Von der Kultur des Hinsehens

20.04.2012 | 18:28 |  Von Ernst Fürlinger (Die Presse)

Ein sachkundiger Beitrag, wie Muslime in Österreich leben: Ein lange erwartetes Überblickswerk zum Islam in Österreich, vorgelegt von drei der führenden Experten.

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Ein lange erwartetes Überblickswerk zum Islam in Österreich, vorgelegt von drei der führenden Experten. Lange erwartet, weil ähnliche Publikationen bereits veraltet waren („Islam in Österreich“, 1997) oder zwar neueren Datums sind, aber wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen (etwa „Zwischen Gottesstaat und Demokratie“, 2008). Thematisch reicht das Buch von der Geschichte des Islam in Österreich, den muslimischen Organisationen und der Institutionalisierung des Islam bis zu den Beziehungen zwischen Islam und Christentum.

Die Zusammenarbeit dreier Wissenschaftler aus verschiedenen Fachdisziplinen erweist sich für dieses anspruchsvolle Unternehmen als Glücksfall. Kontroverse Felder wie der Zusammenprall zwischen bestimmten kulturellen Traditionen und universalen menschenrechtlichen Prinzipien oder umstrittene Begriffe wie „Parallelgesellschaft“ oder gesellschaftliche Auseinandersetzungen, wie jene um islamische Bekleidungsregeln, werden nicht ausgespart, sondern mit großer Sorgfalt behandelt.

Der Überblick über die komplexe Landschaft muslimischer Organisationen ist besonders wertvoll, weil er die nötige Basis für eine Differenzierung zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb des Islam in Österreich schafft. In manchen Abschnitten würde man sich ein konkreteres Eingehen auf bedenkliche Entwicklungen wünschen, zum Beispiel zur Frage des Einflusses der Muslimbruderschaft in Österreich.

 

Postislamistische Entwicklungen

Bei der islamischen Gemeinschaft Millî Görüş wird auf „postislamistische“ Entwicklungen hingewiesen – allerdings gestützt auf die Forschung zur Situation in Deutschland, deren Ergebnisse nicht einfach auf die österreichische übertragbar sind. Das Buch bietet trotzdem eine souveräne Übersicht der gegenwärtigen Forschung zum Islam in Österreich. Es weist auf großen Lücken in der empirischen Forschung hin, etwa zu einzelnen muslimischen Verbänden.

In allen Teilen des Buches praktizieren die drei Autoren, was der deutsche Kulturanthropologe Werner Schiffauer als „neue Kultur des genauen Hinsehens“ gefordert hat: den sorgfältigen, sachlichen Blick auf die komplexen Wirklichkeiten der Einwanderungsgesellschaft und des Islam als Teil einer vielfältiger gewordenen religiösen Landschaft. Zu den oft einseitigen und polemischen Islamdebatten der vergangenen zehn Jahre bietet das Buch ein wohltuendes Gegengewicht.

Die drei Autoren wollen zu einer Versachlichung und Differenzierung beitragen, ohne reale Probleme schönzureden. Das Buch wird die Fraktion der erbitterten Islamkritiker nicht überzeugen, weil sie sich ihr Feindbild nicht nehmen lassen – aber es wird jenen, die um eine ausgewogene, rationale Position bemüht sind, eine zuverlässige Grundlage bieten.

Das Buch stellt einen bedeutenden publizistischen Beitrag zum heurigen 100-Jahr-Jubiläum der gesetzlichen Anerkennung des Islam in Österreich dar. Es ist ein Geschenk an die Gesellschaft, die vor der historischen Aufgabe der Integration der Muslime steht. Das Buch kann helfen, dieser Aufgabe mit größerer Sachkundigkeit gerecht zu werden. ■


Susanne Heine, Rüdiger Lohlker, Richard Potz
Muslime in Österreich

Geschichte – Lebenswelt – Religion. 294 S., brosch., €27,95 (Tyrolia Verlag, Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)

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