie von ihrer Kündigung, und dort sitzt sie auf einmal der Uralten gegenüber, die womöglich ihre Ahnin ist. Gibt es noch Märchen? Wenn es keine mehr gibt, sollte man dann nicht welche erfinden? Und wenn man das macht, was lehren sie einen? Und kann man mit einer solchen Lehre überhaupt etwas anfangen? Und ist man nicht sowieso immer auf etwas gestellt, das im nächsten Moment vollkommen anders sein kann? Was macht der Einzelne mit seiner Individualität, wenn sie auf einmal zerfällt und die Anpassung nicht mehr hält? Wohin bringt uns das Erzählen, wenn das soziale Gerüst nicht mehr trägt und die Geschichte außer Rand und Band gerät?

Zu solchen Fragen bringt einen dieses Buch, ohne sie beantworten zu wollen. Thomas von Steinaecker ist ein ebenso eigensinniger wie eigenwilliger Erzähler, der uns mit der Enge unseres ungemütlichen, verwalteten Lebens konfrontiert, der wir uns ja mehr oder weniger freiwillig ausliefern, und der zugleich auf sein Recht pocht, sich dagegen etwas ausdenken zu dürfen. Manches in seinen Büchern sieht vermutlich nur erfunden aus. Dass dahinter – der Dank an Elsa Maria von Steinaecker „für ihre Erzählungen und Fotos“ deutet es an – oft mehr Persönliches steckt, als das Buch verraten will, ist das gute Recht des Autors. Dass er dazu auf Distanz geht, ist ein Zeichen seiner Souveränität, ebenso wie das Band, an dem er Leserin und Leser gängelt. So ernst, und nicht ernster, darf man den Titel nehmen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)

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