Der fahrende Gehsteig

30.03.2012 | 18:43 |  Von Thomas Rothschild (Die Presse)

In seinem Essayband „Eine Begegnung“ gibt sich Milan Kundera ein Stelldichein mit seinen literarischen und musikalischen „Göttern“ – auf deren Olymp allerdings die neueren Namen fehlen.

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Milan Kundera, in Kürze (am 1.April) 83 Jahre alt, meldet sich nach einer längeren Pause mit einem Essayband zurück. Noch einmal spricht er Themen an, die dem Kundera-Leser vertraut sind: Es sind größtenteils skizzenhafte Auseinandersetzungen mit Werken seiner Lieblingsautoren und -komponisten. Einige sind wohl Gelegenheitstexte (es fehlt ein Anmerkungsapparat), zum Teil sind sie auch älteren Datums.

Der in Brünn geborene Schriftsteller, der sich von seiner Heimat so sehr entfernt hat, dass er auch nach der Samtenen Revolution nicht aus dem französischen Exil zurückkehren wollte, schreibt seit Längerem auch auf Französisch und zählt somit zu jenen Autoren, die die These widerlegen, man könne nur in seiner Muttersprache bedeutende Literatur schaffen. In dem neuen Buch zitiert er seine schon lange vor ihm aus der ČSSR emigrierte Kollegin Vera Linhartová: „Der Schriftsteller ist nicht der Gefangene einer einzigen Sprache.“ Kunderas künstlerische Interessen waren stets frei von nationaler Borniertheit. Wenn er sich mit böhmischen oder mährischen Dichtern oder Komponisten beschäftigt hat, dann tat er das mit dem Bestreben, ihre oft unterschätzte Bedeutung zu betonen und sie in einen internationalen oder, mit gelegentlich polemischem Unterton, (west- und mittel-)europäischen Kontext zu stellen. So aufgeschlossen Kundera also gegenüber der Weltliteratur ist, so konservativ scheint er in seinem Kanon zu sein. Es kamen kaum neue „Götter“ hinzu, und die es einmal für ihn wurden, sind es offenbar auch geblieben. Dabei kann nicht übersehen werden, dass seine Äußerungen der Bewunderung fast stets auch so etwas wie eine Poetik des eigenen Werks enthalten. Verwandtschaft reizt ihn eher zur Reflexion als die Gegenposition.

Zu den vertrauten Motiven, denen wir in Kunderas Buch wieder begegnen, gehört die Problematik des Exils. Zu den vertrauten Motiven gehört, apropos Dostojewski, die Ambivalenz des Lachens, die in Kunderas Roman „Das Buch vom Lachen und vom Vergessen“ eine zentrale Rolle spielt. Dass er in diesem Zusammenhang Bachtin nicht erwähnt, zeigt, wie sehr er von eigenen Überlegungen und Erfahrungen ausgeht. Sein Zugang ist nicht der des Wissenschaftlers.

Zu den vertrauten Motiven gehört das Nebeneinander von scheinbar Gegensätzlichem (wie dem Tragischen und dem Komischen, wenn Helena im „Scherz“ sich umbringen möchte und statt der Schlaftabletten Abführmittel einnimmt): die „Idylle der Alltäglichkeit“ und zugleich ein gehenktes junges Mädchen in einem Roman von Marek Bienczyk, die Vermischung von Gefühlsbewegung und Brutalität nach der russischen Invasion der Tschechoslowakei, als Kundera die Musik von Xenakis der patriotischen Musik von Smetana vorzieht. Der folgende großartige Satz ist ein Kundera-Satz, wie er, im eigentlichen und im übertragenen Sinne, im Buche steht: „Doch der Augenblick kann kommen – im Leben eines Menschen oder dem einer Zivilisation –, in dem die Sentimentalität (die bis dahin als eine den Menschen humaner machende und die Kälte seines Verstandes mildernde Kraft gesehen wurde) auf einmal als der im Hass, in der Rache, im Siegesrausch blutiger Schlachten enthaltene ,aufgesetzte Überbau der Brutalität‘ entlarvt wird.“

Zu den vertrauten Motiven gehört das Vergessen in der Geschichte, das „Unentrinnbare der Endlichkeit“ – ebenfalls in der kleinen Abhandlung zu Xenakis. In Kunderas erstem Roman, „Der Scherz“, stellt sich der Erzähler einen „fahrenden Gehsteig vor (die Zeit), und darauf einen Menschen (mich), der gegen die Fahrtrichtung des Gehsteigs anläuft; doch der Gehsteig bewegt sich schneller als ich und trägt mich langsam von dem Ziel fort, auf das ich zulaufe“.

Dieses Bild taucht, sinngemäß, in Kunderas Werk immer wieder auf und entspricht seinem Geschichtspessimismus. Dass er selbst möglicherweise an diesem Prozess des Vergessens beteiligt war, kann nur jene verwundern, die die Gleichzeitigkeit eines weiteren Gegensatzes ignorieren: der allgemeinen intellektuellen Einsicht und der individuellen Verdrängung. Die Psychologie des Menschen, die Kundera in seinen Romanen so genau durchschaut, erlaubt es, gegen eigene Erkenntnisse zu handeln, ohne dabei schuldig zu werden.

Wir wollen nicht verbergen, dass es auch in diesen wie in früheren Essays Kunderas apodiktische Aussagen gibt, die zum Widerspruch reizen. So dekretiert der Schriftsteller: „Anders als die kindische Treue zu einer Überzeugung ist die Treue zu einem Freund eine Tugend, vielleicht die letzte, die einzige.“ Man kann diese Einstellung als Ergebnis einer Erfahrung gut verstehen und akzeptieren, die geprägt wurde durch den Verrat, den nicht nur die von Kundera ausdrücklich genannten „kommunistischen Staatsmänner“ in „stalinistischen Prozessen“ an ihren früheren angeblichen Freunden begangen haben. Wer hingegen in einer Umgebung aufgewachsen ist, in der Freunderlwirtschaft jegliche Überzeugung und jegliche Konsequenz über Bord wirft, wenn sie dem „Netzwerk“ im Wege steht, wer täglich beobachten muss, wie moralische Werte in ihr Gegenteil verkehrt werden, je nachdem ob sie einen „Freund“ oder einen „Feind“ betreffen, der mag schon zu der Ansicht gelangen, dass die Treue zu einer Überzeugung nicht unbedingt kindisch sein muss, dass auch sie eine Tugend und die Treue zum Freund schlicht korrupt sein kann.

Uli Aumüller hat Kunderas unmanierierte, fast sachliche Sprache in ein gut lesbares Deutsch gebracht. Man kann also ohne einschüchternde Terminologie, ohne snobistische Verbalhochstapelei über Künste sprechen. Kundera ist gebildet, aber er stellt seine Bildung nicht aus. Über einzelne Werke redet er fast, als übermittelte er Eindrücke, denen man seine eigenen entgegenhalten kann. Gern stellt er (sich) eine rhetorische Frage, um sie dann doch gewissenhaft zu beantworten. Zu den in Theresienstadt internierten Künstlern bemerkt Kundera: „Was stellte die Kunst für sie dar? Die Art und Weise, das Spektrum der Gefühle und Reflexionen in voller Breite zu erhalten, damit das Leben nicht auf die bloße Dimension des Schreckens reduziert wäre.“ Wer Kunderas Essays liest, begreift, dass in dieser Antwort seine Auffassung von der Funktion der Kunst weit über das KZ hinaus definiert ist. ■




Milan Kundera
Eine Begegnung

Aus dem Französischen von Uli Aumüller. 206 S., geb., €19,40 (Hanser Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2012)

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