Eine Karte aus Jerusalem

13.04.2012 | 18:09 |  Von Gerhard Zeillinger (Die Presse)

„Schimons Schweigen“: Vladimir Vertlibs Roman über eine erkaltete Freundschaft, über problematische Identitäten und eine tragikomische Resonanz auf die eigene Herkunft.

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Unser heutiger Gast ist österreichischer Autor, Jude, in Russland geboren. Er hat Bücher zum Thema Migration und jüdische Identität geschrieben und ein paar weitere mehr.“ – Ein Autor ist unterwegs auf Lesereise durch Israel. Dort war er als Kind einer russischen Emigrantenfamilie schon zweimal gewesen. Das Sesshaftwerden ist jedes Mal misslungen. Jetzt werden Freunde und Verwandte besucht, bei einer Familie im besetzten Gebiet wird Seder gefeiert. Und der Autor will Schimon besuchen, den einst besten Freund seines Vaters, ebenfalls ein russischer Emigrant. Doch die beiden Männern haben 30 Jahre lang nicht mehr miteinander geredet.

Rasant gerät der Leser in eine Familiengeschichte hinein, die zudem eine Geschichte von verlorener und nicht mehr wiedergefundener Heimat ist, die Geschichte von der prekären Identität des Jude-Seins auf der Welt und der besonderen Schwierigkeit des Jude-Seins in Israel. Tanya, die als ebenso Entwurzelte hier eine Heimat gefunden hat, bringt es auf den Punkt: „Wenn ich schon zu Hause fremd war, so möchte ich wenigstens in der Fremde zu Hause sein.“ Und es ist eine österreichische Geschichte. Die Geschichte von Vladimir Vertlib selbst.

Der Autor im Roman ist deutlich sein Alter Ego, er ist sich seiner Herkunft bewusst, aber nicht an Traditionen gebunden, er ist ein moderner Mensch, auch wenn er unter Flugangst leidet. Im Flugzeug evaluiert er die eigene Geschichte: „Ich habe keine guten Erinnerungen an Israel.“ So viel an Distanz erfährt der Leser schon zu Beginn. Auch das Handlungsmuster ist schnell umrissen. In Israel liest der Autor aus einem neuen Roman, den er vor Kurzem begonnen hat, der Titel: „Schimons Schweigen“.

Damit sind die beiden Romanebenen schon wunderbar verzahnt, Gegenwart und Familiengeschichte, man kann das eine ohnehin nicht vom anderen trennen. So wie Fiktion und Realität immer eine Einheit bei Vertlib bilden. In seinen autobiografisch gefärbten Büchern, „Abschiebung“ und „Zwischenstationen“, geht es stets um die eigene Herkunft, sie ist sozusagen der narrative Urstoff. Vielleicht ist dies sein persönlichstes Buch, weil es auch eine Art Heimkehr ist.

Erstmals nach 30 Jahren kommt der Autor wieder nach Israel. Hier leben nicht nur fast alle seine Verwandten, hier hat, wie er selbst sagt, seine Emigration begonnen. Zweimal hat die Familie in Israel gelebt, zweimal ist sie, heimlich, wieder weggegangen. Dabei war Israel der Sehnsuchtsort des Vaters, dafür hatte er lange gekämpft. Aber wie das sein kann, wenn etwas in Erfüllung geht, ist es am Ende ganz anders als geplant. Es ist der schmerzlichste Punkt in der Familiengeschichte. „Jemand, der zuwanderte und das Land wieder verließ, war ein ,Jored‘, ein Absteigender, ein Verräter.“

Noch intensiver als bisher erzählt Vertlib die Geschichte vom Fortgehen und Ankommen, von der Problematik des jüdischen Emigranten, ob in Israel oder Österreich. Er erzählt sie authentisch und gelassen, aus einer Distanz, die Souveränität bekundet. So unaufgeregt über die Probleme des Judentums zu schreiben gelingt selten, obwohl sich alles in dieser Geschichte auch noch im Nachhinein kompliziert anhört: „Ich hasse Umzüge. So oft wie ich als Kind umgezogen bin.“ Das prägt. Die tristen Emigrationsjahre, das Hin- und Hergeschobenwerden, das Kind, das von Mitschülern verprügelt, als Ausländer beschimpft wird.

