Das Tütchen Crack

27.04.2012 | 19:12 |  Von Julia Kospach (Die Presse)

Ein junger, erfolgreicher New Yorker Literaturagent lässt alle Errungenschaften seines Lebens hinter sich, um nur mehr Crack zu rauchen. Das ist Bill Cleggs autobiografisches „Porträt eines Süchtigen als junger Mann“.

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Das Kind, das Bill Clegg war, hatte ein Problem. Das Problem, wie es seine Eltern nennen. Es quälte ihn über Jahre, jedes Mal, wenn er sich zum Pinkeln im Klo einschloss und der erleichternde Strahl nicht und nicht kommen wollte, minuten- und halbe Stunden lang. Während draußen der Vater schon schrie und schimpfte, wand sich Bill drinnen und schwitzte vor der Klomuschel. Er wusste, es würde brennen, „als ob Glassplitter rauskämen“. Trotzdem wollte er es endlich, endlich hinter sich bringen. „Wenn der brennende Druck überhandnimmt und sein Körper unter ihm wegklappt, hört er nichts. In diesem Moment des Überschießens, in dem er jede Kontrolle verliert und sich alles in Schmerz und Erleichterung auflöst, bespritzt er die Wand, den Fußboden, die Heizung, sich selbst.“ Dem kleinen Sinnesschwund folgten jedes Mal ein hektisches Putzritual und der Spießrutenlauf draußen – vor den Eltern. Bill Cleggwar fünf Jahre alt.

Die Ursache für seine Pinkelprobleme wurde nie gefunden. Irgendwann hörte es einfach auf und reihte sich rückblickend in eine lange Reihe demütigender Erfahrungen von Unzulänglichkeit, Heimlichkeit und Minderwertigkeitsgefühl ein. Doch gab es daimmer auch den herrlichen Moment, in demBill Clegg aus seiner Misere ausbrechen konnte und sich für einige Augenblicke der Schönheit des kurzen freien Falls hingab. Erst half ihm dabei der Alkohol, später kamen die Joints dazu, noch später – da war Bill Clegg in seinen Zwanzigern – das Crack-Rauchen. Aus der ungesunden Mischung wurde ein Muster, ein Doppelleben, gestricktaus einer strahlenden, aber brüchigen Fassade, hinter der die Geheimnisse und der Absturz lauerten – und lockten.

Inzwischen ist Bill Clegg 40, ein außergewöhnlich gut aussehender Mann von bubenhaftem Charme, der ein Buch über sein Leben geschrieben hat. Es trägt den Titel „Porträt eines Süchtigen als junger Mann“ und erzählt von zweieinhalb Jahrzehnten Suchterfahrung. Vor allem aber erzählt es von ein paar Wochen im Jahr 2005, als Bill Cleggs Sucht ihren Höhepunkt erreicht hat und die dünne Trennwand zwischen seinem offiziellen und seinem Geheimleben eingestürzt ist. Clegg – so lautet die gängige Formulierung – „hatte alles“: Er war ein äußerst erfolgreicher New Yorker Literaturagent, der so große Namen der US-Literatur wie Nicole Krauss entdeckt hatte. Er hatte einen wunderbaren Lebensgefährten, lebte mit diesem in einem luxuriösen Apartment an der 5th Avenue, er hatte Wohlstand, Erfolg und Anerkennung. Daneben ging er seit Jahren seiner Crack-Sucht nach, von der er dachte, er hätte sie unter Kontrolle.

2005 schließlich gewinnt das Crack die Oberhand. Bill Clegg taucht ab. Nichts mehr interessiert ihn außer der Frage, wo das nächste Tütchen mit Crack herkommt. Er vergisst den Beruf, verschwindet tageweise aus dem Leben seines Lebensgefährten, hörtdie Handymailbox nicht mehr ab, versinkt in einem Drogenstrudel, in dem er innerhalb von ein paar Wochen 70.000 Dollar – alle Ersparnisse – für Drogen ausgibt: Seine Tage spielen sich zwischen Crackpfeifen, abgedunkelten Hotelzimmern, bezahlten Callboys und Wodkaflaschen ab. Es geht um Drogen, Sex und beschleunigte Selbstzerstörung. Wer immer bereit ist, ein Stück dieses Weges mit ihm zu gehen, ist ihm recht: Stricher, Junkies, Dealer, Taxifahrer.

