Frühstück bei Roosevelt

20.04.2012 | 18:28 |  Von Oliver vom Hove (Die Presse)

„Thomas Mann, der Amerikaner“: Hans Rudolf Vagets beein-druckende Studie zu Manns 14-jährigem Exil in den USA räumt auf mit dem Vorurteil, der deutsche Dichter wäre sein Leben lang ein unpolitischer Autor gewesen.

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Der „Anschluss“ Österreichs bescherte Thomas Mann Unordnung und spätes Leid. Als sich das Land im März 1938 dem Hakenkreuz ergab, war der namhafteste deutsche Schriftsteller „furchtbar unglücklich und beängstigt“, wie er seinem Tagebuch anvertraute. Thomas Mann befand sich damals auf seiner ersten Vortragstournee quer durch den amerikanischen Kontinent. Von Philadelphia aus, wo ihn die Nachricht vom „Gewaltakt an Österreich“ erreichte („Depression, Erregung. Änderung des Anfangs der lecture“), ging es über Chicago in den Mittleren Westen, nach Kansas City und weiter nach Tulsa in Oklahoma.

In Zeitungsinterviews entwarf er ein für die Amerikaner befremdlich düsteres Bild der deutschen Expansionsgelüste: „Hitler wird sich nie zufriedengeben“, warnte er: „Der Mann ist machttoll.“ Ungarn und die Tschechoslowakei seien als nächste Eroberungsopfer an der Reihe. „Nichts weniger als ein Krieg oder ein gewaltsames Ende wird den Führer bremsen.“ Im Tagebuch verzeichnete er seine Gemütslage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich unverstellt: „Gequält von Gram und Hass. Käme der Krieg! Écrasez l'infame! Befreiung von diesem Alp des Ekels! Man erstickt.“

In Tulsa, Oklahoma, reifte unter dem Eindruck der Annexion Österreichs in dem Dichter der Entschluss, Europa zu verlassen und sich in Amerika, das er soeben als Gast aus der Schweiz bereiste, niederzulassen. Sein Misstrauen in die Appeasement-Politik der Hitler-Gegner war in Verachtung umgeschlagen: „Schwachköpfe, die nicht sahen, dass, wenn man Österreich zuließ, kein Halten war. Welcher Triumph der Gewaltmajestät! Welche Folgen für das europäische Denken!“

Schon im April 1935 hatte der Diarist vermerkt: „Jedes pazifistische Wort ist unmöglich geworden.“ Nun schrieb er an den befreundeten Schriftsteller Ferdinand Lion: „Einem Europa, in dem die Schandtat an Österreich möglich war, mag ich nicht mehr angehören.“ Mit seiner Übersiedlung in die USA fünf Monate später vertraute er sich und seine Familie einem Staatsmann an, dem er fortan seine bedingungslose Zuneigung und Anteilnahme zuteil werden ließ: Franklin Delano Roosevelt. In den späten Dreißigerjahren war dies keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Der „New Deal“ des 1936 triumphal wiedergewählten Präsidenten, der den Reichen des Landes eine beträchtliche Solidarleistung abverlangte, wurde von den Republikanern in wütenden Attacken landesweit bekämpft. Roosevelt, der ihnen als „hochverräterischer Sozialist“ galt, hieß in jenen militanten Kreisen nur mehr verächtlich „that man in Washington“. Und im Unterschied zum bedingungslos antifaschistischen Demokraten Roosevelt propagierten die republikanischen „Isolationisten“ eine strikte Doktrin der Nichteinmischung, die sich weltpolitisch verantwortungsscheu hinter den Zaun zu stellen suchte.

