Puppenhaus ohne Puppen

13.04.2012 | 18:07 |  Von Jochen Jung (Die Presse)

Unaufdringlich: Schulamit Meixners Debüt „ohnegrund“. Emily Bloom, genannt Amy, isteine junge Jüdin aus London (mit Verwandtschaft in Wien), die nicht zum ersten Mal nach Israel gekommen ist, diesmal aber, um in Tel Aviv Innenarchitektur zu studieren.

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Emily Bloom, genannt Amy, isteine junge Jüdin aus London (mit Verwandtschaft in Wien), die nicht zum ersten Mal nach Israel gekommen ist, diesmal aber, um in Tel Aviv Innenarchitektur zu studieren. Kaum angekommen, trifft sie Nimrod, und ohne dass dieser lange Jagd auf sie machen müsste, beschließen die beiden schon nach wenigen Wochen zu heiraten. Nimrods Eltern bekommen immerhin Gelegenheit zu protestieren, aber jene von Amy, beide sehr mit sich und ihrer Arbeit beschäftigte Künstler, nur eine Karte. Als die sie erreicht, ist die Hochzeit längst vorüber und Amy bald darauf schwanger.

Schulamit Meixner erzählt ihre Geschichte bis dahin unangestrengt, ohne viel Pathos und gelegentlich, nicht unpassend, im Ton eines Jugendbuchs. Eine Weile könnte man tatsächlich meinen, man lese, wie Robert Schneider es auf derRückseite des Buches formuliert, „ein zartes Buch, witzig, zu einem großen Thema. Dennoch bleibt es leicht und versöhnlich wie eine Umarmung.“

So ist es aber durchaus nicht: Dem Wahrheitsanspruch dieses Romans folgend, wird bald klar, unter was für einem emotionalen Defizit die Kommunikation in Amys verstreuter Familie leidet. Aus unterschiedlichsten Gründen finden sie nur oberflächlich zueinander. Amy reagiert auf die Lieblosigkeit ihrer egozentrischen Eltern selbst lieblos, und was in ihrer Schwangerschaft noch Sache der Hormone zu sein scheint, entpuppt sich rasch als verstörte Beziehung zu ihrem nicht weniger egozentrischen Mann, sobald Nimrod die junge Familie gegen ihren Willen nach Indien bringen will, weil er dort die für ihn idealen Arbeitsbedingungen zu finden meint.

 

Mit sich selbst sprechen lernen

Als er ein paar Jahre darauf bei einer Exkursion verschollen ist, kehrt Amy mit ihrer kleinen Tochter in ihr Elternhaus nach London zurück, wo sich bald eine Tante aus Wien hinzugesellt, die einzige, der es mit Umsicht und ohne zu verletzen gelingt, die zunehmend eingeigelten Mitglieder dieser Familie dazu zu bringen, sich dem falschen Bild voneinander zu stellen oder wenigstens hinzuschauen. Es ist der vorsichtige Versuch, Menschen dazu zu bewegen, mit sich selbst zu sprechen, um eines Tages vielleicht auch mit anderen sprechen zu können.

Wenn es einmal heißt, „ihr leiblicher Vater zerstörte jegliches Grundvertrauen, das sie in andere Menschen haben konnte“, dann wird nicht nur der Sinn des Titels deutlich, sondern auch die Gründe, die Menschen voreinander verstummen lassen. Im Übrigen enthält sich SchulamitMeixner erfreulicherweise allzu vorschneller Psychologisiererei. Wenn Amys Tochter von Lisa ein Puppenhaus geschenkt bekommt, in dem es keine Puppen gibt, weil sie nicht mehr zu finden sind, dann ist das deutlich genug.

Wir erfahren in diesem nachdenklichen Buch etwas über das Leben im modernen Israel, im alten Wien und im unspektakulären London, vor allem aber erfahren wir unaufdringlich, doch eindringlich etwas über die ungewollte Kälte und Herzlosigkeit, mit der die Figuren dieses Romans – aber nicht nur sie – einander das Miteinander, also das Leben, immer wieder schwer machen. Im alten Palästina, im heutigen Wien und überall. ■





Schulamit Meixner
ohnegrund

Roman. 192S., geb., €19,90 (Picus Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)

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