Die Memoiren Drogensüchtiger sind ein eingeführtes Genre. Was die Natur der beschriebenen Abwärtsspirale betrifft, fügt Bill Clegg ihm auch nichts wesentlich Neues hinzu. Aus Leserperspektive wirken Drogenerinnerungsbücher ähnlich kathartisch wie Horrorfilme: Anteilnahme ja, aber im Hinterkopf wohlige Dankbarkeit dafür, dass man selbst dort nicht hinmuss, wo sich solche total unkontrollierten, drogeninitiierten Selbstentäußerungsorgien abspielen.

Im Rahmen des Genres ungewöhnlich ist Cleggs Buch auf einer anderen Ebene: der literarischen. Dass literarische Erinnerungen an eine Zeit, in der einem das Erinnerungsvermögen durch Drogen maßgeblich vernebelt war, schon einmal per se eine mehr oder weniger kunstvolle Rekonstruktion von Erinnerung sein müssen, ist der eine Teil. Wie diese Rekonstruktion vor sich geht, ist das Interessante an diesem Buch. Gebaut ist es aus zwei ineinander verschachtelten Erzählsträngen – der eine erzählt in der Ich-Form von den Absturzwochen des Jahres 2005. Der andere in der dritten Person von seiner Kindheit im kleinbürgerlichen Milieu, vom zynischen Vater, von der kranken Mutter, den ersten Freundschaften und der Entdeckung der Literatur.

Das Lesen, wird Clegg später in Interviews sagen, ist die einzige gesunde Sucht seines Lebens. Vom College fliegt er wegen Marihuanabesitzes, in New York findet er zwar bald einen Job in einer Literaturagentur, doch das Gefühl, von wohlhabenderen, auf Elite-Unis besser erzogenen Menschen umgeben zu sein, sitzt im Hinterkopf als ständige Schmerzquelle fest. Das Erzählen in der dritten Person sorgt in diesem Strang der Geschichte für mehr Distanz. Das gibt vielleicht einen Hinweis darauf, dass es diese weit zurückliegenden Erlebnisse des Kindes, Teenagers und jungen Erwachsenen sind, die mit besonders viel Scham und Schmerz verbunden sind – mehr als die radikalen Drogen-, Sex- und Selbstzerstörungserfahrungen der späteren Jahre.

Die Basis des Buchs waren Tagebücher, die Clegg während seines Entzugs geführt hat. Er machte kurze Kapitel daraus, deren Stimmung fiebrig, fahrig, unruhig und zermürbend ist – wie die Stimmung des Süchtigen, der darauf wartet, dass sein Dealer gegen Abend endlich für Nachschub sorgt. Jedenfalls hat Clegg eine Sprache gefunden, die die Sucht erlebbar macht, die einen die Stimmung einer schwindelerregenden Abwärtsbewegung nachvollziehen lässt.

Ein großer Teil des Buches spielt sich in schicken Downtown-Hotelzimmern ab, die Bill Clegg teils über Wochen in Luxusdrogenhöhlen verwandelt und wo auch seine zunehmende Paranoia mehr und mehr Gestalt annimmt. Drogenfahnder, alte Freunde,seine Familie, sein eigener Lebensgefährte – wer immer ihn dort hätte aufstöbern können, wird zur Feindfigur. Die Angst bekämpftClegg mit noch mehr Wodka und noch mehr Crack – irgendwann mit Mengen, die einen weniger geübten Süchtigen wohl sofort in den Herzstillstand treiben würden. Dass Clegg aus diesem Kreislauf herausgefunden hat, ist vielleicht noch erstaunlicher als seine in seinem Buch festgehaltenen Erinnerungen daran. Wie das ging, wird er im nächsten Buch erzählen. Der Vertrag dafür ist schon unterschrieben. ■


Bill Clegg
Porträt eines Süchtigen als junger Mann

Autobiografie. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch.
272 S., geb., € 20,60 (S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2012)

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