 

„Hitler muss gestürzt werden“

Im Exil in Amerika tat Thomas Mann, was er vermochte, um Roosevelt und seiner sowohl nazifeindlichen wie sozial offensiven Politik den Rücken zu stärken. In dem Mann im Weißen Haus sah er den einzigen Staatslenker, der Hitler besiegen konnte. In insgesamt fünf Vortragstourneen reiste der Dichter in den folgenden Jahren wochen- und monatelang quer durch die USA und führte seinem Publikum die Unausweichlichkeit einer militärischen Konfrontation mit dem deutschen Terrorregime vor Augen. So beschwor er etwa nach dem „Münchner Abkommen“ in öffentlicher Rede vor 20.000 Anwesenden im New Yorker Madison Square Garden seine Zuhörer, „diesen Frieden als Verrat und Untat aus entsittlichter und lügenhaft-überflüssiger Friedensliebe“ zu begreifen: „Hitler muss gestürzt werden! Das und nur das wird den Frieden bringen.“

Roosevelt wusste die Unterstützung und Bewunderung des prominentesten deutschen Exilanten zu schätzen. Gleich mehrmals lud er das Ehepaar Mann ins Weiße Haus ein, einmal, im Jänner 1941, sogar zwei Tage lang samt Logis im Gästetrakt. Betroffen sah Thomas Mann die körperliche Gebrechlichkeit des durch eine Kinderlähmung schwer behinderten Präsidenten. Er hing ihm, den er fortan „Cäsar im Rollstuhl“ nannte, mit geradezu mythischer Verehrung an. In seiner Rede „Vom kommenden Sieg der Demokratie“ hatte er schon 1938 im Sinn des New Deals seinen Wunsch des „Notwendigen“ formuliert: dass die „Demokratie im Ökonomischen wie im Geistigen aus einer liberalen zur sozialen Demokratie werde“.

Türen ins Weiße Haus wie zu vielen nützlichen Institutionen hatte dem Einwanderer die deutschstämmige Journalistin Agnes Meyer geöffnet, deren Einfluss als Ehefrau eines Finanzmagnaten und Besitzers der maßgeblichen „Washington Post“ nicht hoch genug angesetzt werden kann. Sie ebnete ihrem Idol, dem sie vergeblich auch erotisch nahezutreten suchte, die Wege zur festen Anstellung an der Universität Princeton wie zum höchst einträglichen Beratervertrag mit der Library of Congress in Washington. Dabei entbehrte es nicht der Pikanterie, dass „die Meyer“ als erklärte Anhängerin der republikanischen Partei Roosevelts Politik entschieden ablehnte, was dem so tatkräftig geförderten deutschen Literaten manch geharnischten Tadel seiner Gönnerin eintrug.

Das alles war auch bisher schon bekannt. Doch in einer breit angelegten Darstellung des amerikanischen Germanisten Hans Rudolf Vaget wird auf beeindruckende (und spannend lesbare) Weise deutlich, wie umfangreich sich Thomas Manns politisches und publizistisches Engagement in den 14Jahren seines amerikanischen Aufenthalts entfaltete. Vaget macht sich auf die Fährte der ausgedehnten Vortragsreisen, die dem fast 70-Jährigen, anfangs der englischen Sprache nur mangelhaft mächtigen Autor trotz fortwährenden Komforts große körperliche Strapazen, aber auch eine ungewöhnliche Kenntnis von Land und Leuten beschert haben, sodass Vaget urteilen kann: „Thomas Mann hat mehr von Amerika gesehen und zu mehr Amerikanern gesprochen als jeder andere deutsche Emigrant. Deshalb war er mit Pauschalurteilen über Amerika und die Amerikaner weniger rasch zur Hand als die meisten seiner Schicksalsgenossen. Je länger er im Land lebte, desto mehr Vorurteile warf er über Bord. Er warf sie sozusagen aus dem fahrenden Zug.“

Nicht nur der Sonne Kaliforniens, sondern auch der Scheinwerfer Hollywoods wegen siedelte sich der Autor 1941 mit seiner Familie an der amerikanischen Westküste an und bezog 1942 eine eigens für ihn erbaute Villa in Pacific Palisades, hoch in den Hügeln von Santa Monica. Dort schrieb er seine „biblische Dichtung, die Joseph-Saga“, zu Ende, die er selbst als ein „in dunkelster Stunde gesungenes Menschheitslied“ bezeichnete. In den Abschlussband, „Joseph der Ernährer“, ging viel von den Erfahrungen mit Roosevelt und seinem New-Deal-Programm ein.