Innerhalb von zehn Jahren hat die Familie zwölfmal den Ort gewechselt, in insgesamt sieben Ländern ist sie gewesen. Bis schließlich Wien zum dauerhaften Zuhause wurde. Dort, wo gerade die Causa Waldheim die Gesellschaft spaltet, erlebt sich der Schriftsteller zu Beginn seiner Studienzeit noch lange als Außenseiter, als der Emigrant mit „russisch-jüdischer Herkunft“. Es dauert lange, bis man angekommen ist. Der Vater hat es nie geschafft, das belastet den Sohn.

Doch trotz Ausländerfeindlichkeit, trotz Haider und schwarz-blauer Koalition gibt es keinen Grund, wieder wegzugehen. Was sollte man erst recht in Israel? Das ist israelische Realität: „Du erkennst einen Terroristen nicht, wenn er in den Bus steigt.“ Nun gehen die Bruchlinien in der israelischen Gesellschaft quer durch die eigene Identität und lassen die Familiengeschichte fast überholt erscheinen. „Was sind schon meine Erinnerungen im Vergleich zu ihren Erlebnissen?“, räsoniert der Autor bei israelischen Freunden. Aber muss ihn die Wirklichkeit Israels noch berühren? Und was hat das mit Schimons Schweigen zu tun?

Das Schweigen, mit dem zwei sture Männer einst ihre Freundschaft begraben haben, ist eine zutiefst tragikomische Geschichte. Zusammen hatten sie 1966 in Leningrad eine verbotene zionistische Organisation gegründet und waren in die Fänge des KGB geraten. Von da an lief alles auseinander. Schimon hat den KGB-Verhören nicht standgehalten, sein bester Freund hat später Israel den Rücken gekehrt. Beide sind überzeugt, der jeweils andere habe Verrat an der Sache geübt. Nach 15 Jahren Schweigen sendet Schimon eine Ansichtskarte von der Klagemauer in Jerusalem. Der Vater, der wie Schimon darauf besteht, dass der andere sichzuerst entschuldigen müsse, antwortet mit einer Karte vom Wiener Heldenplatz. Einige nichtssagende Zeilen, das war's.

Als sich der Autor auf Lesereise nach Israel begibt, ist das alles lange her. Der Vater ist seit zehn Jahren tot, Schimon lebt sein russisches Emigrantenleben in einem israelischen Reihenhaus. Der Autor begegnet einem immer noch aufgebrachten Mann, der seinen Frieden auch darin nicht finden kann, dass er etwa versucht, witzig zu sein. Das gelingt ihm so wenig wie ein abgeklärter Blick auf die Vergangenheit. Der Autor bleibt bei all dem gelassen, er hat ohnehin nicht das Problem mit dem Zuhausesein: Er hat Kindheit und Jugend in diversen Ländern verbracht, er ist so in einem Zustand der Heimatlosigkeit aufgewachsen.

Was ist nun russische, was jüdische und was israelische Identität beziehungsweise das alles zusammen? Und wie geht man damit um, wenn man sich darauf eingestellt hat, nirgendwo daheim zu sein? Vladimir Vertlib, 1966 in Leningrad geboren, ist schon an vielen Orten der Welt vergeblich zu Hause gewesen, jeder Ort war ein Lebensversuch. Heute lebt er in Salzburg und Wien und hat aus dem „vielen Hin und Her“ seiner Kindheit und Jugend die Form seines Schreibens geschöpft. Vielleicht beantwortet genau das die Frage nach der Identität. Im Roman lässt Vertlib seinen Autor sagen: „Das Schreiben hat mir geholfen, die Welt zu erkunden und mich selbst zu verstehen.“ Ein Ergebnis davon ist dieses wunderbare Buch. ■





Vladimir Vertlib
Schimons Schweigen

Roman. 270 S., geb., €20,50 (Deuticke Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)

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