Der begeisterte Kinogänger Mann erhoffte sich in Los Angeles eine Zusammenarbeit mit den Filmstudios. Immerhin hatte die Starjournalistin Janet Flanner anlässlich seiner Übersiedlung im „New Yorker“ eine viel beachtete Reportage mit dem Titel „Goethe in Hollywood“ publiziert. Indes, die Verhandlungen über eine Verfilmung des Joseph-Romans zogen sich hin, sodass Thomas Mann schließlich über das „Movie-Gesindel“ resigniert feststellte: „Wer auf den Film baut, baut auf Satans Erbarmen.“

Thomas Mann lebte mehr als ein Dutzend Jahre in den USA, ab 1944 als eingebürgerter Amerikaner. Im Herbst 1944, in einer Wahlkampfrede für Roosevelt, hatte er vor der großen Gefahr gewarnt, „dass in diesem Lande die Kräfte der Reaktion, des Isolationismus, der rassischen Intoleranz, der verstockten und blinden Renitenz gegen die Notwendigkeit sozialer Veränderungen“ die Oberhand gewinnen könnten. Tatsächlich drehte sich nach Roosevelts Tod 1945 die politische Stimmung, und die einsetzende Hetze gegen die Linke im Land vergällte dem Autor zunehmend den Aufenthalt. Die fortgesetzten Anwürfe und Verdächtigungen in der hysterischen McCarthy-Ära, die geheimdienstliche Überwachung, zuletzt die 1950 vom FBI erwirkte Absage seines Vortrags „Meine Zeit“ – ein Mahnruf wider den Kalten Krieg – in der ihm so vertrauten Washingtoner Kongressbibliothek bewogen ihn 1952 verzagt zur Rückkehr in die Schweiz.

Die Studie Vagets räumt endgültig mit dem Vorurteil auf, Thomas Mann sei im Grunde lebenslang ein unpolitischer Autor geblieben. Tatsächlich hatte er bereits in der Weimarer Republik zu den umkämpftesten Gegnern des aufkommenden Nationalsozialismus gehört.

 

Bis alles Schaum vor dem Mund hat

Öffentlicher Höhepunkt dieser Fehde war die „Deutsche Ansprache“ gewesen, die Mitte Oktober 1930 im Berliner Beethoven-Saal im handgreiflichen Tumult der Nazis beinahe untergegangen war: „Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heilsarmee-Allüren, Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Mund hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase. Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.“

In Amerika, gegen Ende des Krieges, zeigte sich des Autors Weitsicht erneut eindrucksvoll, als er beklommen vor dem politischen Schwenk in einen neuen Ost-West-Konflikt warnte und – auch in diesem Zusammenhang – seine Stimme energisch gegen eine Entkoppelung von Demokratie und Sozialstaat erhob. Der Autor, der bei seiner Ankunft 1938 in New York auf Fragen der Reporter nach seinem Repräsentationsanspruch stolz „Wo ich bin, ist Deutschland“ erklärt hatte, hatte damit seine Haltung bekräftigt, Präzeptor eines „anderen“, „besseren“ Deutschlands zu sein. Als solcher hatte er seit 1941 via BBC regelmäßige Ansprachen an „Deutsche Hörer!“ gehalten und seine maßgebliche Stimme warnend und aufrüttelnd an das Ohr seiner Landsleute gerichtet.

Das wurde ihm nach Kriegsende vielfach als anmaßend ausgelegt – ein zusätzlicher Grund für manche Verbitterung des Autors im Alter. Indes, er hatte aus der amerikanischen Emigration eine Erfahrung mitgebracht, die mit sicherem Vorauswissen das Zeitgefühl unserer Gegenwart benennt: „Das Exil ist etwas ganz anderes geworden, als es in früheren Zeiten war. Es ist kein Wartezustand, den man auf Heimkehr abstellt, sondern spielt schon auf eine Auflösung der Nation an, und auf die Vereinheitlichung der Welt. Alles Nationale ist längst Provinz geworden.“ ■



Hans Rudolf Vaget
Thomas Mann, der Amerikaner

Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938–1952. 592 S., Ln., € 25,70 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)

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